| Archiv | x | ||
|
Olaf Karnik Stefan
Heuer Axel Dielmann Adrian
Kasnitz adrian
kasnitz Adrian Kasnitz Die
besten Bücher 2003 Olaf Karnik
|
Benedikt Geulen FRANK RONAN: COSMIC DANCER Home, sweet home Was passiert,
wenn man zu viel "Herr der Ringe" liest und die ausufernde
Kunde, die uns J.R.R. Tolkien von Hobbits, Zauberern und mythischen
Königen bringt, nach langatmiger nächtelanger Lektüre
wirklich so richtig ernst nimmt? Nun ja, heute geht man einfach in einen
beliebigen Teil der Verfilmung und gewinnt recht schnell die Bodenhaftung
wieder, wenn man sieht, wie ein paar gut berechnete Special Effects
die phantastische Parallelwelt schnell und rückstandslos in den
Griff bekommen. Aber Mitte der 60er Jahre konnte ein längerer Ausflug
nach Mittelerde durchaus nachhaltigere Irritationen hervorrufen. Der
erleuchtete Tolkien-Fan Julian jedenfalls gründet um diese Zeit
herum mit seinem Gefährten Mervyn im englischen Devon eine Landkommune.
Deren Behausung, kurz und prägnant "HOme" (mit großem
O) genannt, hat ganz nach dem Vorbild der Hobbit-Siedlungen keine Treppen
und nur runde Fenster. Eine bunte Schar Fliegenpilz-kauender Hippies
hat hier im Jahr 1968, in dem Frank Ronan mit seiner Geschichte beginnt,
ihr neues Zuhause gefunden. Mitten dort hinein ist der Held der Geschichte
geboren worden. Seinen eigentümlichen Namen Coorg verdankt er einem
Glas Honig, das diese Aufschrift trug und nach dem es seine Mutter Brenda
bei seiner Geburt aus unerfindlichen Gründen gelüstete. Als
einzigem Sproß, den die Kommune hervorbringt, werden ihm wie selbstverständlich
überdurchschnittliche Fähigkeiten zugesprochen. Er ist für
alle der neue Merlin, und so lasten fortan eine ganze Menge diffuser
Wünsche, Projektionen und Hoffnungen der Kommunarden auf seinen
schmalen Schultern. Aber das soll nur der kleinste Anlaß für
die zunehmenden Verwirrungen und Traumatisierungen in Coorgs Kinder-
und Jugendjahren bleiben. Eine wüste Geschichte, die uns Frank Ronan in "Cosmic Dancer" auftischt. Aber es ist alles nicht ganz unwahrscheinlich, was in diesem Roman exemplarisch geschildert wird. Und es macht einfach großen Spaß, der Geschichte seines über weite Strecken bemitleidenswerten und eher unfreiwilligen Helden zu folgen. Ohne sich einfach nur über die eine oder andere Glaubensrichtung und Erziehungsmethode lustig zu machen, entlarvt Ronan die Spießigkeiten und Borniertheiten sowohl der bürgerlich-christlichen wie der flower-power-esoterischen Weltanschauung und führt sehr plastisch die daraus resultierenden, mitunter quälenden Lebensbedingungen vor. Anders als Modeautoren wie bespielsweise Michel Houellebecq, verfällt Frank Ronan nicht in eine bitter-zynische Abrechnungshaltung gegenüber der Generation der 68er. Dadurch, daß er seinen Protagonisten nacheinander widersprüchliche Lebensschulen durchlaufen läßt, gelingt es ihm hier, ohne mit dem moralischen Zeigefinger deutlich in die eine oder andere Richtung zu zeigen, gleichzeitig die Absurdität und Zwangsläufigkeit unserer wie auch immer gesammelten, tradierten oder sonstwie angeeigneten Lebensweisheiten aufzuzeigen. Und wie gesagt, an erster Stelle steht der Spaß für den Leser. Und sei es auch nur der, alle in den Kapitelüberschriften genannten T.Rex-Songs aus dem Plattenschrank zu kramen, sie wieder einmal aufzulegen und sich hemmungslos zurückzuversetzen in die Zeit, als der "Cosmic Dancer" umging. Frank Ronan, Cosmic Dancer, Roman, 312 Seiten, Eichborn Verlag 2003, 19,90 €
|