X
 

Karla Reimert

CONTAINERSCHIFFGESCHICHTEN

Der Pool

Ich finde es sehr schade, daß ich das Schiff nie von außen zu sehen bekomme, das heißt natürlich, vom Meer aus. Ich weiß, ich bin auf einem sehr großen Schiff, aber ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Ich würde sehr gerne einmal ganz um das Schiff herumfahren. Nur so, zum Spaß. Ich laufe auf dem Schiff herum und denke: Ich will das Schiff sehen, es von außen sehen, nur ein einziges Mal! Ich gebe zu, das ist schon beinahe zu einer fixen Idee von mir geworden. Wenn ich zum Beispiel nachmittags in den Meerwasserpool gehe, um mich abzukühlen, nehme ich immer etwas mit, das mich an das Schiff erinnert. Ich habe - der Reihe nach - folgende Dinge mit in den Pool genommen: Einen alten Funktelefonhörer, den mir der Chief Officer auf meine Bitten hin überlassen hat, eine Brotdose aus Metall, einen roten Wäschekorb, eine meiner Badesandalen, eine Videocassettenhülle, die ein Buch imitierte, eine Tischtenniskelle und einen leeren Frischwasserkanister.
Eigentlich kann ich mich nicht beklagen, alle diese Dinge blieben auf der Oberfläche. Ich bin um sie herumgeschwommen und habe mir vorgestellt, daß ich das Meer bin und sie mein Schiff. Ich habe Wellen geschlagen und sie angepustet, als ob es sehr windig sei. Ich habe sie gezogen und geschoben. Ich bin sogar unter ihnen hindurchgetaucht.
Leider muß ich sagen, es war nicht ganz das, was ich mir erhofft hatte.


Sudanesisches Erbe

Für Mutaz Mohammed

Heute fahren wir für ein paar Stunden auf der Höhe des Sudans an der Küste entlang. Ich weiß nichts über den Sudan. Aber ich kenne einen Bildhauer von dort, Mutaz, von dem ich hier gerne erzählen möchte, solange wir noch in der Nähe seines Landes sind. Mutaz bekam vor zwei Jahren ein Aufenthaltsvisum und lebt seither zusammen mit anderen Flüchtlingen in einer Containersiedlung am Rande von Fribourg. Das Sozialamt hat ihm auch Möbel, einen Fernseher mit Kabelanschluß und Essensmarken gegeben. Dann aber traten Probleme auf. Nicht, weil Mutaz mich vielleicht in Deutschland hätte besuchen wollen (was natürlich auch nicht erlaubt wäre), sondern weil er mehr Möbel haben wollte. Viel mehr, als ihm zugestanden wurden.
Es ist nämlich so, daß Mutaz seine Schnitzmesser aus dem Sudan mitgebracht hat und nun alles, was aus Holz ist, alle Betten, Schränke, Tische, Stühle, sogar die Betschemel der Buddhisten im Flüchtlingsheim einfach nicht in Ruhe lassen kann. Zuhause hat Mutaz die Gesichter seiner sudanesischen Ahnen in Kokosnüsse geschnitzt, die er einfach von den Palmen vor seinem Haus nahm. Jetzt sitzt er den ganzen Tag in seinem Container, schaut sich europäische Kulturprogramme im Kabelfernsehen an und schnitzt wie ein Wilder alles nach, was er sieht.
Mutaz Hände sind sehr rauh und sein Zimmer mittlerweile ziemlich eng. Wenn man ihn besucht, sitzt man auf Barlachengelstühlen und schläft auf Kollwitzmütterbetten, es gibt Rodinrasierpinsel und Archipenkoaschenbecher, eine Picassosonne, die im Fenster hängt, aber auch Abgelegeneres wie Wrubeldämonen- und Kafkamädchenteller, was für die Qualität des europäischen Fernsehens spricht. (Und auf der anderen Seite für die Geduld von Mutaz Mitbewohnern, die ihm für kleine Dienste bereitwillig von ihren Möbelzuteilungen abgeben).
Mutaz verläßt seinen Container übrigens nie, obwohl ich sogar eine offizielle Einladung an die Schweizer Behörden geschickt habe. Er will einfach nicht. Noch nicht. Immerhin hat er neulich gesagt, daß seine Kenntnisse von europäischem Holz vielleicht bald ausreichen, um unserer Kultur würdig zu begegnen.


Gegenstromanlage

Keiner ist hier. Wir haben immer so viel Spaß beim Schwimmen, aber jetzt bin ich ganz allein. Außerdem hat jemand die Gegenstromanlage eingeschaltet. Ich strample und pruste und frage mich, was der Pool und jemand, der so allein ist wie ich, alles mit einander anfangen könnten. Sicher, man könnte Blinde Kuh spielen und Fangen, man könnte sich als Gründer einer Meerwasser- Formationsschwimmmannschaft einen Namen machen, Pooltauchen als neue olympische Disziplin etablieren oder Poolwasserforschung betreiben.

Ich bin über dreißig Jahre alt, liege allein in einem Pool, in dem man nicht mal vier Stöße schwimmen kann, ohne an seine Grenzen zu stoßen, jemand hat ohne mich zu fragen die Gegenstromanlange angeschaltet und mein Leben kommt mir ziemlich sinnlos vor.


Ägyptisches Fernsehen

Für Nuran Montasser

Immer wenn ich in den letzten acht Jahren nach ägyptischem Fernsehen gefragt worden bin, habe ich geantwortet, daß im ägyptischen Fernsehen viele Schulkinder in bunten Kostümen gezeigt werden, die pausenlos tanzen oder singen, und dazu Mütter und Väter, die darüber so gerührt sind, daß sie unentwegt in Tränen ausbrechen.
Ich habe also mehr oder weniger behauptet, daß im ägyptischen Fernsehen den ganzen Tag Kindertänze und Elterntränen zu sehen sind, nur unterbrochen von Werbesendungen, die die hervorragende Hygiene von Nestlé - Babymilch zum Inhalt hätten.
Ich habe ehrlich gesagt so oft über das ägyptische Fernsehen gesprochen, bis ich nicht mehr wußte, ob ich völligen Blödsinn erzähle. Das wäre schade, denn niemand würde erkennen, daß er in Ägypten ist, wenn er ganz andere Dinge im Fernsehen sieht, als ich behauptet habe.
Nun fahre ich durchs Rote Meer und schaue das erste Mal seit acht Jahren ägyptisches Fernsehen. Die Babys, die damals in den Nestlé-Werbungen zu sehen waren, sind heute vielleicht die Schulkinder, die tanzen. Und die Schulkinder, die ich vor acht Jahren gesehen habe, sind vielleicht Eltern, die ihre Kinder in Nestlé-Werbungen mitspielen lassen oder sogar noch Schlimmeres mit ihnen vorhaben.
Ansonsten aber ist alles so geblieben, wie es war. Das heißt: damals war ich schwanger, aber ich habe das Kind verloren. Angeblich weil ich zu krank war, um schwanger zu sein. Man sollte meinen, daß Kinder, die europäische Hygienevorschriften schon mit der ersten Milch in sich aufnehmen, davon beeinflußt werden. Aber es scheint ihnen gar nichts auszumachen. Sie tanzen und singen und lächeln so zahnlos, daß es einfach zum Heulen ist.

oben