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Enno Stahl

ANTWORT AUF THOMAS HOEPS

Da Thomas Hoeps die "Rheinische Brigade" im voranstehenden Beitrag direkt attackiert hat, werde ich meinerseits einige Kommentarre zu seinem Text abgeben. Ich beschränke mich dabei auf jene Passagen, die unmittelbar zur "Rheinische Brigade" Stellung nehmen. Seine Auslassungen zum "Berlin-Hype" thematisiere ich hier nicht ausdrücklich, sondern belasse es bei dem Hinweis, dass er inhaltlich in vielem recht haben mag, dass jedoch der Furor angesichts der ästhetischen Defizienz des Gehypeten wohl unnötig ist, da das Meiste sich von selbst erledigen wird - aber wenn nicht, dann nur deswegen, weil der ein oder andere Pop- oder Berlinautor eben doch etwas zu sagen hat, ein Entwicklungspotential besessen haben wird, und dann ist es auch in Ordnung...
Auch unsere "Grundsätze" hätte Thomas Hoeps vielleicht nicht ganz so ernst nehmen sollen, denn natürlich bedienen sie sich den Mitteln der Ironie. Schon deswegen trifft uns der Anachronismus-Vorwurf nicht, wir ahmen nicht etwas nach, beziehen uns nicht unreflektiert auf Vergangenes, sondern zitieren bestimmte historische Positionen mit aller Distanz, die heute dazu vonnöten erscheint. Sein Verdacht, es ginge uns um eine Wiederbelebung der 20er-Jahre Avantgarde und noch dazu der Vorstellung von Autoren als politisch handelnden Subjekten, wie sie aus dem 68er-Umfeld herrühren mag, findet kaum realistische Anknüpfungspunkte in unseren bisherigen Veröffentlichungen. An keiner Stelle sind bislang irgendwelche Referenzen auf die Postulate der historischen Avantgarde zu finden, z.B. solche
Ideen wie die, Literatur und Leben zu versöhnen, Literatur in den Lebensumkreis einzuführen, Literatur als Aktivismus o.ä.
Wenn wir Begriffe wie "bürgerlich-individualistisches Karrieresubjekt" oder "Charaktermaske" gebrauchen, die in der Tat aus dem 68er-Kontext bekannt sein mögen, dann sollte klar sein, dass sie nicht 1:1 verwendet werden, sondern angesichts einer historisch komplett anderen, nämlich weitgehend entpolitisierten Welt zwangsläufig als ironisches Zitat zu gelten haben. Ebenso wie heute Manifeste lediglich als Parodie auf Manifeste zu verstehen sein können, ist der 68er-Jargon natürlich ein Dialekt, der die Distanzierung in sich trägt.
Ironie bedeutet aber, dass das Ironisierte auch eine gewisse Ernsthaftigkeit besitzt, "ein Stück weit" von Belang ist. Durch die Ironisierung wird sein Geltungsbereich eingegrenzt und über die Dogmatik erhoben. Der Begriff "Charaktermaske" z.B. stammt unmittelbar von Karl Marx, dieser macht in seiner Definition ganz klar, dass es hier nicht um subjektive Schuldzuweisung geht, mit dem Wort "Charaktermaske" sind Personen nur gemeint, "soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind [...]. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt [...] den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag." [MEGA, Bd. 29, S. 16]. Ganz gleich in welcher verfremdenden Bedeutung "Charaktermaske" also in der Studentenbewegung oder im RAF-Umfeld aufgefasst wurde, das Wort ist eben gerade kein Kampfbegriff, sondern die schlichte Beschreibung der Notwendigkeit, mit der bestimmte Personen in ihre gesellschaftliche Rolle gedrängt sind, ohne dass man sie individuell dafür verantwortlich machen könnte. Speziell diesen Sachverhalt, der heute um so aktueller ist, als dass nur wenige Menschen ihre soziale Position noch kritisch hinterfragen, gibt "Charaktermaske" sehr treffend und reduziert wieder. Wenn es also einerseits ein ironischer Rückgriff auf die Vokalbelkiste der 68er sein mag, drückt sich darin andererseits präzise aus, was hier vermittelt werden soll.
Hoeps' Vorwurf der "Rheinlandtümelei" müssen wir ebenfalls widersprechen - zunächst einmal gibt es bei uns eben gerade keine inhaltliche Absonderung oder Kontra-Position gegen den Berlin-Kult wie bei ihm, in unseren "Grundsätzen" heisst wörtlich, die Rheinische Brigade entspringe dem "Bekenntnis zur Region, nicht gegen den Zentralismus, sondern als föderalistische Ergänzung". Selbst wenn wir gegen Berlin Front machen wollten (was ziemlicher Unsinn wäre, weil viele unserer Mitglieder mit Berliner Autoren befreundet sind, zusammenarbeiten, weil einige Berliner Autoren Abonnenten unserer Rundbriefe sind und in Zukunft sicher selbst den ein oder anderen Gastkommentar zu den "Akten der RB" beisteuern werden), selbst wenn wir diese Konfrontation also wollten, wären wir schön dumm, den Gegner dadurch noch stark zu machen, indem wir uns mit ihm explizit auseinandersetzen, statt ihn zu ignorieren und mehr die Definition und Profilierung unserer eigenen Position zu forcieren. Eine bloße Anti-Haltung ohne konstruktive Untermauerung, das weiss man spätestens seit DADA, ist auf längere Sicht nicht tragfähig.
Ein bedingtes Einverständnis haben wir Thomas Hoeps' Kritik gegen unsere Erwähnung der "rheinischen Mentalität" - tatsächlich ist das keine historisch, literarisch oder kulturell relevante Kategorie. Es gibt wohl eine rheinische Mentalität, die sich von anderen Regional-Dispositionen unterscheidet, aber so stark darauf berufen wollten wir uns eigentlich nicht, eher in einem augenzwinkernden Sinne.
Seine Argumente, dass natürlich auch im Rheinland Synagogen verbrannt sind etc., sind bedenkenswert. Wir werden eine Diskussion darüber anregen, ob wir den Mentalitäts-Begriff in Zukunft aus der Programmatik heraus halten und uns lediglich auf den geografischen Zusammenhang beziehen.
Das Hoeps allen Ernstes erwartet, wir würden den peinlichen Rheinland-Berlin-Konflikt der 20er-Jahre wieder aufwärmen wollen (der weitgehend von politisch sehr bedenklichen, heimatstümelnden Autoren und späteren Nazis wie Joseph Ponten betrieben wurde), mag auf seine wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema zurückgehen.
Wir sagen dazu klar, dass wir keinerlei Anlass für eine solche Auseinandersetzung sehen, dass wir uns historisch natürlich viel eher mit den sog. "Asphalt-Literaten" der Berliner Seite wie Döblin identifizieren können als mit einer restaurierend-völkischen Bewegung. Alle konkreten Äusserungen dieser ersten Nummer (und auch der Nullnummer der "Akten der Rheinischen Brigade") dürften das wohl eindeutig belegen.
Zusammenfassend sei an dieser Stelle noch einmal gesagt: die Rheinische Brigade möchte eine kritische Aktivität anstrengen, dass eine Anzahl von Autorinnen und Autoren die gesellschaftlichen Entwicklungen essayistisch oder belletristisch begleitet - eine solche gemeinsame Betätigung führt zwangsläufig zu erweiterten Bewusstwerdungsprozessen, wie ein Einzelner sie viel schwerer für sich selbst einlösen und dann vor allem kommunizieren kann. Aus diesem Grund wurden zur Gründungsversammlung auch Pressevertreter zugelassen, wie es Thomas Hoeps uns etwas verargt - aber es dürfte doch wohl klar sein, dass wir eine solche Autorenvereinigung natürlich auch deshalb anstreben, weil wir die Ergebnisse der Zusammenarbeit nach außen publizieren wollen. Dabei geht es nicht darum, Einzelne zu profilieren, sondern vielmehr bestimmte inhaltliche Positionen, die nach unserer Meinung im gesellschaftlichen Diskurs inzwischen viel zu kurz kommen. Wir sehen uns dabei mit den Medien nicht im Widerstreit, sondern im Verhältnis kritischer Kollegialität, zumal einer Reihe unserer Mitglieder selbst journalistisch tätig sind.
Es geht uns darum, ein Forum von und für Autorinnen und Autoren zu etablieren, das für kritische Stimmen, auch internationaler Gäste, offen ist. Daher sehen wir es als selbstverständlich an, dass wenn einer sich auf hohem Niveau, wenn auch teilweise das Thema verfehlend, mit unseren Grundlagen auseinandersetzt wie Hoeps, zu den (unseren) "Akten" gehört.

 

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