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besten Bücher 2003 Olaf Karnik
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Adrian Kasnitz FÜNF NEUERSCHEINUNGEN IN SACHEN LYRIK Einige ausgewählte Lyrik-Neuerscheinungen zeigen einen erfreulichen Variantenreichtum. Das Genre trotzt Marktbeschränkungen - manche Beobachter behaupten, die Publikationen seien allein im letzten Jahr um 40% gesunken - und fristet seit jeher ein von vielen unbeachtetes Dasein. Doch mangelt es gerade den folgenden Texten nicht an Realitätsnähe und Problembewußtsein. Die Gedichte des deutschsprachigen Belgiers Hel (Jg. 1957) sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil von Literaturzeitschriften. Nun hat sich Tom Schulz die Mühe gemacht und eine längst überfällige Auswahl für einen Einzeltitel getroffen. "Trostlied für Nada" bietet Einsicht in fast 30 Jahre Arbeit am Wort. Meisterlich (und ich kenne nur wenige, auf die dieses Wort zutrifft) beherrscht Hel die Verwendung von Metrum und Reim. Er bietet unterschiedlichste Gedichtformen, füllt sie mit einer reichen Sprache, deren Worte man oftmals nachschlagen muß. Ist er ein Barde, der nicht nur die europäische Lyriktradition beherrscht, sondern auch auf Orientalisches zurückgreift? Steht er nicht einem Johannes Bobrowski näher in der Beschwörung eines weiten, osteuropäischen Raumes als der Beschränktheit und Etikette "Social-beat", der er merkwürdigerweise zugerechnet wird? Sicher oszillieren seine Texte zwischen Magischem und Sozialistischem Realismus ("Lied der Säer"), zwischen Gesellschaftskritik ("Billigjobbank 58") und Frauenlob, greifen historische sowie tagesaktuelle Themen auf. Und gerade das zeichnet einen Dichter wie diesen aus: er ist nicht einzuordnen, er ist zwischen den Stühlen, weil er zwischen den Stilen agiert. Ist Lyrik Sampling? könnte man Gerald Fiebig (Jg. 1973) fragen. An der Grenze zwischen beiden arbeitet der Augsburger Autor seit einigen Jahren. In dem neuen Band "geräuschpegel" bleibt die Zuordnung in der Schwebe. Die meisten Texte tragen aus der Musik und Sprachwissenschaft stammende oder sie variierende Titel (z.B. "schreischrift", "ton, träger", "rauschleier", "violonschlüsselroman"). Die Struktur der Texte wird eindeutig von ihrer Sprechbarkeit und Performativität geleitet. Beispielsweise führt der Text "sphärenklang, amateurfunk" durch eine kindlich inspirierte Welt. Jede Strophe beginnt - fast kalauernd - mit einem lautlich verwandten Wort (CQ, seekuh, odysseekuh, kuhsee, kugelsee, kugelschreibersee), um dann seine eigene Variation durch- oder ad absurdum zu führen. Ähnlich auch das Thomas-Kling-Fehlfarben-Gedicht "rauschleier" und "mutmaßungen über jakobson / roman". Andere Texte wiederum basieren auf Zitaten, die oft in aller Ausführlichkeit benannt werden, nudeln Werbe- oder Politik-Phrasen durch ("willkommen in der messerstadt münchen" oder schreiben Liedtexte fort ("nach der industrie"). 'Schöne' Verse sollte man hier nicht suchen. Finden wird man dokumentierte Sprach-Experimente, die ihre Spielfreude nicht verbergen. In einigen Fällen gelingen Fiebig äußerst dichte Texte wie im Liebesgedicht "ton, träger": "zum abschied küss ich dir je ein wort in die ohren / [...] rück den träger zurecht // & hake die nadel des BH-verschlusses ein. / wir sind tonträger. drück mich. REPEAT." Der Text "in der kreidezeit stehen" vermittelt das Dilemma zwischen dem Spiel der Kinder mit Kreide und dem Kreidefressen der Erziehungsberechtigten, die die soziale Wirklichkeit hinter Gute-Nacht-Geschichten verbergen. Um die Sonette im mittlerweile sechsten Gedichtband von Thomas Kunst (Jg. 1965) kommt man nicht herum. Sie sind kleine Schätze im Text-Meer. Handeln die Gedichte doch von der Liebe und dem Trinken, verweisen sie auf die zentrale Metapher des Ozeans, dem flüssigen Ursprung alles Körperlichen. In den einzelnen Kapiteln von "was wäre ich am fenster ohne wale" werden die eher dem Prinzip des Rede- oder Denkflusses verschriebenen Langgedichte von Sonetten gerahmt, die um ein vielfaches dichter sind, als die an Wiederholungen und Variationen reichen Texte, die mitunter sieben Seiten füllen. Hier stören die Privatheiten keineswegs. Hier gelingt es Thomas Kunst durch Worteinschübe Phrasen zu durchbrechen, den ganzen Sinn auf den Kopf zu stellen, den Alltagsdingen durch Geschichten Erotik einzuhauchen . "Du hast dich für mich schön gemacht, du blutest. / Wie wenig aus dir rauskommt, in den Jahren" aus dem Gedicht "Du bist so gut wie krank wenn ich dich kriege" mag als Beispiel für dieses Verfahren dienen. Unter dem Titel "Torhäuser des Glücks" ist eine riesige, 430 Seiten umfassende Gedichtsammlung von Gerald Zschorsch (Jg. 1951) erschienen, die neun bereits früher erschienene Einzelbände sowie 50 neue Texte vereinigt. Die Texte sind kurze Blicke auf die Facetten der Welt, die Zschorsch teilweise am eigenen Leib erfahren mußte (Haft in der DDR, Ausweisung). Sie sind politisch und manchmal handgreiflich. "Spuck nicht auf die, die dich lieben" ist eine Anleitung gegen die Ursachen des Übels, besser: "Das Dach der Deutschen Bank abdecken" oder "Der Regierung eins vormachen", besingen melancholisch polnische Prostituierte im "Fingergrenzverkehr zwischen Raute und Po" oder nostalgisch den einschnürenden Gummizug alter, weißer Schlüpfer (die eher als Liebestöter bekannt sind). Überhaupt steht die Beobachtung des pornografischen Blicks im Zentrum, z.B. im Gedicht "Gegen Rom": "Männer mit der Hand in der Hose. Schabendes Geräusch. // Ab. Die Finger an die Nase. Schwarzes unter dem Nagel. // Die Augen treffen weiße Frauen." So wenig seine Texte auf einen Nenner zu bringen sind, so weitläufig sind seine privaten und künstlerischen Kontakte, sie reichten von Rudi Dutschke über Thomas Brasch zu Ernst Jünger. Erfreulich, daß nun auch wieder die älteren, vergriffenen Gedichtbände in einer Sammlung erhältlich sind. In der Tat eine Bereicherung. Das Debüt von Christoph Wenzel (Jg. 1979) ist ein Wegzeichen auf einem langen Lauf. Die Texte suchen bedeutungstragende Orte auf (Café Sperl, Jüdisches Museum), spielen mit Wortgeschichten ("zemt") und versuchen sich gegenüber der Stadt als dem anderen zu behaupten: "und ich gehe ein // in die annalen / dieser stadt / schreibe meine initialen // in die falten / zeichen setzen". Hier wirkt das Gedicht nicht anders als ein Graffiti an einer Häuserwand, als eine eingeritzte Botschaft in den Putz, die sich den Raum für die Mitteilung nimmt. Störend allein ist manchmal die durchschimmernde akademische Sprache, hier wäre etwas Emanzipation wünschenswert. Nachhaltig bleiben die Liebesgedichte, z.B. "ein tag in den laken" darin: "ein beherzter griff hinab / ins vokabular // für nächtliches". Dieses beherzte Schreiben kann getrost als Anschluß an die jüngere Lyrikgeneration gesehen werden. Von Wenzel werden wir noch hören. Texte: |