Isabella
Löhr
KLAUS
THEWELEIT: DER KNALL.
11. SEPTEMBER, DAS VERSCHWINDEN DER REALITÄT UND EIN KRIEGSMODELL
Verhallt
ist der 11. September noch immer nicht - er kann es gar nicht vor lauter
Rauchwolken und Schuttnebelschwaden, in denen er schwebt und seine Konturen
versteckt. Und das ist bleibend auch nach Theweleits Versuch, den Nebel
mit Einsichten zu verjagen, die politik- und medienkritisch dem Vergehen
fester Vorstellungen über Wirklichkeit sowie der Doppelbödigkeit
von Normen und Werte politischen Handelns nachspüren wollen. Entsprechend
sind es zwei Teile, in denen Theweleit sich in dem Buch mit dem 11.
September und seinen Folgen auseinandersetzt: Ein strategisches Kriegsmodell
zur Separierung verschiedener, eigentlich ohne Schwierigkeiten zusammenlebender
Bevölkerungsgruppen steht als Erklärung für die Konflikte
der 90er Jahre in Afghanistan, auf dem Balkan, in Afrika und für
die schweren Spannungen zwischen westlicher und islamischer Welt. Dem
viel beklagten Realitätsverlust mit dem Zusammenbrechen des World
Trade Centers ist der zweite Teil gewidmet. Hier durchforstet Theweleit
anhand von Essays namhafter Personen, die kurz nach dem 11. September
publiziert wurden, das Verhältnis zwischen Medien und Wirklichkeit.
Der erste,
kurze Teil des Buches, "PlayStation Cordoba/ Yugoslavia/ Afghanistan
etc. Ein Kriegsmodell", beginnt vielversprechend. Theweleit wendet
sich ins 12. Jahrhundert nach Cordoba, dem Schauplatz des Films "Das
Schicksal" vom ägyptischen Regisseur Youssef Chahine. Der
Film, auf historischen Ereignissen beruhend, zeigt, wie die friedlich
zusammenlebende "islamisch regierte Mischkultur" aus Mauren,
Christen, Juden und Zigeunern durch eine missgünstige und intrigierende
Minderheit fundamentalistischer Mauren gegeneinander aufgebracht wird
und schließlich zerbricht. Als es zum offenen Streit zwischen
den einzelnen Bevölkerungsgruppen kommt, holen die Mauren sich
die Hilfe einer anderen religiös aufgeheizten Gruppe, der Kreuzritter,
um die Oberhand in Cordoba zu gewinnen, ihre Gegner zu vernichten und
sich selbst als rigide, lust- und kulturfeindliche Herrscher einzusetzen.
Jahre später werden die Mauren von den Kreuzrittern selbst gestürzt
und aus Spanien vertrieben.
Mit diesem Modell erklärt Theweleit weltweite ethnisch motivierte
Konflikte seit den 80er Jahren, besonders Afghanistan und die Balkankriege
um das zerbrechende Jugoslawien. Ihren Ausgang, so die These, haben
diese Konflikte in zwischenstaatlichen Wirtschaftsgefällen, in
denen reiche und politisch einflussreiche Demokratien aus dem Westen
armen, zumeist labilen Staaten gegenüberstehen. Zentral sind zwei
Dinge: Erstens sind diese Staaten zumeist Mischkulturen, in denen verschiedene
Religionen, Lebensformen oder Weltanschauungen (maßgeblich religiös
- säkular) mit leichten Meinungsverschiedenheiten friedlich zusammenleben.
Zweitens beabsichtigen die Industrienationen Einfluß und Mitsprache
in diesen Staaten zu gewinnen, sei es aus wirtschaftlichen, strategischen
oder aus politischen Interessen. Bahnt sich eine sich auswachsende Meinungsverschiedenheit
in diesen Staaten an, greifen die West-Staaten ein - implizit oder explizit.
Sie wollen schlichten, beruhigen und entmischen, wussten sie doch schon
immer, dass eine so substantiell in sich verschiedene Gesellschaft nicht
friedfertig leben kann. Nur, der Außeneingriff steigert die Meinungsverschiedenheiten
und hilft sie zu einem echten Konflikt auszuweiten, belegt er sie doch
mit einer künstlichen Schwere, die erst der Eingriff von Außen
erzeugt. In der Konsequenz gewinnen radikale Gruppen Auftrieb, die Länder
werden in böse innere Schwierigkeiten gestürzt und früher
oder später scheint das offizielle politische oder militärische
Eingreifen der bereits verwickelten westlichen Staaten im Namen von
Gerechtigkeit, Menschenrechten und dem "Selbstbestimmungsrecht
der Völker" notwendig - ein Eingreifen, das sich selbst verursacht
hat. Denn ohne die vorhergehende innenpolitische Stützung bestimmter
radikaler, auf Staatsspaltung ausgerichteter Gruppierungen wäre
es gar nicht notwendig geworden, so die Argumentation.
Eine
Playstation-Konsole
PlayStation nennt Theweleit sein Kriegsmodell: Es gibt die universale
Technik, das Sähen von Konflikten in Mischgesellschaften durch
mehr oder weniger heimliche Unterstützung einer radikalen, der
Multikulturalität feindlichen Gruppe, und schon läuft das
Spiel. Die jeweilige Programmkassette, der Ort, die Zeit, die Rahmenbedingungen,
die Akteure, kann beliebig gewählt werden. Letztlich aber ist der
Spiel-Konflikt-Verlauf nie ein anderer, sagt Theweleit, sondern immer
der gleiche, weil die substantielle Technik und somit Grenzen und Möglichkeiten
bei der Konfliktverursachung und -behebung immer die gleichen sind.
Wer spielt, wählt das Programm und steuert den Joy-Stick? Wer sind
die Akteure? Es sind die eigennützigen Westmächte, die wirtschaftliche
und politische Schwächen zum Instrument der eigenen Interessensdurchsetzung
machen und florierende Mischgesellschaften so zerstören. Die Kreuzritter
haben es vorgemacht: Erst beobachten sie sorgfältig. Bei Signalen
politischen Abweichlertums und Tendenzen der Verselbständigung
einer Minderheit machen sie dezent auf sich aufmerksam, verstärken
die Spaltung und greifen schließlich mächtig bei der Eskalation
des Konfliktes ein - und helfen. "Bei der primären Zerstörung
Jugoslawiens spielte der Westen, speziell die deutschen Frühanerkenner,
dann die Nato, exakt die Rolle der Kreuzritter aus Chahines Film: verbündet
mit den kroatisch-völkischen römisch-katholischen Freikorpskämpfern
zur Befreiung der "kroatischen Scholle vom serbischen Joch"."
Derart verschiebt Theweleit die Argumentationslogik: Die in großen
ethischen Vokabeln gehaltene Rede westlicher Staatsmächte über
die Befreiung unterworfener Bevölkerungsgruppen von mafiösen
Strukturen und politischen Hinterhältigkeiten transformiert er
in das Herbeireden ethnischer und religiöser Konflikte in multikulturellen
Gesellschaften durch westliche Regierungseliten. Und was ist mit den
innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen?
Das
Spiel der Spiele
Theweleit verteilt die Aufgaben in diesem immergleichen Kammerspiel
eindeutig. Ohne Mühe kann er die Verursacher von den Auslösern
unterscheiden und den Grad der Uneigennützigkeit jeden Eingreifens
festlegen. Diese Argumentation unterstellt drei Dinge: Erstens wird
das Bild der Politikspinne Westen entworfen, die ihr Fangnetz um junge
Staaten webt, die passiver Spielball westlicher Interessenspolitik sind,
notwendig immer am kürzeren Hebel sitzen und mit viel Aufwand draufgehen.
Letztlich spielt der Westen Marionettentheater, lässt die Figuren
zappeln und setzt seine Interessen durch, egal wie viele beteiligte
Parteien es gibt - selbst wenn mit deren Anzahl immer auch die Unberechenbarkeit
der Geschehnisse steigt. Zweitens stigmatisiert Theweleit - gewollt
wie ungewollt - die sich unabhängig zeigenden Gruppierungen. Denn
das PlayStation Modell ist schematisch in eine Richtung, der Reaktion
der starken Mächte auf Unabhängigkeitsbedürfnisse. Es
besitzt jedoch nicht die Möglichkeit, politische Problemkonstellationen,
Gründe und Bedingungen des Abspaltungswillens einer Minderheit,
also der vorangehenden Ereignisse, zu beleuchten. Statt dessen setzt
Theweleit mitten in dem sich zusammenbrauenden Konflikt an und lässt
seine Spezifik außer Betracht. So macht er mit der Verurteilung
der Westmächte eine Generalverurteilung aller Unabhängigkeits-
und Autonomiebestrebungen und wirft die fundamentalistischen Mauren
aus Cordoba in einen Topf mit Unabhängigkeitsbestrebungen im ehemaligen
Jugoslawien. Theweleits Modell ist einseitig auf die Aburteilung des
Westens bzw. politischer Großmächte und ihrer Zulieferer'
gerichtet und so nur bedingt als sinnvolle, reflektierte Stellungnahme
zu ethno-nationalistischen Konflikten zu gebrauchen. Durch seine Grobrasterung
schwebt es im Gegenteil in der Gefahr, prekäre politische Urteile
zu liefern, denen es wegen ihrer Voreingenommenheit an Präzision
fehlt. Drittens schließlich scheint Theweleit still vorauszusetzen,
dass Politik ein uneigennütziges, ohne auf die Durchsetzung eigener
Ziele gerichtetes Verhalten sein kann - wenn nicht ganz so blauäugig,
so schwingt doch die Vorstellung mit, dass Politik integer ist und den
Willen des politischen Gegners respektiert. Nicht nur wissen wir mit
Theweleit seit Cordoba, dass dies realpolitisch so nicht funktioniert,
sondern es verwundert auch die Naivität dieser Politikauffassung,
die die beherrschende Rolle des Eigeninteresses unterbewertet. Politik
ist berechnendes, zielgerichtetes Handeln, das den eigenen Standpunkt
gegenüber abweichenden Positionen mittels einem je variierendem
Grad intrigierender Planspiele unbedingt durchzusetzen versucht, indem
politische Kontrahenten, Nachbarstaaten oder ungern gesehenen Gruppierungen
ausgebremst werden.
Das
Durcheinander der Systeme
"Das Verschwinden der Realität", der zweite, dreiviertel
einnehmende Teil des Buches vertieft den Tag, an dem das Kriegsmodell
Kreuzritter einmal nicht funktionierte und die fundamentalistische Großmacht
effektvoll auf eigenes Gebiet verwiesen wurde.
Direkt nach dem Anschlag auf das World Trade Center fehlten Journalisten
und Berichterstattern die Worte für das, was sie im Fernsehen sahen,
nämlich den Zusammenprall von Flugzeug und Hochhaus mit anschließendem
Zusammensturz. Die ersten Kommentare waren eine Suche nach Analogien,
die einen adäquaten Wortschatz und Beschreibungsinstrumentarien
zu stellen vermochten. In den meisten Fällen waren sie Film und
Fernsehen entlehnt, so dass schnell die Rede vom Realitätsverlust
der Realität und ihrem Aufgehen in medialer Fiktionalität
aufkam. Ist das so? Oder ist das Fernsehen auch eine reale Realität',
die als "Parallelrealität" sich auf einer anderen Wahrnehmungseben
als Alltagserfahrungen bewegt, aber notwendig auf diese bezogen ist,
um überhaupt verständlich, das heißt interpretierbar
sein zu können? Mit anderen Worten: Wieso soll das Fernsehen aus
Alltagserfahrungen ausgegliedert werden bzw. warum wird so viel behauptet,
dass Fernsehen sei eine fiktive, mit der wirklichen Wirklichkeit konkurrierende
Wirklichkeit?
Das besondere Moment an den Fernsehbildern vom Zusammensturz der Hochhäuser
sieht Theweleit in dem geplanten Einbezug der Live-Fernsehübertragung
des Ereignisses durch die Terroristen mit dem Ergebnis, dass die scheinbar
kontrollierbare, weil selbst erzeugte virtuelle Realität Fernsehen
erstens unberechenbar wird und zweitens gerade in ihrer Virtualität
kalkulierter Bestandteil politischen oder alltäglichen Handelns
sein kann, sich also in die Alltagsrealität einmischt. Georg Seeßlen,
Kathrin Röggla, Karl-Heinz Stockhausen, Elisabeth Bronfen, Susan
Sontag, Diedrich Diedrichsen, Boris Groys und Peter Sloterdijk, deren
Kommentare zum Zusammensturz der Hochhäuser Theweleits Material
sind und das Verwirrspiel in ganzer Breite widerspiegeln, kämpfen
mit dieser Trennlinie zwischen der realen' und der medialen Realität,
die einfach nicht eindeutig bleiben will. Theweleit greift ein und wird
systemtheoretisch: Er findet das dramatische Ausmaß des Dramas
in den sich nicht an ihre Grenzen haltenden Systemen. Die Eigenart der
Wirklichkeitsdarstellung im Fernsehen ist nicht das Problem für
Theweleit, sofern das System ordentlich Autopoesis betreibt und das
heißt, in möglichen Handlungskonsequenzen selbstbezüglich
bleibt - wie sich das gehört. Aber schwierig wird der 11. September,
sagt Theweleit, wenn die Fernsehbilder sich in die Realitätsstufe
reindrängeln, die der Zuschauer mit alltäglich erlebter
Realität' bezeichnet: "Was die Einzelnen und die westliche
Öffentlichkeit so nachweislich stark getroffen hat, war nicht der
Vorfall an den Hochhäusern, es war der Vorfall unserer Koppelung
mit dem TV-Schirm in einer mörderischen Live-Schaltung, die uns
die Basis unserer politischen wie persönlichen Immunsysteme entzog;
die Schaltung, die uns zu Teilnehmern dieser Großinszenierung
eines Mordspektakels machte; die hoch aufgeladenen Realität einer
TV-Schaltung, die wir sonst, in läppischen Big Brother-Shows als
Reality TV unter Kontrolle zu haben glaubten, in leichtfertiger Immunisierungsgewissheit."(265ff.)
Politik-Rummel
Aber warum und wie ist das Fernsehgucken anders real als das Beobachten
einer Straße? Die Aussage, dass Wirklichkeit bedeutungsvoll ist,
insofern ein Ereignis gleichzeitig in verschiedenen Referenzsystemen
Platz haben und deswegen je nach Blick und Interpretationsrahmen unterschiedlich
gedeutet werden kann, ist ein theoretischer Gemeinplatz, der schon lange
den Weg aus der Theoriebildung herausgefunden hat. Die weiterführende
Erkenntnis, dass das Fernsehen in der Übertragung Distanzen in
Raum und Zeit synchronisiert, so dass der Zuschauer zu inszenierten
wie unvorhergesehenen Real-Ereignissen beigeschaltet, teilnehmen und
aktiv in das Wirkungskalkül einbezogen sein kann selbst wenn es
inszeniert oder medial vermittelt ist, ist auch nicht wirklich neu:
Was tun denn Nachrichtenbilder von Katastrophen, per TV übertragende
Reden an die Nation, live-Talkshows täglich anderes als den Zuschauer
direkt anzusprechen, ihn einzubeziehen und auf ihn einzuwirken? Der
Begriff der Realität, mit dem nicht nur Theweleit wild und leichtfertig
um sich wirft, macht sich selbst zum Problem, weil er überhaupt
nicht auf Inhalt, Umfang und Möglichkeiten befragt wird. Statt
dessen scheint Realität' naiv das zu sein, was uns jeden
Tag beim Aufstehen begegnet. Und was ist das bitteschön?
Die Unterscheidung zwischen fiktional und wirklich ist offensichtlich
unzureichend zur Beschreibung der medialen Dimension des 11. Septembers.
Der weitaus sinnvollere Ansatz zum Erforschen von Wirkung und Relevanz
der Medien im Alltag ist die Frage nach Ort und Kontext der Rezeption
von Fernsehen einerseits und der entsprechend kalkulierten Aufmache
der Programme andererseits. Denn erstens ist das Fernsehen eine gleichermaßen
reale wie fiktionale Realität, insofern als es zeichenhaft ist,
alltägliches Verhalten aufnimmt, Möglichkeitsdimensionen durchspielt
und auf den Alltag rück- bzw. einwirkt. Zweitens stehen hinter
jeder Fernsehübertragung Senderentscheidungen verantwortlicher
Redakteure: Das was wir sehen, ist kein Naturwunder, geschweige denn
eine schicksalhafte Notwendigkeit, sondern reale Senderpolitik. Die
interessantere Frage ist nicht die nach der Wirklichkeit zusammenrutschender
Hochhäuser, sondern die nach der Offenlegung der Medien-Strategien:
Denn einerseits passen die Aufnahmen vom brennenden WTC genau in das
Format der meisten weltweiten Fernsehsender - Katastrophe, Sensation,
Realereignis. Jedoch durchbrachen die Bilder andererseits grob inhaltliche
Vorgaben senderpolitischer Maximen, die in diesem Fall eng mit nationalen
und ideologischen Grundsätzen verwoben sind, weil sie den Angriff
gegen die eigenen Lebensentwürfe millionenfach in der Welt und
damit ihre Hilflosigkeit gegenüber den Ereignissen offen zeigten.
So warf das zusammenstürzende WTC die Fernsehsender in ein Dilemma:
Sie zeigten die Kamerabilder und damit zugleich in einem ungewohnt offenem
Tonfall ihr eigenes Profil, das gerade in der Vermittlung, Kommentierung
und Einmischung in politische, soziale, kulturelle, militärische
Ereignisse besteht - eine Einmischung, die jedoch nicht handgreiflich,
sondern vermittelt, weil medial geschieht und auf diesem Weg durchaus
ihr politisches Moment verliert und nur' fiktiv, harmlos erscheint.
Genau deswegen ist nicht das Verschwimmen von realer und fiktionaler
Welt zentral, sondern die Einsicht, dass die Funktionslogik der Medien,
sich über die Art der Vermittlung von Inhalten in den gelebten
und erfahrenen Raum der Zuschauer einzuklinken, den Händen der
Senderpolitik entrissen und missbraucht' werden kann. So haben
die Anschläge vom 11. September die vielfach verdrängte und
verneinte Tatsache herausgebrüllt, dass die mediale Fiktionalität
real wie alle anderen Geschehnisse ist und vor allem genau das sein
will, ein Baustein sozialen und politischen Handelns.
Jedoch
gelingt Theweleit eine unaufgeregte Reflexion der Frage überhaupt
nicht. Das könnte daran liegen, dass die bereits im ersten Teil
sehr anstrengende Schreibweise des Buches im zweiten Teil endgültig
durchbricht und es schwer macht zu sagen, was auf diesen zwei hundert
Seiten eigentlich steht. Theweleit erbricht sich in einem einzigen Worterguß,
der keine Richtung hat, der durch eine vermeintlich spitzfindige, sehr
gewollt jugendlich anmutende Polemik stört und bei dem sich irgendwann
nur noch der eigene Kopf dreht. Seitenweise wird es nicht klar, worum
es geht. Der Großteil des Buches besteht aus angefangenen Sätzen,
die nicht zu Ende geführt werden, die vom nächsten Satzfetzen
durch Punkte abgetrennt werden, fettgedruckten Worten auf jeder Seite,
grammatikalisch holprigen Sätzen mit groben Schimpfereien und einem
gehetzten Sprachtempo, dass keinen Raum für einen sich entwickelnden
Gedanken lässt. Statt dessen produziert er einen unglaublichen
Laberstrudel, der, so scheint es, für sich überzeugen soll.
Das ist kein sprachlicher Kunstgriff, dem man das Ziel unterschieben
könnte, ein schon viel beredetes Thema sprachlich sensibel angehen
zu wollen, um nicht in dominante Rede- und Argumentationsweisen zu verfallen.
Die eigentlich spannende Frage nach dem Verhältnis von Alltag,
Medien, Bildwelten und der Rolle der Medien für politisches, militärisches
und alltägliches Handeln im ausgehenden 20. Jahrhundert verschwindet
einmal mehr in einem aufgeregten Geplapper ohne Sinn und Inhalt.