Patrick
Baumgärtel
SIMPLE
STORIES.
Von
der Allgegenwart des Alltags. Wie viel Vögel, der Debüt-Erzählungsband
der Leipzigerin Franziska Gerstenberg.
"Du wolltest doch immer nach Amsterdam." Die jungen Menschen
in Franziska Gerstenbergs Erzählungen befinden sich in Ferienhäusern,
Wildparks, Autobahnmotels, Schwimmbädern, Suppenküchen, Billardkneipen
oder auf Zeltplätzen. Sie trinken Fanta Grapefruit, grünen
Tee, Spezi, Wein, Kaffee Coretto und auch mal Caipirinha. Sie essen
mittags Kartoffelbrei mit Leber, Zwieback mit Marmelade, Toast mit Schinken
und Ei zum Frühstück. Sie reisen, feiern, tanzen, gehen ins
Kino oder in die Schule. Bundesdeutscher Alltag also, wie es im Klappentext
heißt. Nur ganz nebenbei sind sie ein bißchen unglücklich.
Manchmal bemerken sie das sogar. Sehnsüchte gibt es, ja. Hoffnungen,
ja. Verlangen, ja. Was der Unterschied zwischen Hoffnung und Zuversicht
sei? Doch da wird der Kaffee oft schon kalt. "Sie glaubt noch an
den ersten Blick, immer noch", heißt es in einer Erzählung.
Der so Geliebte, zwanzigjährig und Sohn russischer Einwanderer,
nimmt sie bei ihrer ersten Verabredung mit nach Hause zu den Eltern.
Dort essen sie Borschtsch und blättern die Fotoalben der Eltern
durch, stoßen mit Wodka auf deren Hochzeit an. Sie werde sicher
auch eine schöne Braut sein. So kreuzen sich die Wege der Protagonisten
in ihren Lebensträumen. Meistens sind es die Ich-Erzähler,
die, sensibel und gefährdet, mit ihrem Wunsch nach Liebe allein
bleiben. Dann denkt man eben daran, sich einen Hund zu kaufen und verführt
von Zeit zu Zeit einen Handwerker. Die Eltern sind zerstritten, getrennt
oder einfach zu weit weg, die Beziehungen der Kinder fast zwangsläufig
zum Scheitern verteilt. Verständigung unmöglich, wie Thomas
Bernhard sagen würde. Man versucht zu retten, was nicht zu retten
ist. Wenn es denn einmal zarte Hoffnungen auf Annäherung gibt,
werden sie von der Außenwelt zerstört, wie in der vielleicht
außergewöhnlichsten Erzählung, Glückskekse, wo
die Besucherin des Ferienbauernhofes sich in die Tochter des Bauern
verliebt. Mit bitter-leichter Komik wird diese von außen aussichtslose
und aus der Perspektive der ineinander Verliebten so glückverheißende
Beziehung beschrieben. "Mir ist heiß, sagte sie, meine Zähne
sind taub und pochen, bedeutet das, dass ich verliebt bin? Marianna,
sagte ich, halte den Mund." Der Vater von Marianna wird ihr zum
Außerirdischen, der die Lebensgewohnheiten junger Frauen studieren
will. "Es gebe nichts auf der Welt, was ihr fremder sei als ihr
Vater." Auf ironisch-traurige Weise folgt dem Fall des World Trade
Center am 11. September 2001 auch das Ende des zerbrechlichen Glücks
der Mädchen. Der Terrorist ist hier der Vater. Was danach übrig
bleibt, ist Alltag. Der wird auf so bedrückend klare und präzise
Weise beschrieben, dass man meint, die Autorin befürchte den Verlust
der Dingwelt. Dabei drückt sich jedoch nur das aus, was eben fehlt.
Hier liegt der Unterschied zur westdeutschen Lifestyle- und Popliteratur.
Bei Gerstenberg ist die Oberfläche in romantischer Tradition durchweg
negativ konnotiert, als ständige Erinnerung an die Abwesenheit
von Sinn.
Geschlecht spielt selten eine Rolle. Erzählt wird aus weiblicher
oder männlicher Perspektive, oft hat das durchaus androgynen Charakter.
Geliebt wird ebenfalls in alle Richtungen. Oft sind die Frauen diejenigen,
die dem Leben in den Nacken beißen wollen, die Männer die
Zögerlichen, Abwartenden, Anspruchslosen. Das Sexuelle ist keine
Domäne des Männlichen: "Man kann nicht einfach mit ihm
schlafen, denkt sie, bei Konz muss alles etwas bedeuten."
Freilich sind dies junge Geschichten. Franziska Gerstenberg ist 1979
in Dresden geboren, hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert
und war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Edit. Einige Erzählungen
erschienen schon in Anthologien und Zeitschriften. In Aufbau und Thematischem
ähneln sie sich zuweilen. Das Entscheidende ist jedoch, dass sich
hier eine eigenständige, neue Stimme Gehör verschafft. Franziska
Gerstenberg ist eine erfahrene Beobachterin und genaue und bewusste
Erzählerin. Nicht sehr oft erzählt einer so gekonnt, so beklemmend
und so dicht von der banalen Spannung unseres Lebens. Mit ruhiger, ernster
und dabei scheinbar leichter Hand ist ihr hier ein erstaunliches Debüt
geglückt.
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