X
 

Markus Costamagna

FORMEN DES AKTIONISMUS

Am 21.05.2002 besucht George W. Bush Deutschland und ich habe den Eindruck, es wird etwas Bestimmtes heraufbeschworen. Berlin rückt in den Mittelpunkt des Weltinteresses. Man wartet schon auf die "gewalttätigen Auseinandersetzungen". Die Medien beschwören es richtig. Die Kameras und Teleobjektive liegen allzeit bereit. Blinkende Objektive suchen die Straßen der Hauptstadt ab. Wann und wo kracht es? Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Die Inszenierung der Weltpolitik darf beginnen. Der Anti-Amerkanismus hat wieder Hochkonjunktur, er ist geradezu en vogue. Das hat hier im Lande eine lange Tradition und ödet irgendwie an. Falls etwas passiert, es trifft auf jeden Fall die Falschen: unterbezahlte Polizisten, Security von einem Zeitarbeitsunternehmen und Passanten. Die letzten Reste des Bürgertums sitzen auf dem Sofa und fühlen sich in ihrer diffusen Annahme bestätigt: Jegliche Veränderung führt zu Anarchie und Zerstörung.
Ich weiß nicht, ob physische Gewalt jemals irgend etwas positiv bewirken konnte. Es ist ein Mittel, dass in unserer Zeit nicht mehr greift. Viel besser wirkt der Boykott. Es war der Boykott der Fußballfans, der bei Leo Kirch die Einsicht brachte, dass er die Spiele in seinem Schmuddelsender SAT 1 früher zeigen musste. Besser wäre es, den ganzen Trouble um double U zu ignorieren. Denn jegliche Form des Aktionismus gegen seinen Besuch würde bedeuten, dass man diesen Politiker und für was er steht, noch ernst nimmt.
Tatsächlich ist der Präsident der USA nur noch ein Symbol von einer demokratischen Fassade. Er verkörpert das Muster eines Amerikaners. Wer hätte gedacht, dass es der Supermacht so schlecht geht? Dahinter verbirgt sich ein gewisser Mechanismus: Wenn man die Menschen zu Zahlen, Statistiken oder Symbolen verdinglicht, vergisst man darüber den eigentlichen Kern des Ganzen: den Menschen ansich. Was ich damit meine, ist eine einfache Forderung, dass der Mensch wieder im Mittelpunkt stehen muss. Nicht seine Funktion, nicht sein Geschlecht, nicht seine Herkunft. Entscheidend für die Zukunft der gesamten Menschheit wird es sein, die gegebenen Gemeinsamkeiten herauszustellen. Dazu fällt mir das Lied Imagine von John Lennon ein. Dabei wird eine Welt ohne Grenzen und in Frieden beschworen. Stell dir vor! Er wurde in New York erschossen. Ich weiß nicht, ob diese Tat jemals im Hinblick auf seine politischen Aktivitäten untersucht worden ist. Fakt ist, dass er den Trotzkisten riesige Geldsummen gespendet hatte.
Doch ausgerechnet sein Lied muss nun für eine Werbestrategie des Konzerns RWE herhalten. Es scheint, fast so als würde sich niemand mehr die Texte anhören. Als sei alles mit der Warenästhetik vereinbar. Doch gerade dabei kann so etwas wirken wie ein Trojanisches Pferd. Wenn sich RWE mit diesen Federn schmückt, dann müssen wir darauf zeigen und sagen: Was ihr wollt, dass die Menschen sorglos in den Tag leben? Ihr wollt die Auflösung der Staaten und der Grenzen? Seid ihr gar Trotzkisten? Das alles muss man den Konzernstrategen vors Gesicht reiben. Das verbinde ich jetzt mit eurem Konzern. Jetzt handelt auch danach! Auf jeden Fall kann man einen Konzern somit richtig schaden.
RWE ist übrigens der Mutterkonzern von Trienekens. Doch wer weiß das schon? Letzterer hat uns allen gezeigt, dass Demokratie und Wirtschaft eine unheilige Allianz eingegangen sind. Und zwar nicht zum Wohle der Allgemeinheit, was nahe liegt, wenn man Demokratie meint, sondern zum Wohle einiger. Die Wirtschaft ist doch nichts anderes als ein Deckmantel für besonders gierige Vertreter unserer Spezie. Für diejenigen, die Spaß daran haben Macht und asoziales Verhalten auszuüben.
Wenn es so etwas wie Werbung gibt, dann muss es so etwas wie Anti-Werbung und Anti-P.R. geben. Ich meine damit, dass man politisch wird, wenn man die Wirtschaft intelligent angreift. Die Werbung ist dabei der entscheidende Motor der Wirtschaft. Sie sorgt dafür, dass völlig unsinnige Produkte zu völlig überzogenen Preisen konsumiert werden. Die Werbung geht davon aus, dass sich alles verkaufen lässt, dass alle beeinflussbar sind. Letztens habe ich ein Plakat gelesen, darauf stand: "Die Rezession ist da. Schlagt euch noch einmal den Bauch voll!" Das geht auch schon in die Richtung, die ich vertrete. Die Frage, die ich mir stelle, ist, wie könnte ein erfolgreiches Forum für Anti Werbung + Anti P.R. aussehen?
Es muss eine Kultur der Information sein, die der Desinformation der Werbung entgegentritt. Das kann losgehen mit Leserbriefen die bundesweit an führende Zeitungen geschickt werden, bis zu dem Versuch den Aktienverlauf eines Unternehmens durch gezielte Maßnahmen zu beeinflussen. Beispiel: Wir nehmen uns das Unternehmen X vor. Dann agieren wir konspirativ, eigentlich das Gegenteil von einer Demonstration. Am Ende gehen wir an die Öffentlichkeit und zeigen, dass wir mit diesen und jenen Maßnahmen, dem Unternehmen diesen wirtschaftlichen Schaden zufügen konnten. Diese Maßnahmen sind für die Wirtschaft eigentlich etwas Normales. Aber sonst verbergen sich hinter den Attacken die Konkurrenz. Wie aber regiert ein Aktienunternehmen auf Angriffe von etwas, dessen Motivationen sie nicht verstehen kann und den sie nicht kennt? Das verspricht ein spannendes Experiment zu werden.
Die Werbung versucht ein Image zu transportieren. Und das über irrationaler Mechanismen wie Lebensgefühl also Lifestyle, eigenwilliger Beratung und als eine Art Wundermittel. Sehr wahrscheinlich kann man es noch weiter differenzieren. Alles klappt besser, wenn man das Produkt X nimmt. Trotzdem frage ich mich, wie frustriert man sein muss, wenn man auf so etwas reinfällt? Ich halte die Werbung für sehr gefährlich, weil man sich an das Lügen gewöhnt. Alle Parteien bedienen sich im Vorfeld der Bundestagswahlen der Hilfe von P.R. Agenturen. Die Agenturen steuern den Wahlkampf, legen die Inhalte fest und sondieren den potentiellen Wähler. Auch hier zeigt sich, wie alles durch die Marktgesetze bestimmt wird. Heute ist Politik zu einer beliebigen und somit austauschbaren Ware geworden. Ob Westerwelle, Stoiber, Fischer oder Roth, alle reden über einen Subtext, dem jeglicher Esprit und Spontanität fehlt. Die Grünen, gerade sie, standen für eine in der Politik ungewöhnlichen Frechheit und Direktheit. Die Jahre haben sie aber müde und korrumpierbar gemacht. Und genauso kommen sie auch herüber.
Wegen diesen Strukturen wird sich nach der Bundestagswahl nichts Entscheidendes ändern. Die Regierung Schröder hat nur bewirkt, dass sich deutsche Truppen überall auf der Welt tummeln. Doch das ist kein Spaß, aber welche Gefahren solche Auslandseinsätze mit sich bringen können, wird verschwiegen. Wir müssen uns fragen, welche Kräfte in Deutschland davon profitieren? Bestimmt nicht der Soldat, der dort sein Leben riskiert. Wo die Grünen von einer Friedens- zu einer Kriegspartei geworden sind, sehe ich eine große Chance sie hierauf festzunageln.
Was mich dabei besonders amüsiert ist, dass das aggressive Verhalten der Wirtschaft so borniert ist, dass sie sich mittlerweile selbst schadet. Der Fressflash der großen Konzerne hat im Zuge der Globalisierung dazu geführt, dass sämtlich Dämme gebrochen sind. Wie in einem biologischen Lehrbuch der Sekundarstufe 2 über das Jäger und Beuteverhältnis frisst der Kleine den Großen, der besser Angepasste den schlechter Angepassten, entzieht der eine dem anderen seine wirtschaftliche Grundlage. Für den Telekommunikationssektor bedeutet das: D2 heißt jetzt Vodafon, Viag Intercom heißt jetzt 02, RWE stößt Demag ab und wirbt mit einer Hand vor blauem Hintergrund als Logo. Das Logo erinnert an alte Höhlenmalerein, willkommen in der Steinzeit.
Offenbar fehlt es diesen Menschen an Phantasie. Offenbar setzen sich noch immer wieder und immer heftiger aggressive Verhaltensnormen durch. Es gibt auch keine Instanz, die das reguliert. Der Erfolgreiche darf solange sein Unwesen treiben, so lange seine kriminelle Energie nicht aufgedeckt wird. Und wie vieles ist schon vertuscht worden und wie viele alte Nasen tauchen woanders wieder auf ?
Der Skandal der Bayer AG mit dem Präparat Lipobay hat bisher nur dazu geführt, dass der Konzern keine Grundsteuer an Leverkusen und Krefeld mehr entrichtet. Analog dazu wäre es, wenn ein Privatmann keine Lohnsteuer mehr zahlen würde, weil er einen Autounfall gehabt hätte. Ähnlich verhält es sich bei der Kirch Media AG. Es zeigt sich immer wieder, wie sich große Konzerne in Krisen bei der Allgemeinheit bedienen. Doch die Allgemeinheit durch die Informationsquelle Werbung nur ein unzureichendes Bild hat. Nach einer Philosophischen Phase der Dekonstruktion brauchen wir so etwas wie einen Konstruktivismus. Einen Ansatz also, der nicht alles in unendlich kleine Teile zerlegt und es damit belässt, sondern die Elemente zu etwas Neuem zusammenfügt. Oder wollen wir uns weiter im Kreis bewegen?

oben