| |
Alexander
Kunz (neu)
Kolumne: Ich sah ds Elend flimmern ...:
Teil 3
Alexander
Kunz
Kolumne: Ich sah ds Elend flimmern ...:
Teil 2
Alexander
Kunz
Kolumne: Ich sah ds Elend flimmern ...:
Teil 1
René
Hamann
Kolumne 1 - die Zweite
Serie:
Die Schreckliche Wahrheit über Comics
Teil 3
-
Klaus Schikowski
Faszinationen in Frankfurt.
Comics auf der Frankfuter Buchmesse 2006
Teil 2
-
Lotte
Comic-Herbst
Teil 1 -
Klaus Schikowski
Der Sommer der Liebe oder
Eine Reise zum Comic-Salon Erlangen
|
|
Alexander
Kunz
ICH SAH
DAS ELEND FLIMMERN...
... (hin
und wieder aber auch Gutes). Teil 3: Gero von Boehm begegnet Gore Vidal,
3Sat, 07.05.2007
Manchmal ist es doch hilfreich, dass es im Fernsehen nur um Bilder geht
und nie um Worte. Informationsströme durch das Signifikat, das reine
So-Sein. Dann aber Worte: Der Herrensignifikant am 7. Mai 2007 hieß
Gore Vidal. Und so schloß sich auch über die Worte, aber vor
allem über die reine Präsenz der Kreis dreier erhabener Persönlichkeiten:
Gore Vidal - Jeffrey Lee Pierce - Marlon Brando. Das war das erste was
mir auffiel, noch bevor auch nur ein Wort von Gore Vidal gesagt wurde.
Wie war das noch? Jeffrey Lee Pierce wird von der Tochter Marlon Brando´s
gefragt, ob seine Band Gun Club nicht auf einer Geburtstagsfeier von ihr
spielen wolle. Warum? Nun, Jeffrey Lee Pierce sähe aus wie Ihr Vater,
Marlon Brando. Das war der Grund, mehr nicht. Stimmt auch, vor allem der
aufgedunsene JLP erinnert schwer an Brando in der Rolle des Colonel Kurtz
aus Copolla´s "Apocalypse Now". Gore Vidal im Interview
mit Gero von Boehm erinnert nun auch an Brando, jedoch ist er nicht nur
an Leibesfülle vergleichbar mit dem späten Marlon Brando, nein,
er hat auch die Kälte und den Zynismus des Colonel Kurtz eingeschrieben
in die versteinerte Kälte seines Gesichts. Jeffrey Lee Pierce wiederum
dankt auf einer späten Gun Club-Platte unter anderem Gore Vidal.
Rein literarisch gesehen ist die Danksagung nicht überraschend. Gun
Club-Texte sind schließlich das Größte, was amerikanische
Literatur im 20. Jahrhundert zu bieten hatte (als Einstieg empfehle ich
"Devil in the Woods" oder "Jack on Fire", beides leicht
im Netz zu finden). Einzig die Tatsache, dass eine Danksagung in der Regel
auch eine Bekanntschaft voraussetzt, erstaunte mich leicht, denn ich hatte
zuvor Pierce doch eher im strikten Untergrund verortet und somit Verbindungen
zur Literatur eher bei Burroughs gefunden. Egal, denn wenngleich Projekte
von Pierce und Burroughs mir bekannt sind und eine Freundschaft zwischen
Pierce und Vidal nicht, so passen Vidal und Pierce und schließlich
auch Marlon Brando als Colonel Kurtz viel besser zusammen. Denn alle drei
sind Americana, lebendes, schwitzendes, verzweifeltes Americana. Mal gehetzt
wie JLP in "Devil in the Woods", mal jenseits von Gut und Böse
über den Dingen thronend wie Gore Vidal in der hier besprochenen
Sendung oder wie Colonel Kurtz, auch dieser erhaben, das Amerikanische
verkörpernd und zugleich transzendierend, archetypisch, pures Amerika
in all seiner Schizophrenie, seiner Dunkelheit, Paranoia und seiner imperialen
Größe. Die hier drei genannten Größen scheinen alle
daran gescheitert zu sein, man sieht es in den traurigen, leeren Augen.
Da Amerika eine Religion ist, die Americana heißt, kann man an sie
glauben oder nicht. Gerade als Europäer kriegt man Amerika nur als
Americana, wenn man nicht die Möglichkeit hat, dort selbst zu sein.
Was man heute gar nicht braucht und was dumm und linksfaschistisch ist,
das ist Anti-Amerikanismus. Ausnahmen, die sich Anti-Amerikanismus erlauben
können, repräsentieren diejenigen, die den Glauben an Amerika
als größtes demokratisches Modell nicht verloren haben. Dies
ist dann auch der Unterschied zwischen einem Michael Moore und einem Gore
Vidal, soviel wurde auch in dieser Sendung wieder deutlich. Der Inhalt
bestimmt denn auch die Form: Ein Michael Moore polemisiert aus der Position
des Benachteiligten, es hat etwas permanent Gehässiges und Hetzerisches,
etwas Nervöses, weil ständig mit dem Bewusstsein verbunden,
dass man unten rangiert und letztlich keine Beachtung findet (außer
der, für drei Monate an den Bestseller-Listen zu stehen, um dann
, nach einem Jahr zurecht vollkommen vergessen zu sein). Hinzu kommen
die demagogischen Anteile eines Michael Moore, die bewusst verzerrenden
Bilder und Parolen, die immer dann eingesetzt werden, wenn man merkt,
dass Emotionen gut ankommen und die Vernunft aussetzt. Gore Vidal hat
all dies nicht nötig. Er ist ein schlauer Kopf und er trägt
somit die Bush-Kritik heftig aber konzis und an den richtigen Stellen
ansetzend (Lobbyismus) vor. Kein Haß, sondern Verachtung. Dies zeichnet
den über-den-Dingen-Stehenden aus. Zum Beispiel Gore Vidal. Michael
Moore ist es nicht. Schön auch, dass das Gespräch zwischen Boehm
und Vidal in Vidal´s Wahlheimat Rom stattfand. Die Geburtsstätte
der modernen Zivilisation. Man muß nun Rom nicht zwangsläufig
mit Dekadenz und Untergang verbinden. Es ist einfach der passende Ort
für den USA-Kritiker und bekennenden Amerikaner Gore Vidal. Auch
das Ambiente stimmte bei diesem Interview, ich erinnere mich an viel teures
dunkelbraunes Leder und Holz. Gero von Boehm war der kongeniale Fragensteller.
Zurückhaltend, vornehm, keine überflüssigen Fragen, alles
zugeschnitten auf einen unnahbaren Gore Vidal. Die beste Kapitalismus-Kritik
ist immer noch die aristokratische, das wurde in dieser Sendung noch mal
deutlich.
|