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Karla Reimert

BIG IN JAPAN

Was Till und mich verbindet, läßt sich an den Fingern einer Hand abzählen. Wir haben uns freundschaftlich getrennt, noch unter Kohl, das sagt alles. Auch wenn freundschaftlich in unserem Fall nur bedeutet, daß seine Freunde meine und meine seine bleiben konnten.
Übriggeblieben sind also vier Freunde und ein gewisses Interesse. Wer hat zuerst behauptet, daß Zeit alle Wunden heilt. Till und ich mögen uns jedenfalls am liebsten, wenn mindestens ein Kontinent zwischen uns liegt. Ich hab mein Studium aufgegeben, um das hier zu machen. Und Till ist das, was man in den Staaten einen Bobo nennt. Wir stören unsere Kreise somit selten. Schaltkreise, hätte Till dazu gesagt. Ich hätte auf Kreisen bestanden und wir hätten uns gestritten. Manchmal half das. Ich war daher auch nicht unbedingt abgeneigt, ihn zu sehen, als er an einem Sonntagnachmittag im Frühling vom Flughafen anrief. Er bat um Asyl.
"Pppppiep-piep. Raumschiff Enti an Erde. Bitte um Landeerlaubnis". "Hey Till. Hängengeblieben?" " I beg you pardon, mam?!" "Welche Staffel, Trekkie." Ein Moment Stille. " Rudern. 10-12. Klasse. Wieso interessiert dich das?" "Vergiß es. Zu viel Geld von dir für zu wenig verwertbare Information für mich." "Und was soll ich sagen?" Woher kommst du gerade: Tokyo, New York?" "Eins. Tokyo. Ich hab gekündigt." "Ist das gut oder schlecht?" "Was meinst du damit?" "MLP- Kommunikationstraining, Till. Frag die Leute nie, was sie tun, frag sie nur, wie sie sich dabei fühlen." "Weiß nicht." "Also, steigert es jetzt deinen Marktwert oder was?" "Ist das ein Test?" "Nein, das ist kein Test, Till. Ich meine, keiner von denen, wo man was falsch machen könnte." "Dann soll ich mir also jetzt ein Taxi nehmen und vorbeischauen?" "Erteilt".
Eine halbe Stunde später stellte Till zwei Koffer in die Ecke, packte seinen Laptop auf meinem Eßtisch aus, installierte eine Karte, legte umsichtig Kabel aus und positionierte einen Empfänger auf dem Fensterbrett. "Komm erstmal. Bevors zu labyrinthisch wird." Ich umarmte ihn. "Wow, smells like new economy." Er lächelte abwesend, vollkommen ausgefüllt mit der Aufgabe, die Geräte zum Laufen zu bringen. "Neues Spielzeug, großer Mann?" Er strahlte mich von oben herab an. "GPS- Standortbestimmung, damit ich immer weiß, wo ich bin." Ich faßte mir an die Stirn. "Macht das nervige Geräusche?" "Versprochen." "Na gut, aber das Handy bleibt aus. Ich hab keine Lust auf Kopfkrebs." Und wie soll man mich erreichen?" "Ist mir egal, mit Brieftauben, wenn es anders nicht geht." "Du mußt übrigens nicht übertreiben, Schätzchen, ich will nicht mit dir ins Bett. Andere Frauen haben auch Migräne." "Andere Männer sind auch manchmal nicht zu erreichen." "Aber wenn ich noch nicht mal weiß, wo ich bin?" Ich schüttelte den Kopf. "Till, hör auf, du bist doch nicht irgendwo im Universum verlorengegangen! Das hier ist Berlin. Mitte, Auguststraße 2. Du hast meine Adresse dem Taxifahrer gegeben und bist heil angekommen. Was willst du mehr?" Er überlegte. "Neue oder alte Mitte?" "Wie meinst du das. Politisch?" "Nee, geographisch." "Ach ja. Ich vergaß. Du bists. Neu dann?" Er schnaubte. " Du weißt bestimmt noch nicht mal, wo die alte Mitte von Berlin war." Ich blickte ihm tief in die noch immer grünen Augen. "Dafür bin ich mir aber sicher, daß Brieftauben das völlig egal ist." Er tippte mit seinem Zeigefinger in der Luft zwischen uns herum, als bediene er einen unsichtbaren touchscreen. " Na gut. Ich sags dir. Kreuzberg, Kommandantenstraße 23." "Dann könnte das hier zumindest annähernd die Neue Mitte sein", schlug ich vor. "Genauer weißt du es aber auch nicht, oder?, sagte Till triumphierend. "Muß ich?" "Besser wärs für dich, besser wärs." Er musterte mich streng und nickte bedächtig mit dem Kopf. "Und wo wir dabei sind: Ein bißchen Diät täte dir auch gut." "Wo hast du denn eigentlich deine Haare gelassen, Till. Den Schuppen zum Opfer gefallen?" Er lehnte sich zurück. "Du bist auch nicht wirklich eine Primärreizverschwendungslaune der Evolution, Baby."
"Okay, Schoßhund, genug gefrozzelt", sagte ich, "neuer Gesprächsfaden: Tee oder Kaffee?" "Wie meinst du das?" "Was möchtest du trinken, Till?" "Das ist hier ja stressig wie im Flieger. Kannst du nicht einfach irgendwas für uns machen?" "Gut. Komm erstmal an." Er rutschte noch bequemer in seinen Sessel. "Das ist schon besser. Fast japanisch. Weißt du, ich kann jetzt übrigens verstehen, daß die Japaner so auf Schulmädchen abfahren. Das senkt die Erwartungen- und damit ist ja wohl allen gedient." Ich stand auf. "Die Japaner übernachten auch in Särgen und betrachten Dichtung als Volkssport." "Was willst du denn damit sagen?" "Beruhige dich. Nicht das, was du denkst."
Wir tranken Kaffee als würden wir dafür bezahlt, waren eine halbe Stunde später hippelig wie zwei Hackkids und bei der Lösung unseres Problems keinen Schritt weitergekommen. Till kontrollierte entnervt den Sender. "Was ist der Fehler, Commander?" "Ich hab erst einen Satelliten, sagte Till." "Wie viele?" "Mindestens vier." "Hör mal, sagte ich. Ich verstehe, daß du durch das viele Reisen ein Recht darauf hast, diese Dinge sehr ernst zu nehmen, aber..." "Aber was?" "Wenn du schonmal da bist: Können wir uns vielleicht ein bißchen ernsthaft unterhalten?" Er überlegte. "Du bist eifersüchtig, stimmts?" "Auf Satelliten?" "Nein, daß ich so genau weiß, was ich will." Ich zog die Platte mit dem Kuchen zu mir rüber. "Hey, Unterstellung. Punktverlust. Ich weiß auch, was ich will!" Er musterte wieder meine Figur. "Ja, aber du hast nicht genug Disziplin, auch den Preis dafür zu bezahlen." "Das, was ich will, kann man nicht mit Geld..." " Jaja. Für alles andere gibt es die Eurocard, Schätzchen. Du schaffst es nicht, deine Programme zu kompilieren. Gibs zu. Es läuft nicht bei dir, richtig? Du bist schon über 27 und allein." Er hatte sich für einen Ex-Freund offensichtlich ziemlich ausgiebig Gedanken über meine Matratze gemacht.
"Hast du es noch immer nicht in deinem Arbeitspeicher, Till, daß es in meinem Leben was anderes als mein biologisches Programm gibt?" "Torschlußpanik. Also doch. Weißt du, wie man Frauen deines Alters in Japan nennt? Christmas cakes. Das sind die, die nach dem Fest übriggeblieben sind." Ich schrieb den Tonfall Tills Jetlag zu. "Besser allein als Nerd." "Besser Geld als keins."
"Till, ich wollte dir das ja eigentlich nie sagen, aber die Sache mit all den Ampeln in deiner Wohnung..." "Pardon?" "Viele Leute würden es für verrückt halten, ihr Leben nach Ampelphasen zu organisieren. Nicht, daß es wirklich ein Problem gewesen wäre, nur bei Gelb aufs Klo zu gehen, weißt du, aber..." "Dein Gedächtnis läßt nach, Baby." "Vergessen können ist eine Gnade", sagte ich drohend. "Aber willkürliches Verdrehen der Fakten ist unwissenschaftlich, wenn nicht sogar politisch bedenklich. Die Ampel für die Toilette war eine Fußgängerampel." "Lenk nicht ab. Grün-gelb- rot, schwarz und weiß, darum geht es nicht." "Schach?" "Weiße Quelle, schwarzes Loch. Jing und Yang, Mann und Frau- was immer du willst, Idiot."
Er sah mich mit dem Blick an, den er sonst nur für Microsoftproduktwerbung übrig hat.
"Also, du warst das." "War ich nicht", sagte ich vorsichtshalber. "Doch, du warst es, du hast das Computerthermometer verstellt. Die Temperatur im Kühlschrank ist so gestiegen, daß ich die ganzen Tiefkühlsachen wegwerfen mußte."
"Till, ich wußte noch nichtmal, daß der Computer und der Kühlschrank gekoppelt waren." "Ich glaube dir nicht mehr." "Dann ändere endlich die Versuchsanordnung, Idiot. Wieso sollte ich lügen?" "Also- hast du es getan oder nicht? Eins oder Null!" "23." "Was?" "Null. Oder 46. Null ouvert." "Ist das jetzt hier keine falsifizierbare Behauptung, oder was?" "Das ist Skat." "Erst Schach und jetzt Skat. Du hast die ganze Zeit ein falsches Spiel mit mir gespielt."
"Komm runter Till. Du hast doch die ganzen Bänder von der Überwachungskamera. Schau sie durch und du wirst sehen, daß ich mit deinem Scheißkühlschrank und deinem Scheißcomputerbarometer nie was am Laufen hatte."
"Und warum hast du dich dann von mir getrennt?" "Was hat denn das wieder damit zu tun?" "Also eigentlich weißt du es nicht, oder?"
Ich holte tief Luft und erinnerte mich daran, daß die Sache zwischen uns wirklich so gegessen war wie die Zeit der nächtlichen Tiefkühlpizzen vor Videospielen.
"Wieso bist du eigentlich hier, Till? Um mich das nach all den Jahren zu fragen?"
"Nee, um mich neu zu orientieren. Beruflich. Aber trotzdem- du hast immer behauptet, die Philosophie von Linux zumindest moralisch zu unterstützen. Du enttäuschst mich."
In Tills Hose klingelte das Handy. "Wenn du rangehst, fliegst du raus." Till zuckte mit den Schultern. "Bin gerade rausgeflogen, schon vergessen? Und wenn ich nicht verfügbar bin, bleibe ich arbeitslos." "Erzähl mir nichts. Es ist Sonntag, da bietet dir keiner einen Job an." "Standortvorteil Deutschland dotcom ?" "Halt den Mund. Du bist doch freiwillig hier, oder." "Western unitiy. Alles relativ, Baby. An den Frauen liegt es auf jeden Fall nicht." Ich holte tief Luft. "Entschuldige, aber ist das nicht völlig egal, wenn man programmiert? Und mach verdammt nochmal das Ding aus." "Deine Verantwortung." "Papierkorb. Ich erziehe keine pubertierenden Endzwanziger mehr." Er drückte auf seiner Hose rum, bis sie keine Töne mehr von sich gab. "Es ist übrigens auch völllig egal, wenn man Geschichten schreibt, Schätzchen. Versteht sowieso nur ne Handvoll Leute, du wirst immer nach dem Nutzen gefragt und wirklich sexy macht es auch nicht." Er warf mir einen Blick zu. "Alles bei dir wie bei mir, es gibt nur weniger Geld. Was sag ich: Viel weniger Geld." "Noch Kuchen?", fragte ich. "Für Stollen schon ein bißchen trocken, findest du nicht?" "Diese Anwendung wird augenblicklich aufgrund eines unzulässigen Vorgangs geschlossen." "Das war eine Microsoft-Fehlermeldung, stimmts? Du wolltest mich beleidigen." Ich starrte mit aller Verachtung auf seine Hose. "Doch Till. Tut mir leid, wenn ich das sage, aber es gibt einen Unterschied. Die eine Arbeit hat etwas mit Schönheit und Würde zu tun. Rat welche." "Versteh schon. Wenn ich nur eine Sprache zum Programmieren hätte, würde ich die wahrscheinlich auch so verteidigen." "Wie bitte?" "Ein Zimmer, dunkel, Kohleofen, schimmeliges Einfachfenster, Matratze und Straßenlärm gehören heute zum Stil, ja? Arme kleine Poetessa, kein Platz mehr im Prenzlberg?" "Ich kann immerhin noch Verantwortung tragen, Sklave. Ich weiß nämlich, was ich hier mache." "Aber nicht wo du stehst, stimmts. Null oder Eins?" " Nicht genau. Aber immerhin arbeitet mein neuronales Netz im Gegensatz zu deinem noch." "Komm mir hier nicht mit Fuzzy-Logic, Schätzchen."
"Hallo? Noch Platz auf der Platte oder ist da nur Müll? Ich spiele nicht mehr mit, Till, vergiß es! Ein für alle Mal!" "Siehst du, das meine ich. So wird nie was aus dir. Schade eigentlich, so dumm bist du ja nicht." er überlegte. "Womit verdienst du eigentlich gerade dein Geld, Baby?" "Wenn du es wirklich wissen willst: DaF. Das Wunderwaffe der neuen Regierung für den Integration von Greencard-Inder. Ich arbeite also an der Vernichtung deiner überzogenen Gehaltsvorstellungen. Und ich bete darum, daß..."
Der Laptop blinkte in hysterischem Rot und gab ein Warnsignal von sich. Till drehte sich zum Tisch und tippte wild auf der Tastatur herum. "Verdammt, nur zwei Satelliten in Sichtkontakt, das Signal reicht noch nichtmal für die Uhrzeit. Was hast du eben gesagt? " "Hör mir zu, Till: Es ist genau 17. 35 Mitteleuropäischer Zeit", schrie ich ihn an und hielt ihm meine Uhr unter die Nase. "Sommerzeit oder Winterzeit?" "Sommerzeit." "Schließt du das jetzt aus der Temperatur da draußen oder wie?" Er deutete durch das Fenster auf die Straße, wo sich mittlerweile der älteste Bildschirmschoner der Welt angeschaltet hatte. "Hast du etwa keine Wetterstation?" fragte er, als hielte er das für ein wirklich gutes Geburtstagsgeschenk.
"Stell dich nicht blöd, Till, es ist mir egal. Sogar scheißegal! Und was ich dir auch schon lange sagen wollte: Enti ist ein bescheuerter Name übrigens für ein Raumschiff. Es gibt keine Entitäten. Hörst du? Keine Elementarteilchen. Keine Identität von irgendwas. Es gibt nur...weiß nicht, Schwingungen vielleicht." Till schwieg so lange, daß es mir leid tat. Entweder brauchte sein Compiler zu lange oder ich hatte endgültig sein Programm für heute zum Abstürzen gebracht. Ich ging zur Anlage, schob die Herr Nilsson-Live-CD rein und drückte auf den dreizehnten Track. "Till, mit den unterschiedlichen Codes, weißt du, ist das nicht eigentlich ziemlich unwichtig?" Er dachte nach. "Hab schon gehört, daß ihr hier in Berlin gerade so drauf seid.", sagte er schließlich.
Ich zündete zwei Kerzen an. "Pizza bestellen?" "Romantischer Teil, Musik und Essen statt klärendem Gespräch?" "Bohémian oder Bourgeois?" "Thunfisch oder Meeresfrüchte?" "Nein. Damit ich dir noch in die Augen sehen kann. Die sind nämlich immer noch grün. Trotz Brille." "Wär auch ziemlich doof, wenn sie rot geworden wären, oder?" Ich nickte. Der Laptop piepste herzerweichend und verstarb dann mit einem letzten leisen Surren. Das elektrische Summen fehlte dem Zimmer spürbar.
"Und worüber schreibst du eigentlich gerade, also, wenn du noch schreibst?" fragte Till in die Stille. "Willst du das wirklich wissen?" "Commander-Ehrenwort!" Er befeuchtete drei Finger der linken Hand mit Spucke und hielt sie sich an die Stirn. "Alter Häuptling der Indianer." Ich lächelte. "Okay. Ich schreibe gerade einen Roman darüber, wie es ist, wenn man Kaffee kocht. Das Wasser, das sich noch einmal glättet, bevor es dann so blubbert. Die Ruhe vor dem Sturm, als hätten sich alle Moleküle nochmal verabredet, miteinander zu tanzen, bevor sie auseinandergehen." "Die Love-Parade-Geschichte? Das ist nicht dein Ernst. Du bist wirklich immer noch bei den Lenardschen Zellen?" "Besser, als Atombomben zu programmieren?" Er lachte. "Unterstellung. Punktverlust. Was machst du nur mit dem ganzen Verstand in deiner Moral? Und außerdem: Ich hab die Sprache nur für dich gelernt, Baby. Eine Sprache, die so heißt wie ich, Till, ist das nicht toll!: Du warst diejenige, die so darauf abgefahren ist." "Entschuldige bitte, Till, aber ich wurde nach einer Figur von Nabokov benannt und das hat mit deinem blöden Programmieren aber auch wirklich gar nichts zu tun."
"Und warum haben wir das Nullen-und-Einsen-Spiel gespielt?" "Keine Ahnung." "Komm. Linux zuliebe. Legs offen: du weißt, wer das erfunden hat!" "Null. And over." "Over- was." "Ende der Übertragung." "So geht das aber nicht hier. Ohne freecode zählt es nicht." "Und ob." Er seufzte. "Nochmal, Baby, damit ich das jetzt verstehe. Nabokov. Das ist der mit Lolita, richtig?" "Richtig, der Schulmädchenreport. War klar, daß du das kennst." Er hob beide Hände. "Geschenkt. Ich wollte dich nicht beleidigen. Du wirst deine Gründe haben." "Da kannst du Aktien kaufen, daß ich die habe, Till." "Sag mir Bescheid, wenn du an die Börse gehst. Nein, ernsthaft. Kurssichere, wenn auch nicht nachvollziehbare Gründe. Gefällt mir, Baby. Till, der Mäzen für gute Gründe." "Wag es ja nicht!" "Keine Geschäftsidee. Versprochen. Lieber Friedenspfeife. Weißt du eigentlich, daß du anders redest, als alle anderen Frauen, die ich kenne? Und jetzt frag mich endlich mal, was ich in Japan gemacht habe." "Was um alles in der Welt hast du eigentlich in Japan gemacht, Till?" "Das große GOEAST, Baby." "Im Ernst, Till." "Ich hab neue manuals für die Tokyoter U-Bahn programmiert. Eine der ersten Applikationen für FL, erinnerst du dich. Ende der Achtziger. Sie kamen aber mit dem Bremsvorgang nicht richtig klar." "Die planen da doch gerade das Magnetschwebebahnkonzept zu übernehmen, oder?" "Was willst du damit sagen?" Ich schüttelte den Kopf. "FL ist nicht die Lösung, Till, glaub mir." "Für was?" "Ja, eben. Es bleibt doch immer binär, klarer kann ich das gerade nicht ausdrücken." Ich sah ihn hilflos an, er lächelte zurück. "Na, macht nichts. Ich hab ja auch gekündigt, oder?" Wir standen einen Moment lang unschlüssig voreinander.
"Weißt du, Baby, ich wollte dir eigentlich damals dieses Haus in der Kommandantenstraße schenken. Oder wenigstens eine Wohnung. Das hätte dir doch bestimmt gefallen, so im Mittelpunkt der Galaxie zu leben, oder?" "Verstehe. Die Berlin-Deutschland-Europa-das Universum-Ansichtskarte."
"Und was."
"Till", sagte ich, "über die Raumschiff-Enterprise-Geschichte war ich schon damals drüber. Und außerdem, die Häuser gehören zum Sozialen Wohnungsbau. Die kann man gar nicht kaufen." "Ach so." "Ja, genau. Ach so!" "Na, dann geh ich jetzt mal. Ich muß noch ein Hotelzimmer kriegen." Sein Gesichtsausdruck war schwarz und monolithisch."Du kannst trotzdem ein paar Nächte hier bleiben, Till. Kein Problem." "Nee, du schreist mir heute zu viel rum. Ich hab genug eigenen Streß, Schätzchen, ich brauch nicht noch fremden. Und wirklich schade übrigens, daß du nicht mehr wußtest, daß ich nur Tee trinke." "Till, du brauchst die Bänder nicht anzuschauen, sagte ich. Ich habe wirklich mit dieser Barometergeschichte nichts zu tun." "Thermometer. Mangelnde Präzision." "Geschenkt. War dein alter Amiga, richtig? Der ist vielleicht einfach so dahingegangen." "Ja, aber schade ist es schon." "Aber immerhin möglich?" "Möglich wärs." "Erinnerst du dich noch an die Folge, in der es um Professor Moriarty und die Holo-Decks geht?" "Die, wo er sich befreit, oder die, wo er wieder eingesperrt wird?" "Ja, die."
Er nickte langsam und packte dann Kabel, Sender und Laptop zusammen. "Sag mal, aber das Küssen war immer gut, oder?"
"Nachdem ich es dir beigebracht habe oder davor?" "Na gut. Also was jetzt- lieber ein Nerd als allein?" "Glaub nicht, daß wir nur geübt haben. Das hier ist nicht die xbox, Till. Aber du kannst dich ja melden, wenn du einen neuen Job hast." "Wozu." "Vielleicht nur mein persönliches GPS?"
Ich schaltete das elektrische Licht an und Till blies zeitgleich die Kerzen aus. "Dann hast du später noch was davon." Die beiden Rauchsäulen über den Dochten zitterten und schwankten, verwoben sich ineinander und lösten sich gemeinsam in der Luft auf, bevor sie ganz erloschen. Dann schoben und trugen wir die Koffer auf die Oranienburger Straße. "Wie hast du das nur allein bis hier her geschafft, Pizzabauch?"
"Vielleicht hab ich ja noch eine Frau bestochen, wer weiß." "Wissen ist Macht?" "Vergiß es. Was zählt ist Würde und Schönheit. Die tun auch nur ihren Job, wie du." "Okay. Schon vergessen." Wir stellten uns am Oranienburger Tor an die Ampel und warteten auf ein Taxi. Eine der Frauen trat auf uns zu und bat um Feuer. Wir schüttelten synchron die Köpfe. "Immerhin rauchen wir beide nicht mehr.", sagte ich. "Ja, immerhin." Ich legte den Kopf in den Nacken und sah in den Himmel über Berlin. Der Himmel war kalt und voll blinkender Bewegung. Aber es roch unverkennbar nach Frühling.
"Immer diese verwirrten Leute", sagte Till, als wir uns zum Abschied umarmten.
"Es wäre so gut, wenn die Menschen nur einsehen würden, daß man sich entscheiden muß. Dann weiß man nämlich, wo man ist." "Sag mal, haben die dich wirklich gefeuert?" Er winkte ab. "New economy, alles relativ. Mach dir keinen Kopf." "Ehrlich?" "Sogar Ehrlichdotcom. Kannst du vermutlich noch kaufen. Aber beeil dich."
"Ungeschütztes Markenzeichen? Fahrlässigkeit. Punktverlust." Ich tippte ihm auf die Brust. "Da fällt mir was ein, Till, wie steht es eigentlich?" "Weiß nicht, hab vergessen, mitzuzählen. 1 zu 0 für mich, schätze ich." "Kannst du haken. Aber, Till, wär wirklich schön, wenn wir mal wieder Science-Fiction kucken könnten. Was hältst du von 2001?" Er überlegte. "Na gut. Küssen ist ja wohl eh nicht drin," er nahm die drei Finger seinen linken Hand und legte sie mir leicht auf die Stirn. "Ich hab dir übrigens was mitgebracht. Aber erst zuhause öffnen." Er nahm meine Hand und hielt sie einen Moment fest. "Wenn du wieder meine SMS nicht beantwortest, schick ich dir ne Taube." "Friedenstaube verfliegt sich ins Festnetz?" "Ach so, ja. Na, ne weiße auf jeden Fall, wenn die das irgendwann schaffen, mit der Landeerlaubnis." "Und wie wirst du dich dabei fühlen?" Er grinste und hob salutierend die Hand an die Stirn. "Keine persönlichen Auskünfte mehr, solange die Regierung keinen krisensichereren Job für mich hat." Er winkte nach einem Taxi, stieg ein und entschwand die Straße runter. Go Babylon, Baby, wir stecken uns Fische ins Ohr und alles wird gut. Ich stand vor dem geschlossenen Gitter des U-Bahn-Eingangs und wartete genau so lange, bis das Taxi nicht mehr zu sehen war. In meiner Hand lag ein winziges Döschen. Geschenkt. Von Till. Rot-grün, mit eingeprägten schwarzen Schriftzeichen.

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