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Enno Stahl (Köln):

DER AUTOR HEUTE

Was ist die Aufgabe des Autors heute? Seine gesellschaftliche Funktion (als politisch-kultureller oder zivilisationskritischer Stichwortgeber, als Entwerfer von Utopien oder neuen Terminologien) hat sich weitgehend entmaterialisiert.
Was ist er dann überhaupt? Lediglich Abbild eines marktwirtschaftlich orientierten, individualistischen Karrierestrebens? Schön und gut, jede/r ist ihres/seines Glückes Schmied, jede/r muss selber sehen, wie ein Überleben möglich ist. Aber ist das hinreichend für eine literarische Betätigung? Warum dann nicht Bankkaufmann werden oder IT-Fachmann mit guten Aufstiegschancen in diesem rüpeligen Ellenbogen-Kapitalismus, der sich in Europa breit gemacht hat? Wenn es um gesellschaftliche Anerkennung geht, ist es heute ganz gleichgültig, was eine/r macht - der Erfolg allein zählt.
Um eine konstruktive Bestimmung der Autorenrolle vorzunehmen, muss man ihr das extrahieren, was in anderen kulturellen Medien und Zeichensystemen eben nicht enthalten ist. Die Sprachlichkeit der literarischen Aktivität befähigt sie vor allen anderen Ausdrucksweisen zur Übermittlung von unmittelbaren Lebensbotschaften, von Ideologemen und Werten (Identitätshilfe, Internationalismus, Völkerfreundschaft). Da dieser Diskurs durch den Zusammenbruch des Staatskommunismus und die dekonstruktivistische Bedeutungsverweigerung stagniert, unkenntlich und denunziert ist, hat sich Literatur auf eine Ebene ungezielter Ironie, bloßer Selbstbespiegelung oder eines delectare sine prodesse zurückgezogen. Die Welt taumelt derweil in einem gesichtslosen Rausch aus Bildern, faustischer Genussbegierde und lebendiger Gestaltlosigkeit. Der Literatur dürfte daher eben nicht (nur) erlaubt sein, was gefällt.
Ist das ein Plädoyer für Anti-Mainstream? Für Anti-Kanonik?
Es ist jedenfalls keine Apologie der Lebensferne von Literatur, der Unverständlichkeit oder kalter Formenspiele. Diese Grenze ist in den letzten Jahrzehnten erreicht und überschritten worden. Auch dass Computer dichten können, wissen wir längst.
Eher soll das abheben auf inhaltliche und formale Freiheit, auf Innovation. Gegen das Marktdiktat, nicht gegen marktgängige Literatur (das wäre eine neue Art des Dogmatismus!) - aber für alle Formen, auch weniger konventionelle.
In diesem Zusammenhang wird die rheinische Mentalität interessant, nicht im Sinne eines karnevalistischen Prinzips, nicht im Sinne anti-preußischer Verlautbarungen. Sondern eingedenk rheinischer Eigenart und freiheitlicher Traditionen: Schurz, Kinkel, Marx, Engels, Heine, Böll und Beuys. Es geht nicht um Anti-Zentralismus, erst recht nicht um ein Loblied der Provinz. Es geht allein um die Unterstreichung des literarischen Föderalismus, um die Herausbildung einer ergänzenden und originären Position, die sich aus der hiesigen Toleranz und Weltoffenheit ableitet, die nicht nur nach Berlin schaut, sondern auch nach Amsterdam, Brüssel und Paris.
Sie richtet sich damit auch gegen erste, untergründige Vormachtsbestrebungen, die manchen deutschen Politikern (auch ausgewiesenen Demokraten) nahezu unwillkürlich durchrutschen, als Ergebnis einer psychischen Disposition, die noch immer nicht frank und frei und vorbehaltlos auf die deutsche Identität reflektieren kann ( mit allen Implikationen und Konsequenzen. Weder der Schuldknüppel noch Verdrängung ist angebracht.
Komplett unangebracht aber ist eine deutsche Führungsrolle in Europa, statt dessen Verständigung der Regionen untereinander. Das Rheinland ist dazu bereit.

(6.6.2001)

 

 

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