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besten Bücher 2003 Olaf Karnik
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Olaf Karnik RENATE FEYL: STREUVERLUST "Du
weißt doch: Radiomachen ist wie Kriegführen. Da gibt es Angreifer
und Feinde, Kampflinien und Gefechtslagen, Marschrouten und Manöverkritik,
Herbstoffensive, Grabenkämpfe, offene Flanken, Verluste und Verlierer,
und nur einer kann der Sieger sein." Mit historischen
Romanen, die einen Blick hinter die Kulissen der Literaturgeschichte
werfen, hat sich Renate Feyl einen festen Leserkreis aufgebaut. Ihr
neuer Roman "Streuverlust" aber spielt hier und heute - es
geht um den verschärften Wettbewerb der kommerziellen Privatradios.
Auf knapp 300 Seiten werden detaillierte Informationen und profundes
Fachwissen über diese Branche verbreitet - Renate Feyl weiß,
wovon sie spricht. Denn über viele Jahre war die Autorin Mitglied
im Berlin-Brandenburgischen Medienrat, der über die Vergabe von
Rundfunklizenzen bestimmt. So hat sich die Geschichte um den karrieristischen
Radiomacher Roland Zarth und seine als freiberufliche Architektin arbeitende
Partnerin Vera Pflüger scheinbar wie von selbst in Feyls Feder
diktiert. Dazu Renate Feyl: "Sympathisch ist mir an den Figuren, sie gehören ja zur jüngeren Generation der heute 30 bis 40-jährigen, dass sie einfach noch was wollen. Die meisten wollen ja gar nichts mehr. Die wollen ja nur noch angestellt sein, abgesichert sein, gegen jede Unbill des Lebens geschützt sein, einen schönen Feierabend haben, das ist das Morgenrot für den durchschnittlichen Menschen, der Feierabend. Und in hilla-lila-Laune dann noch irgendwo was zum Spaß und zum Zeitvertreib tun. Die sind anders, die wollen schon noch etwas verändern, auch wenn es alles unter merkantilischem Gesichtspunkt ist und das Geld an erster Stelle steht. Es ist doch der Druck, mit einem Kommerzradio schwarze Zahlen zu bringen, die schwarze Null zu schreiben, und da sind sie dann von der Phantasie, von der Vorstellungswelt her ständig genötigt, sich was einfallen zu lassen, um im Businessplan Gewinne zu machen. Das ist das Sympathische, das Unternehmerische. Und sympathisch ist mir auch an ihr dieses risikovolle Leben einer Freiberuflerin. Sie ist ja Architektin, Innenarchitektin, ohne Chef, ohne Stellvertreter, ganz auf sich allein gestellt, und deswegen wird auch die Beziehung zunächst mal geführt auf einer Art Guthabenbasis. Alles was kommt, kommt dazu. Je länger sie mit ihm zusammen lebt, dem Mann mit ner 70-Stunden-Woche, desto mehr gerät sie ins Abbuchungsverfahren. Das ist also das, was den Roman, den Lebensabschnittsroman umzeichnet." Renate Feyls Darstellung des Geflechts zwischen Karrierismus, Beziehungsmangament und kurzen Momenten profanen Glücks ist ziemlich ausufernd. Die standardisierte Rhetorik der Marketingsprache, die Worthülsen einer pragmatischen Liebesbeziehung und die durchschaubaren Selbstkonditionierungen der Figuren werden bis ins kleinste Detail ausgebreitet und wiederholt - was man durchaus als Qual empfinden kann. Auch wenn die Szenarios durch guten Sprach-Rhythmus, Formulierungskunst und amüsante Handlungs- Konstellationen amüsieren, so stellt sich bald Überdruss an der von Feyl beschriebenen Welt ein. Dies scheint beabsichtigt - ganz ohne moralischen Zeigefinger, sondern auf ironische, fast subversive Weise gelingt der Autorin so eine Demontage der Medienwelt. Dazu Renate Feyl: "Die Demontage ergibt sich ja schon an sich, die brauch ich nicht zu erfinden, die liegt in dem medialen Bereich selber. Ich hab ja den Roman aufgebaut wie ein Privatradio funktioniert, wie die Programmplätze sind: also Morningshow, Lifestyle, Wellness, Megamix, Late Night und wieder Morningshow. Also, ich zeige auch diese Rotation, in der sie sich befinden, und dazwischen baue ich drei Werbeinseln, wie das heute üblich ist. Und in diesen Werbeinseln konterkariere ich eigentlich diesen Sprachschatz. Ich präge ja da diesen Ausdruck Linguatainment und zeige dieses Aufgeblähte, dieses ständige Benutzen der Anglizismen als Nachweis dafür, dass man nicht nur kompetent, sondern kernkompetent ist. Also, das zeige ich schon und zeige eben nicht nur Kleider, sondern vor allem im medialen Bereich: Worte machen Leute. Das sagt der ja auch mal an einer Stelle: das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt vor den richtigen Leuten vorgetragen, und schon machst du eine steile Karriere, schon ist die Wirkung perfekt. Und in dieser Welt ist Wirkung alles, eine Welt ohne Tiefgang, ohne Tradition, ohne Geistigkeit." So heißt es in "Streuverlust": "Längst steht es fest: Das Linguatainment ist Führungsstil geworden. Darum vernachlässigen Sie die kleine Silbe -ing nicht. Sie weist zum einen auf permanente, nimmermüde Tätigkeit hin, geschäftig bei Tag, geschäftig bei Nacht, wie man es vom Spitzenmanagement erwartet. Zum anderen macht sie die kleinste Nebentätigkeit zum bedeutungsschweren Vorgang, gibt ihr Größe und Gewicht. Haben Sie einen Stand, haben Sie im Grunde noch gar nichts. Erst wenn Sie ein Standing haben, haben Sie ihn. Bilden Sie sich nichts auf Ihren Rang ein. Marktwert hat erst, wer Ranking hat. Und selbst Tiefkühlfrost wird durch ein entsprechendes Catering für den Gourmet bekömmlich. Sollte Ihr Chef Sie einmal am Schreibtisch bei einem Nickerchen erwischen, so verbitten Sie sich lauthals, nochmals beim Powernapping gestört zu werden. Konferieren Sie nicht mit den Mitarbeitern, da sitzt zuviel Langeweile am Tisch. Laden Sie zum Conferencing, und Sie brauchen sich nicht mehr über ständiges Gähnen zu ärgern. Schlurfen Sie nicht herum, bleiben Sie immer und überall going, und heißt es gar, Sie bereiten das Going Public vor, können Sie davon ausgehen, das perfekte Linguatainment hat Sie weit gebracht. Dann steht der Gang an die Börse bevor, und jeder weiß, der Advent für den Tüchtigen ist gekommen." Analog
zu den Programmen des Kommerzradios rotiert auch Feyls Story ständig
um die eigene Achse. Gegen Ende erlebt die Hauptfigur Zarth mit dem
"Metropolenradio" zwar einen Karriereknick, aber schon bald
startet er mit einem Lokalradio wieder durch. Aus Zarths Erfolgs-Motto
"Content, Community, Commerce" wird "Change, Community,
Creativity", und aus Veras Ehewunsch eine funktionale Wochenendbeziehung.
Alle arrangieren sich bloß mit den Verhältnissen. Der Roman
endet schließlich wie er begonnen hat. Nebenbei hat man eine Menge
erfahren über absurde Lizensierungspraktiken der Medienanstalten,
über wirtschafts-juristische Augenwischerei und steuerpolitischen
Unsinn - nichts funktioniert gut, alles Murks. So lässt sich "Streuverlust"
unterschwellig auch als herbe Gesellschaftskritik lesen. Feyls amüsanter
Stil täuscht nicht über ihren ernüchternden Befund hinweg: Renate Feyl: Streuverlust. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004. 294 S., gebundene Ausgabe. Preis: € 18,90 |