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Tom de Toys

VOM KLOSPRUCH ZUM STABREIM UND ZURÜCK

Eine sachliche Pop-Satire über den 3.Sexpoetry-Jahresslam

ich komme direkt von der massage. in der ubahn flimmern nachrichten vom monitor und viel zu gestreßte menschen reden ueber viel zu triviale rituale. doch dann die hypnotisch bunte slam-werbung, laenger als sonst auf dem monitor, ich schließe beruhigt meine augen und fluechte vor dem medialen smog in einen trance-aehnlichen zustand tiefer innerer gelassenheit, wo keine sprache wohnt. sprachlosigkeit.

als ich gegen halb zehn den club betrete, haengt draußen seit anbruch der daemmerung ein fieser nieselregen in der eisig kalten luft. ob ueberhaupt wer heute kommt? die tanzflaeche ist bereits bestuhlt und wird vom dj mit chilligen beats bespielt. ich nutze die leere des raums, um erstmal pinkeln zu gehen. maenner muessen naemlich neben der buehne, was bei vollem saal schier unerreichbar scheint, waehrend frauen bloß durch die eingangslounge flanieren, als ob hier ein laufsteg sei. warum sich maenner manchmal auf das falsche oertchen verirren, hat bestimmt verschiedene gruende. und warum das thema sex noch nicht ausgereizt ist, bestimmt auch. es geht also um maenner und frauen. und deren sexualverhalten in diversen konstellationen. laut homepage-presse sogar um liebe und beziehung. ich bin gespannt und starre an die klowand, wo mir der weit und breit einzige eddingspruch ins auge springt: "wer das liest ist doof". aber der vorwurf prallt geschickt an mir ab, indem ich ihn auf den bevorstehenden dichterwettstreit beziehe: ist der vortragende oder der zuhoerende gemeint? wer ist hier doof? und ich spuere eine ungeahnte textimmanente komplexitaet, ja vielleicht sogar wirklich hohe literatur. denn die zeiten haben sich geaendert: alles ist erlaubt, was gefaellt. der slam wird es beweisen.

zehn vor zehn, der moderator trifft mit einem smarten laecheln ein, studenten der mediengestaltung bauen mehrere kameras gut verteilt auf. generalprobe fuer ihren abschlußfilm. ein ueberpuenktlicher autor fragt mich, wer heute die liste macht. vermutlich der große, der gleich da drueben an der kasse steht. um ganz genau zehn sind schon alle fuenfzig stuehle besetzt und der buechertisch mit subkulturellem hochglanz bestueckt. als der moderator ganz in schwarz die buehne betritt, stehen weitere fuenfzig schaulustige mit ziemlich spitzen ohren herum. der moderator: "super autoren! fuer jeden fuenf minuten sex! und das alle fuenf minuten aufs neue!" und eroeffnet den abend mit der "erogenen zone" von Gioconda Belli. danach der stargast, ein junger doktor der germanistik, dessen studenten sich unter das szene-volk mischen. gelacht wird gerne an brutalen stellen, es soll im laufe des abends geschichten, gedichte und lieder geben, und klassisches versmaß wird wieder einmal ganz bieder immer wieder und wieder hochkonjunktur feiern - aber alles der reihe nach: von sechzehn dichtern wird bloß der letzte vor seinem auftritt verschwinden, vier von fuenfzehn buehnenwilligen sind weiblich, das publikum fifty fifty und die fuenf juroren fast freiwillige. die mutprobe kann beginnen.

und sie beginnt mit dem alibi-poem des buchhaendlers, der eigentlich nur auf den naechsten slam aufmerksam machen moechte, waehrend der zweite minnesaenger mit vorgetaeuschter peinlichkeit die gunst der geduldigen meute sucht, denn er habe keinen titel fuer seinen fetischistischen text vorzuweisen. so mancher entjungfert sich mit 1 alten und 1 neuen gedicht, und bald schon wird gleich zweimal die hoechste punktzahl, zehn, fuer "kollektiven orgasmus", an die autorin x-mal wiederholter texte vergeben, deren HELLE, SCHNELLE zeilen jedes LAND mit SAND an die WAND stellen. danach behauptet ein poet, er staende zwar nur rum, aber sei trotzdem innerlich nicht dumm. und muesse zudem am naechsten morgen eine leistungskursklausur ueber deutsche lyrik bewaeltigen. ein juror wird wegen seiner schlechten bewertung zur rede gestellt. er mag keinen porno-rap. es folgen noch diverse "unerfuellte sehnsuechte", trotz englisch leicht nachzuvollziehen, sie handeln von CAGES und STAGES, und nach der pause geht es dann schlag auf schlag im mittlerweile qualmgeschwaengerten ambiente: SAMEN, DAMEN, SPUREN und HUREN des stargastes legen die meßlatte hoch, dann das coming-out des garderoben-verwalters mit seinem aufgeklaerten traum vom paradies, und als dann der KOPF im "kalten kult" einer schraegen opernstimme zum NACHTTOPF mutiert, lichten sich die hinteren reihen und eine belustigte zuhoererin imitiert den gesang. bei STRONG, LONG, SONG, FAIR und CARE wird wild applaudiert, STRUKTUREN, KULTUREN, MACHT und SCHLACHT leiten zum ende ueber, ein zusaetzlicher dichter hat sich in der pause entschieden, doch zu lesen, um sich fuer die beiden freigetraenke zu qualifizieren und reimt nicht nur ROSA auf SOFA, weil er einen PO SAH, sondern gleich noch LEBWOHL auf ALKOHOL und FISCH und TISCH hinterher. ich haette ihm vorher meinen ueberfluessigen bong schenken sollen, dann waere das nicht passiert.

aber dann werden auch schon drei sieger mit ueber vierzig punkten geehrt, mit bademodenposter, nikolausstiefel und echtem champus, und daß die meisten beitraege nicht sex thematisierten, macht gar nichts laut moderator, denn der abend als solcher war wiedermal fuerchterlich sexy. es ist zehn vor eins, die stuehle sind ruckzuck zusammen gestapelt, waehrend vor der buehne noch ein paar poeten verschwoererisch kluengeln und der dj tanzbares fuer uebrig gebliebene motivierte maedchen auflegt. das publikum hat sich wie immer koestlich bis skeptisch amuesiert, und als ich nach dem abschlußpinkeln zum ausgang torkel, lehnt der schoenste aller kurzzeithelden mit einer niedlichen muse wild knutschend an der wand der menschenleeren lounge. ein bild fuer besoffene goetter! und fuer mich der unerwartete beweis, daß sprachbegabung nicht nur ungelebtes kompensiert. die sinnliche authentizitaet meldet sich hinter den kulissen in ihrer ganzen interaktiven expressivitaet zurueck. ich nehme ein taxi, um moeglichst schnell zu schlafen.

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