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Tom de Toys

"POEM" - PATHOS & PLAGIATUR
VON DER RELIGION ZUR REGIE UND ZURÜCK


Am 8.Februar 2003 feierten in der Berliner Volksbühne Meret Becker, Smudo und Hermann van Veen in großer geschlossener Gesellschaft ein "Freundeprojekt" des Stuttgarter Fotografen und Werbefilmers Ralf Schmerberg: die Welturaufführung einer theatralischen Collage aus 19 suggestiven Gedichten mit über 55 metaphorischen Anspielungen auf ein anachronistisches Weltbild rund um das psychistische Phantom Gott, bemüht vorgetragen von betroffen wirkenden Schauspielern, die vermutlich noch nie einen originalen Poetryclip der internationalen Spokenword-Szene gesehen haben (geschweige denn die Fernsehserie "The United States of Poetry" von Bob Holman), um den Vorwurf einer ungewollt peinlichen Imitation nachvollziehen zu können.

19 aneinander gestückelte Szenen mit 21 expliziten "Himmel"-Textstellen und massig weiteren frömmelnden Bildern (wie z.B. "reiner Strahl", "Sinn dahinter", "ewig Rätselvolles" und "schwarze Sonne") ringen vielmehr um Schmerbergs "ganz privaten Traum" (ZDF aspekte, 28.9.01) anstatt um "die letzte Ortschaft der Worte" (Rilke): die Dichtung. Und die bombastische Sounduntermalung vertuscht insgesamt 40 Textfehler (z.B. "Hügel weit" statt "Flügel weilt") derart, daß die PROSTITUTION DER POESIE im Applaus der hypnotisierten "kooperativen" 53.Berlinale-Ehrengäste unterging.

Das Leinwandspektakel beginnt mit dem spätpubertären "Alles!" der Ex-Socialbeat-Jungautorin Antonia Keinz, die "in die Wolken" will - und endet im Nachspann bei Schillers Suche "über Sternen" nach dem Schöpfer von diesem "Allesallesalles". Noch nicht einmal Jandls Glaubenssabotage kann da (trotz wilden Szenen-Applauses für den modisch-komödiantischen Vortragsstil) verhindern, daß in der dazwischen erzählten Geschichte über Vergänglichkeit und Weltflucht genau genommen nichts passiert außer kostspieligen Schauplatz- und Kostümwechseln. Schmerbergs allzu menschliche Geschichte vom Werden und Sterben bleibt dem ungebrochenen Idealismus klassisch wehmütiger Hoffnung auf einen "lieben Vater" und "stets Bewegten" verpflichtet und legt dafür Darstellern wie Klaus-Maria Brandauer melancholische Worte in den Mund, die zu einer kitschigen Akkumulation metaphysischer Synonyme führen: Von Freiheit, Liebe, Seele und Licht über Zauber, Wunder, Schönheit und Gold bis hin zu Meer und Ewigkeit wird hier mithilfe von Hesse, Heine, Goethe und Celan in Spielfilmlänge einer orthodoxen Naivität gefrönt, bei der sich ein nicht vertretener Dichter wie Nietzsche im Grabe wälzen müßte!

Selbst Mascha Kaléko ist nicht wirklich "grundlos vergnügt", obwohl der Titel den lebensphilosophischen Laien täuschen mag, und ein Vergleich zwischen der verstümmelten Ode "An die Freude" (im arg verkürzten Geschlechterkampf-Finale) und der dafür ausgemusterten "ÜBERSTRÖMUNG" von Winfried Wandler zeigt deutlich, "wo der Unbekannte thronet" (Schiller), wenn es eine Schmerberg-Sekte gäbe, nämlich "überm Sternenzelt" - anstatt durch "übermenschlichen Schweiß quantenmechanisch-neuromagnetischer Liebe" zu verrosten. Dieses eigentlich ambitionierte Poetryfilm-Projekt hätte zum repräsentativen Vorzeigestück der subversiven Underground-Szene avancieren können, wenn die Mischung aus Konventionen und Visionen gestimmt hätte. So aber ist es "nicht unbedingt geeignet, die Massen ins Kino zu locken" (SZ, 20.8.01). Oder nur diese...


 

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