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Stan Lafleur

NICOLAJ RUBCOV: Schweifen und begreifen

Mit "Komm, Erde" liegt erstmals eine größere Gedicht-Auswahl des frühverstorbenen, in Rußland beliebten und von zahlreichen Liedersängern interpretierten Poeten Nikolaj Rubcov (1936-1971) in deutscher Sprache vor.

Landleben und Schwermut - die Gedichte Rubcovs bedienen vorzüglich das schöne althergebrachte Klischee vom guten Russen, der in Wald- und Wiesen-Abgeschiedenheit seinen heimatlich-erdigen Gedanken nachhängt, bis diese ihn, vom steten Seelenreinigen mit hohem Volumen kristallklaren Geists angereichert, in einem Akt ausgleichender Transzendenz und wogender Melancholie begraben. Es ist ja so: Herbst und Winter dehnen sich auf der unendlichen russischen Flur, überdehnen sich dort besser gesagt bis ins Unvorstellbare, verbinden sich unter gewaltigen Schneewehen mit dem tödlichen Ausmaß der Landschaft. Der Dichter streift darin umher und verknüpft die Koordinaten der Natur zu einem Gewebe heimatliebenden Gesangs, den er abends in der Stube bei einem Gläschen Destillat zelebriert. Morgens stapft er an den Dorfteich, schlägt ein Loch in dessen Eisdecke, reckt zur Erfrischung seinen Schädel unter Wasser und wird somit seinem Platz auf der Welt gerecht. Was bliebe auch zu tun? Lichtjahre vom Rummel der Moderne entfernt, wird es bis zum Frühjahr, soviel ist gewiß, noch lange dauern:

Es mündet doch alles im Dunkel, / erwach ich noch einmal am Rand, / vielleicht treibt mir schneidende Trauer / Erinnerung herauf an mein Land. // Was fällt mir dann ein? Steile Ufer / mit schwarzen Hütten am Hang / und jagende Schlitten - die sangen / den mondhellen Schneeweg entlang. // Wie reglos die Garben dort standen, / verlassen vom himmlischen Rot, / und traurig - o traurige Vögel / beklagten verwaist ihre Not. // (...)

Von dieser Sorte Volksliedhaftem reimt der Dichter eine Menge. Im russischen Original sollen die Zeilen bisweilen eine lautliche Intensität besitzen, die im Deutschen widerzugeben an Albernheit grenzte. Für die vorliegende Sammlung offenbar maßvoll übersetzt wirken die Texte, obschon melancholiegetränkt, äußerst lebendig. Stimmungen im Moor, am Fluß und auf den Schneefeldern geraten zu eindringlich bebilderten Reflexionen über Natur und Zeitenwandel, beim Dorffest sprühen Donner und Blitz, und die unvermeidlichen Eisen- und Autobahntrassen, die selbst unschuldigstes russisches Hinterland benagen, weisen auf das bedrohliche Unbekannte abseits heimatlicher Geborgenheit. Der Herr über die Worte bedient sich eines vorwiegend der direkten Umgebung abgeschauten Realismus, in den sich bisweilen Töne von Humor und überdrüssige Polit-Analyse mischen. Erfahrungen bei der Fischfangflotte, in Leningrad und Moskau hinterlassen ihre Spuren im Werk. Besonders originell mögen diese Sujets und ihre Umsetzung Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts im Sowjetreich nicht erscheinen. Rubcov zählte seinerzeit zu den "Slawophilen", die "Kosmopoliten" verfolgten einen weltläufigeren Ansatz. Stille und schlichte Schönheit der Dichtung setzen sich mit innerer Ruhe über jeglichen Vorwurf hinweg:

Stilles, mein stilles Heimatland! / Nachtigalln, Weiden, der Strom... / Dort, wo die Mutter ihr Grab früh fand, / zu meiner Kindheit schon. // - Wo ist der Friedhof, kennt ihr ihn hier? / Ich kann ihn alleine nicht sehn. - / Leise erwidern die Dörfler mir: / - Über den Steg mußt du gehn. // (...) Und wo ich früher die Fische fing, / trocknet man heute das Heu, / dort, wo der Fluß in die Krümmung ging, / führt ein Kanal nun vorbei. // Sumpfige Stellen, die find ich und Schlamm - / weiß noch: ich badete hier... / Stilles, mein stilles Heimatland, / alles lebt weiter in mir. // (...)

In Zeiten, in denen der Fluß zum Kanal gezwungen wird, die Autobahn naht und die Menschen, von andern Menschen abgeholt, verschwinden genügt der Dichter seiner Pflicht, es zu erwähnen, ohne solch "unnatürliche" Phänomene an die große Glocke zu hängen. Viel lieber rühmt er mit geradezu religiös-melancholischen Versen den unumstößlichen Kreislauf der Natur, seinen Bärenwinkel und die Dichter, die er vorm häuslichen Ofen liest, allen voran Sergej Jessenin. Im Titelgedicht "Komm, Erde" nimmt Nikolaj Rubcov, wie in einigen anderen, seinen etwas skurrilen Tod (er starb beim Streit mit einer Konkurrentin seiner Lebensgefährtin) vorweg. Seiner Heimat blieben seine Lieder, die ebenso auf den Rolltreppen der Moskauer Metro wie in den größten Konzertsälen erklingen:

(...) Und jeden Eid / will ich in Worte fassen: / Ich preis den Himmel hier / zu jeder Frist, / wenn meine Leier / ruhig und gelassen / und so auch schwebend / ihre Segel hißt. // So kommts, / daß sich mein ganzes Leben drehte / um jene Bindung, / die man Liebe heißt, / zu meinen Wiesen, / wo das Gras ich mähte, / wie ERDE, / du um deine Achse kreist ...

Nikolaj Rubcov - Komm, Erde. Gedichte (Russisch / Deutsch)
Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2004, ISBN 3-937101-41-1, 18,80 Euro