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besten Bücher 2003 Olaf Karnik
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Adrian Kasnitz IM BMW MIT ANDRZEJ STASIUK Schon Eugen Buchholz wusste, dass die billigste Reise mitunter diejenige ist, die den Reisenden in den Alltag des bereisten Landes führt. Buchholz reiste vor dem Ersten Weltkrieg durch das dreigeteilte Polen. "Da Rundreisebillets nach Rußland nicht ausgegeben werden, so wurde am Schalter (des Allensteiner Hauptbahnhofes) ein einfaches Billet gekauft, und zwar - der verehrte Leser rümpfe nicht die Nase - vierter Klasse. Bekanntlich ist das billig, und sparen muß man heute, und außerdem kann man im Abteil der letzten Klasse eher Beobachtungen anstellen." In Andrzej Stasiuks Roman Neun beobachten seine zwei Helden, Pawel und Jacek, in einer Schlussszene Warschau von oben, ohne einen Überblick zu gewinnen. Beide sind auf der Flucht vor der Geld eintreibenden Mafia, in dessen Hände sie die postkommunistische Ära geleitet hat: Gescheiterte Versuche von Neuanfängen. Als Fluchtfahrzeuge wählen sie den Bus, die Straßenbahn, das seit Jahrzehnten Vertraute im Gegensatz zum BMW des Geldeintreibers: "Fünf Minuten später zischte der BMW mit quietschenden Reifen in die Stalingrader Allee. Er hörte, wie es hupte, aber er würdigte die paar beknackten Mittelklassewagen keines Blickes. Hochschalten - Gas, noch mal - Gas" (S. 293). Wo hier der Verfolger noch beschleunigt, endet die Verfolgung in einem Stillstand. Die Nutzer des Öffentlichen Nahverkehrs sind ihm nicht gerade ebenbürtig, doch existieren sie in einer Art Paralleluniversum, das auch mit PS nicht einholbar ist. Der Verfolger verunfallt. Die Verfolgten flüchten auf ein Hochhausdach und trauen sich nicht runter. Vereinbar sind beide Konzepte (das der alten und das der neuen Zeit) nur in ihrem Scheitern, zu dem beide verurteilt sind. Sie enden beide in der Brache, sind wie eine Wanderung aus der Stadt, durch Industrielandschaften, durch die zersiedelte Stadt, bis zum Stadtrand womöglich, wo es Tag wird und der Wanderer von einer Sehnsucht nach der Stadt ergriffen wird. Er kehrt um. Aber Stasiuk kennt auch die polnische Provinz, das unzugängliche Land, die Öde, die beschränkte Personage eines Dorfes mit schrägen Typen, die einander in ihrer Zersplitterung in nichts nachstehen. Es sind keine bizarr-humorigen Geschichten, wie sie der Ungar Sándor Tar aus dem Bierdunst aufsagt, sondern hier spricht die Trostlosigkeit eine andere Sprache. Es ist der Schmerz der Einsamkeit, der die Männer zu Eigenbrödlern und die Frauen zu Hexen verkommen lässt. Dazu erklinge Krzysztof Komedas Czarownica! Hier rückt
die Wirklichkeit in unwirkliche Ferne, in die nächste Stadt, die
man höchstens einmal in Jahren aufsucht, in das Land hinter dem
Fluss. Arbeit gibt es nur im Wald. Die Plackerei mit Kleinvieh. Der
Alkohol und täglich aufs Neue weitergegebene hanebüchene Erzählungen
von Ereignissen, Erscheinungen. Eine kaum entrinnbare Wiederholungsschleife. An einem solchen Tag könnten zwei Wanderer aus der Stadt auf die Dorfjugend, die sich seit Jahr und Tag an diesem Platz in den Beskiden zum Besäufnis versammelt, nicht weniger grotesk wirken. Ihre Rucksäcke, ihr Zelt sind Attraktionen. Hier habe noch nie jemand übernachtet, sagt einer und reicht die Wodkaflasche, dann den Apfelsaft zum Nachspülen. Texte /
Musik:
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