Adrian
Kasnitz
DER
MANN WURDE GEKÖPFT. EIN MEHRSCHICHTIGER STÖRTEBEKER-ROMAN
Die Identität
einer historischen Person lässt sich selbst durch ein Studium der
Quellen unzureichend erfassen. Immer wenn aus einem Präskript,
hier dem Quellmaterial, ein "aufbereitetes" Skript entsteht,
wird das angehäufte Material zwar lesbar gemacht, doch ist die
angefertigte Lesart nur eine von vielen Möglichkeiten.
Die Summe der Möglichkeiten potenziert sich, je weniger Quellmaterial
zur Verfügung steht, je ungesicherter die Textbasis ist, je mehr
Legenden kursieren. Auf dieser Grundlage ist es heikel, einen historischen
Roman zu schreiben. Mann kann es sich einfach machen, das Historische
lediglich als ein Skelett für eine deftige Romanze oder eine Heldensaga
benutzen. In der Regel agieren dann die handelnden Personen in einem
Kuriositätenkabinett des Mittelalters oder der Frühen Neuzeit.
Ihre Charaktere sind den unseren zwecks besserer Wiedererkennung angepasst.
Auf die Spurensuche einer Person, die uns durch Sage oder Jugendbuch
vertraut ist, machte sich für viele Jahre Harald Gröhler.
In seinem Roman Wer war Klaus Störtebeker? geht er den Hinweisen
nach, die sich in Quellen und Legenden über den Seeräuber,
der um 1400 Nord- und Ostsee unsicher machte, finden. Das Abarbeiten
am historischen und sagenumwobenen Stoff erzeugt einem Roman, dem es
gelingt, die verschiedenen Ebenen (sprich die Fakten, die Arbeit von
Chronisten und späteren Historikern, die Legenden, die heutige
fiktionale Fortschreibung des Stoffs) zu einem neuen Text zu verweben.
Die Ebenen bleiben jedoch kenntlich. Dazu bedient sich Gröhler
verschiedener Namens-Schreibweisen: für den Seeräuber sind
es Störtebecker, Störtebeker und Stortebeker, für seinen
Compagnon Gödecke Michael, Godeke Michel und Gödeke Michels.
Diese Varianten mögen anfangs gewiss verwirren, entsprechen sie
allerdings dem Variantenreichtum damaliger Quellen, die keine Rechtschreibung
kannten.
Gröhlers Recherche folgt dem Aktionsradius der Piraten, die als
Vitalienbrüder einen offiziellen Status genossen, an die niederdeutschen
Strände von Nord- und Ostsee, nach Skandinavien, England und in
die Niederlande. Schnell wird des Störtebekers Berühmtheit
in detaillierte Zusammenhänge gebracht. Er ist Teil einer ganzen
Bewegung, hat einen königlichen Auftrag und ist mitnichten der
Star seiner Zeit. Diese Karriere ist ihm erst in späteren Jahrhunderten
gegönnt. Für die Zeitgenossen war er einer unter vielen, sein
Name kaum bekannt. Dem Chronisten, der dreißig Jahre nach Störtebekers
Hinrichtung, den ersten Text verfasst, ist der Vorname gänzlich
unbekannt, und er erfindet um der besseren Lesbarkeit Willen einen.
Dieser Störtebeker-Roman zeigt, dass ein historischer Roman nicht
an der Oberfläche von Klischees haften bleiben muss, sondern imstande
ist, das über mehrere Jahrhunderte aufgeschichtete Material unterhaltsam
zu durchleuchten.
Harald
Gröhler: Wer war Klaus Störtebeker? Roman. Zülpich: Verlag
Barbarossa, 2002, 130 Seiten, Preis: 12,80 EUR