Adrian
Kasnitz
EIN
PARADIES OHNE TROST. BENARES VON BARLEN PYAMOOTOO
Die kleine
Lektüre ist eine oftmals verachtete. Sie verkaufe sich nicht so
gut, schimpfen Verleger und Verkäufer. Zu kurz, mag mancher Leser
resümieren, dem nur Wälzer genügen: Historische und Fantasy-Romane,
oder Zauberberg, Jahrestage und Ästhetik des Widerstands.
Die kleinere Form, eigentlich Erzählung oder Novelle, in diesem
Fall vielleicht zu unrecht Roman genannt, besitzt jedoch ihren eigenen
Reiz. Ihr fehlt die Opulenz, sie verschreibt sich aristotelisch der
Einheit von Ort und Zeit. Die Anzahl der Personen bleibt überschaubar.
Im gelungenen Fall schafft sie einen eindringlichen Mikrokosmos, man
denke an Hemingways Der alte Mann und das Meer bestehend aus Boot, Mann
und Fisch.
In diesem Fall mein Benares einen Ort auf der Insel Mauritius und eine
Stadt in Indien und einen "Roman", dessen Lesezeit 45 Minuten
nicht überschreitet.
Jemand hat Geld gewonnen und lädt den Freund ein, es für eine
Nacht mit Frauen auszugeben. Die Freunde nehmen ein Taxi und fahren
über die Insel auf der Suche nach Prostituierten. Benares, das
Dorf aus dem beide stammen, klingt nicht sehr reizvoll. Es wirkt "wie
eine kalte Dusche" auf die Lust der Angesprochenen, ihnen dorthin
zu folgen.
Eine Autofahrt ist der Text durch eine Landschaft ohne Trost. Die aufgesuchten
Orte sind nicht einladend. Heruntergekommen wirkt das Paradies im Indischen
Ozean. Heruntergekommen ist Benares, seitdem die Zuckerrohrmühle,
der einzige Arbeitgeber, aufgegeben wurde. Nur den alten Schornstein
hat man restauriert, als Denkmal zu Ehren der Fabrikanten. Es ist ein
langes Stück Weg, das die fünf Personen im Taxi bis in die
Kojen zurücklegen müssen. Es ist ermüdend. Es nimmt die
Lust. Das Dorf selbst stirbt, aber ein Ort zum Sterben ist Benares/Mauritius
nicht.
Barlen Pyamootoo, der Autor, wurde 1960 auf der Insel geboren und hat
in Straßburg studiert. Sein Text wurde in Frankreich, wo die kleine
Lektüre häufig ist und Roman heißt, ein Erfolg und wird
derzeit verfilmt.
Barlen
Pyamootoo: Benares. München: Antje Kunstmann 2004, 79 S.