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Olaf Karnik

TOBIAS HÜLSWITT: ICH KANN DIR EINE WUNDE SCHMINKEN

In der letzten Zeit ist es still geworden um die sogenannte Popliteratur. Als Medienphänomen hat das Genre ausgedient. Unabhängig davon erscheinen weiterhin zahlreiche Romane, die mit Leichtigkeit und Ironie die funkelnden Oberflächen der Medien- und Popgesellschaft bearbeiten. So spielt Tobias Hülswitts Roman "Ich kann dir eine Wunde schminken" beispielsweise in der Welt der Fernsehunterhaltung. Das flourierende Format der TV-Comedy verheißt schnellen Ruhm im Rampenlicht oder Jobpraxis hinter den Kulissen - und übt auf Hülswitts studentische Protagonisten Hendrik Nühus und Laura Stern eine enorme Faszination aus, die jedoch bald in eine gewisse Befremdung umschlägt:
"In der Ecke des Konferenzraumes stand ein Fernseher, den jemand im Vorbeigehen einschaltete. (...) Immer ist am Ende ein ganzes Knäuel von Menschen am Einschalten beteiligt, aus dem einer schließlich als Held hervorgeht. Aber hier ging es ganz schnell, ganz nebenbei, und offensichtlich war auch der Videorecorder eingeschaltet worden, denn es liefen Bilder von uns über den Bildschirm: Wir auf dem Flur, wir an den Schreibtischen, wir am Kaffeeautomat, wir auf dem Weg zum Klo. Die Bilder der letzten Stunden. Und plötzlich glaubte ich genau zu wissen, was Laura dazu sagen würde, womöglich hatte sie etwas Ähnliches schon einmal gesagt: Die Archive des Fernsehens sind das ewige Leben der Menschheit, die nicht mehr an Gott glaubt, weil sie dessen Ewigkeit nicht mehr benötigt. Ich stellte mir die Engel vor, die die Toten abholen kommen, um sie in den Himmel zu bringen, und wie in den letzten Jahren immer mehr der Toten sagen: "Himmel? Och nö, danke, ich bin schon im Archiv vom MDR."

Hendriks und Lauras junge Liebesbeziehung entwickelt sich bald zum Eifersuchtsdrama. Während Hendrik vom Gelegenheits-Possenreißer einer Literaturbühne zum TV-Gagschreiber mit rund-um-die-Uhr-Job avanciert, beginnt die Theaterwissenschaftlerin Laura eine Affaire mit seinem Chef Max Dopper, einem aufstrebenden Comedian und größenwahnsinnigen Blender. Als Hendrik die beiden zufällig bei einem Rendezvous beobachtet, hegt er Mordgelüste gegen Dopper. Inmitten einer TV-Produktion kommt es zwischen den Kontrahenten zum Showdown, und schwerverletzt wird Hendrik anschließend ins Krankenhaus eingeliefert. Von dort lässt er Laura eine persönliche Videoaufzeichnung zukommen - erst durch die Kamera gelingt ihm eine überzeugende Liebeserklärung.
Hülswitts Roman ist eine Tragik-Komödie, die sich in vielerlei Hinsicht nicht entscheiden kann oder will. Schon die Namen der Figuren - Pamela Anders, Carmen Amen, Jan D-Day, Max Dopper - klingen so ausgedacht, dass sie in eine Parodie des Komischen umschlagen. Auch die Aktionen und Reflexionen seiner Charaktere sind oft so idiotisch, nichtig oder lächerlich, dass sie gleichzeitig Mitleid und Verachtung hervorrufen. Man weiß nicht recht, ob man über Hülswitts Szenarien weinen oder lachen soll. Diese Ambiguität scheint beabsichtigt, sie wird nie in eine Richtung aufgelöst. Dem Comedy-Thema entsprechend, zieht sich ein ironischer Duktus als roter Faden durch den Roman. Ironie war ja die gesellschaftliche Problembewältigungsstrategie der 90er Jahre, aber ist sie heute nicht längst Teil des Problems geworden?
Dazu Tobias Hülswitt: "Ironie ist ein Kommunikationsproblem, das glaube ich auch. Ironie hat mittlerweile so viele Varianten, dass man eigentlich schon in jedem Gespräch den Code sehr genau kennen muss, um zu wissen, was der andere jetzt eigentlich sagt und das bringt auch einen Haufen Missverständnisse mit sich. Ich persönlich bin, glaub ich, davon sehr befallen und deshalb ist das Buch auch so, wie die Figuren zueinander auch sagen: ich sprech' mit dir ironisch und du suchst dir aus, ob du's ernst nimmst oder nicht ernst nimmst, so als Rückzugsmöglichkeit immer. Das ist das Buch auch insgesamt, es reproduziert auch wieder diese Kommunikationsform. Ein Leser kann sich dafür entscheiden, dass das Buch völlig an ihm vorüber geht, weil er's dann halt nicht ernst nehmen will, so stell ich mir das vor. Aber er kann es auch sehr ernst nehmen, das ist genau der gleiche Code, im Grunde. Auch da würde ich dann immer wieder sagen, ist es in dem Sinne Popliteratur, weil es halt wirklich genau da drinnen steckt in diesem ganzen Problem und keine Position außerhalb beziehen kann."

In seinem Roman wechselt Tobias Hülswitt immer wieder zwischen zwei Erzählperspektiven - mal ist es die Ich-Perspektive Hendriks, mal die des auktorialen Erzählers. Und so wie im Roman die Realitätsebenen von Wirklichkeit und Fernsehwelt ineinander gleiten, vermischt Hülswitt auch diverse Genre-Elemente und Schreibstile miteinander. Sogar der Balkankrieg wird auf sein humoristisches Potential hin abgeklopft. Medientheorie in fiktionalisierter Form fließt ein, auch unterschwellige Zivilisationskritik wird deutlich - besonders in der Kontrastierung von unerträglichen Nichtigkeiten mit ernsthaften und traurigen Momenten.. Hülswitt probiert Verschiedenes aus, ohne ein Resultat zu forcieren oder Position zu beziehen. Formal wie inhaltlich bleibt am Ende der Eindruck eines Experiments - die Frage ist, ob das nicht die Position des Autors oder Buches schwächt.
Dazu Tobias Hülswitt: "Ja, ich denk dann auch immer hin und her, was sagst du denn jetzt in solchen Situationen. Man überlegt sich, welche Sprüche kann man denn da jetzt vor der Presse ablassen oder so. Und ich hab jetzt beschlossen, dass ich es einfach nicht mehr mache, weil, auch das ist so'n Ding: als Autor ist man einfach ein völlig normaler Mensch. Und ich krieg selber die Krätze, wenn ich in Lesungen sitze und die Autorengespräche höre und die reproduzieren den ganzen Kram, den man hinschreiben würde, wenn man sich nen Autor ausdenken soll. Und es ist einfach, ich glaub, man ist einfach nicht so anders. Es ist einfach so. Also, wer schreibt, dem unterlaufen auch Sachen, zum Beispiel hieß es auch in einer Kritik, es sei eben ein moralisches Buch. Und das ist es auch auf eine Weise, glaube ich, und das war nicht geplant. Ich wollte das nur untersuchen, und das ist eben dabei rausgekommen."

Tobias Hülswitt: Ich kann dir eine Wunde schminken. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004. 190 S., Taschenbuch. Preis: € 8,90