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Thomas Hoeps

BERLIN! BERLIN! ICH KANN ES NICHT MEHR HÖR'N!
Über die (Metropolen?-)Literatur in den Zeiten der Hauptstadtkultur und eine rheinische Mentalitätsopposition

Schon einmal gab es Streit um die deutsche Hauptstadtliteratur. Damals - Ende der 1920er - stand in der Sektion für Dichtkunst der preußischen Akademie den Berliner Autoren um Alfred Döblin und Heinrich Mann eine an ihrer Spitze überwiegend rheinische Dichter-Fraktion entgegen.
Ihre Vertreter - u. a. Josef Ponten, Wilhelm Schäfer oder (als Nicht-Rheinländer) E. G. Kolbenheyer, deren Bücher heute glücklicherweise weitgehend auf Lethes Grund vermodert sind - tobten vor Abscheu gegen die großstädtischen Asphaltliteraten, die Anhänger von Liberalismus, Ausländertum, Internationalismus, kurzum die Brunnenvergifter des deutschen Geisteslebens. Alfred Döblin konterte damals ihre Angriffe süffisant, aber ohne ihre Gefahr zu unterschätzen, mit dem Hinweis auf die Dichter vom total platten Land.
Die Fronten in dieser Auseinandersetzung hatte bereits 1924 Josef Ponten in einem offenen Brief an Thomas Mann geklärt. Zum Fanal sollte dieser Brief werden im Kampf gegen die Dekadenz der Moderne und für das geschlossene Weltbild der Konservativen.
Ein Schreiben in Dichotomien. Hier die Guten, die begnadeten und volksverbundenen Dichter, die vom Naturgeist beseelten Propheten der Landschaft, die Schöpfer des Einfürallemaligen, bei dessen Empfang einem der Verstand still[steht]. Dort die Leibhaftigen, die handwerklich talentierten Blender, Schriftsteller, die die Erscheinung von der Substanz nicht zu scheiden wissen, Überfremdung schaffende Zivilisationsliteraten, Intellektuelle, die hinterfragen, wo zu glauben ist.
Der literarische Progreß hat diese vermeintlich unerörterbar gültigen Formeln längst in müde klappernde ironische Topoi verwandelt, mit denen man pauschal, aber gerecht die Literatur der Antimodernen abhandelt. Dichterpropheten finden, wenn überhaupt, nur noch Gnade, schreiben sie stilistisch so brillant wie Botho Strauß. Und hinter die Ästhetik Döblins, deren Mittel längst zum festen Repertoire selbst moderat-modernen Erzählens gehören, durfte man bis vor einiger Zeit nicht mehr zurück, ohne sich berechtigt grinsender Kritik auszusetzen.
Es war auch dieses ästhetische Urteil der Geschichte, das - neben der Umwandlung Berlins von der Kapitale zur Insel - über Jahrzehnte hinweg jede Gegeneinanderführung von "Provinzliteratur" und "Großstadtliteratur" zum Anachronismus erklärte.

In den Zeiten der Hauptstadtkultur aber wird diese Dichotomie wieder reaktiviert, und gleichzeitig versucht man mit aller Macht, "Berlinliteratur" und "Metropolenliteratur" bis zum Synonym kurzzuschließen. Wie üblich bei Kurzschlüssen stinkt es gewaltig - und dies um so mehr, als die Träume von der neuen deutschen Metropolenliteratur vom Mief der Provinz schwer kontaminiert sind.
Das alles bestätigte sich zuletzt beim Pariser Salon du Livre 2001, auf dem sich Deutschland (natürlich!) mit dem Schwerpunktthema Berlin präsentierte - ein Umstand, der nicht nur den Verfasser in Abwandlung des guten alten Fußballpokal-Spruchs aufstöhnen ließ: Oh Gott. Berlin! Berlin! Ich kann es nicht mehr hör'n!
Der verschärfte Berlin-Kult im Literaturbetrieb, er zeigte sich hier als Produkt einer aufwendigen Marketingkampagne, von der man auch außerliterarisch zu profitieren hofft. Ziel des deutschen Auftritts sei es nämlich, so einer der an der Organisation führend Beteiligten, Berlin als Stadt im Aufbruch zu präsentieren: Unsere Botschaft: Berlin ist jetzt der Ort der Jungen.
Der Traum der Berliner-Bären-Stadtwerbung, endlich wieder in einer Reihe genannt zu werden mit London, Paris, New York, gebiert offenkundig einen anderen Blick auf jene 5000 Berlinbewohner, die sich heute nach Angaben der ZEIT als "Schriftsteller" bezeichnen. Einst argwöhnisch beäugt als potentielle oder real existierende Sozialhilfeempfänger, erscheinen sie nun plötzlich als die geistigen Mitropaköche für einen kulturell vibrierenden Metropolenzug.
Verlage, Presse und Literaturpreisjuroren beteiligen sich gern an jenem Konsortium, das den neuen hippen Berlin-Literaturexpreß baut. Heraus kommt indes ein kurioser Zwitter aus Transrapid und Dampflok.
Am Kessel steht - etwas zurückgeblieben - der grauschläfige Metropolenchor des Literaturbetriebs. Wie in seinen besten germanistischen Proseminarszeiten von der Welthaltigkeit dieser Stadt Berlin und vom Aufeinandertreffen der extremen sozialen und politischen Gegensätze schwärmend, schaufelt er einen inzwischen deutlich abgereicherten Imaginationskraftstoff aus taubgewordenen 20er-Jahre-Großstadt-Topoi in die Feuerbüchse.
Wie man weiß, sind solcherlei Maschinen gemeinhin dazu konstruiert, heißen Dampf zu produzieren. So auch hier; denn wo sind sie, die Nachfolgeromane von Döblins Berlin Alexanderplatz, die Bücher, die seit der Wiedervereinigung alleine in Berlin hätten erfahren und erschrieben werden können. Sicherlich ist Ulrich Peltzers "Stefan Martinez" so ein Roman, vielleicht auch Inka Pareis "Schattenboxer" - man füge noch ein, zwei Handvoll Titel hinzu - aber das war's dann auch schon. Nächster Halt: Köpenick.
Die Außenhülle des Berliner Lit.-Parade-Zuges hingegen ist mächtig zeitgemäß. Da sind ja auch die Designer am Werk: Mit Stadtwerbern und Verlags-Produkt-Managern als Speerspitze der Avantgarde wird ein cw-Wert nach dem anderen unterboten und dann haben wir es, das ästhetische Ideal der Berlin-Literatur des neuen Jahrtausends: die perfekte Stromlinienform eines Schaum-Ovolums.
Oder um es Brigitte-mäßig mal richtig positiv mit den Worten zweier Journalisten zu sagen, die - ebenfalls anläßlich des Salon du Livre - im Courrier International über die "Enkel von Günter Grass" folgendes schrieben:
Inzwischen hat sich die Lage radikal geändert. Von würdigen älteren Herren keine Spur mehr - auf einmal sind die Verlagsprogramme voll von Romanen junger, jüngerer, ganz junger Frauen, die mit neuer Frische und überraschendem Ton souverän über das Leben schreiben. Ihre Welt: die Stadt, die Männer, die Liebe, der Sex. (...) Innerlichkeit und Schwere sind überwunden, statt dessen werden wieder Geschichten erzählt, aktuelle Themen werden inszeniert, das metropolitane Lebensgefühl (viele junge Autorinnen und Autoren haben das Berliner Szene-Viertel "Prenzlauer Berg" als Heimat gewählt) wird beschworen.
Jung, jünger, ganz jung. Vom Leistungsturnen lernen, heißt siegen lernen. So unverbraucht, so formbar, so sexy (gut, daß das Schreiben anders als das Turnen keine bulimische Körperaskese verlangt) - die Herren werden beim Wort Fräuleinwunder zu sabbernden Pawlowschen Hunden, die Damen fühlen sich angesichts strubbeliger, wahlweise crazy-verschüchterter oder Harald-Schmidt-erprobter Jugenddichter an die guten alten Zeiten erinnert, da man den Idolen noch sein Höschen auf die Bühne warf. Das ist die individual-erotische Komponente des Hypes.
Was aber die Designer für die aalglatte Kunststoffhülle ihres Metropolitans vor allem brauchen, das ist die selbstreferentielle Authentizität dieser "Jungen". Alles möge aus einem einfachen unreflektierten Lebensgefühl erwachsen, oder - wie hieß es so schön im Zitat oben - es geht um: ihre Welt. Sie lebe hoch, ihre Welt! Themen kann man da nicht finden, man muß sie inszenieren. Jedem Dichter seine eigene Truman-Show!
Als würde der permanente Blick auf den Autorennabel erträglicher, nur weil er jetzt gepierced ist, hangeln sich diese Erzählungen - wahlweise - entlang an lauter kleinen Liebeständeleien, an stinköden bleiern-provinziellen Kindheiten, mächtig düsteren Koksparties der Gegenwart oder an einer gelangweilten, aber ihre Saturiertheit genießenden großen Orientierungslosigkeit, deren Weltläufigkeit suggerierenden Embleme ein Gucci-Handtäschchen und eine Flasche Niepoorts Vintage aus dem Geburtsjahrgang des Autors sind.
Fragen nach der Erzählperspektive können sich da nicht stellen, denn die Autoren kennen ja nur ihre eigene. Und wo offenbar bei aller morgendlichen Unzufriedenheit doch das Einverständnis mit dem großen Ganzen herrscht, können Zweifel an der Erzählbarkeit der Welt, die sich womöglich in einer wahrnehmungserweiternden Ästhetik niederschlagen, nicht entstehen. Schon diesen Anspruch zu formulieren, läßt einen heute als Gestrigen erscheinen - tatsächlich aber sind es diese Helden der Großstadt, die richtig alt aussehen, schreiben sie hinter der Fassade aktueller Codes doch so bieder wie einst die rheinischen Dichter der 20er Jahre.

Freilich, es sind noch gar nicht so viele, die das zwischen die Klappentexte bringen, was sich die literarischen Trendscouts und ihre journalistischen Sprachrohre unter der metropolitanen Literatur unserer Zeit vorstellen. (Und oft sind es zum Unglück der Propagandisten der Stadt im Aufbruch auch gar keine Berliner.) Aber weil fast jeder größere Verlag so etwas irre Heutiges im Programm haben möchte, nimmt die Zahl der textenden Erfüllungsgehilfen zu - und mit ihnen die der inhaltlich wie ästhetisch provinziellen Prosa.
Wirklich metropolitane Literatur (die zum Unglück der Propagandisten der Stadt im Aufbruch eher selten in Berlin spielt) aber entsteht (fast) überall in Deutschland: natürlich auch in Berlin, bei Peltzer, Jirgl, Herbst etwa; in Düsseldorf bei Barbara Bongartz; in Neuss bei Kling, in Frankfurt bei Hettche, in München bei Lentz. Und dann gibt es so viele gute Bücher, die mit der Frage der Metropolenliteratur so gar nichts am Hut haben. Und die entstehen sowieso überall - es wäre auch zu albern, in einer hochgetakteten, mobilen Informationsgesellschaft noch an regional begründete und auch literarisch relevante Wahrnehmungsdifferenzen zu glauben.
Die diesbezüglich entscheidenden Demarkationslinien verlaufen anderswo: zwischen Nord und Süd, West und Ost: immer entlang der Schutzwälle des Schengener Abkommens. Spätestens wenn man an diesen Grenzen steht, merkt man, wie unsinnig der Berliner Metropolenliteraturkult ist.
Am besten ist es da wohl, sich nicht zu sehr zu ärgern, weiterzuschreiben und ab und zu einen Blick darauf zu werfen, wie den Strategen des Berlinkults ihre krude Vorstellung einer Metropolenliteratur allmählich zwischen den Fingern zerrinnt - kein Alleinstellungsmerkmal, nirgends. Ein weiteres virtuelles Start-Up-Unternehmen, das auf die Pleite zusteuert - nicht mehr.

Also herrscht Ruhe in der deutschen nicht-berliner Literaturszene. In der ganzen deutschen nicht-berliner Literaturszene? Nein! In einem von unbeugsamen Autoren bevölkerten Landstrich beginnt sich eine Gegenbewegung zu formieren.
Wie schon in den 20er Jahren opponieren die Rheinländer - nur mit geänderten Vorzeichen: denn diesmal reklamieren sie das gesellschaftskritische Engagement für sich: In Sorge über die angebliche neue Hauptstadtkultur und schon aus tagespolitischen Gründen (Zentralismus, wieder erwachter dt. Führungsanspruch) erfolgte jüngst in Köln der Gründungsaufruf zu einer Rheinischen Brigade / Literarische Erneuerung (Arbeitstitel!).
Gleich dem Metropolenchor plündern die rheinischen Aktivisten - träumend von Barrikaden und dem Wort, das Tat wird - den Bildbestand der 20er Jahre, erweitert um das 68er Ideal vom Autor als gesellschaftlich handelndem Subjekt.
Auch wenn dort zu lesende Begriffe wie bürgerlich-individualistisches Karrieresubjekt oder Charaktermaske eher melancholische Erinnerungen an jene Zeiten wecken, da eine saubere Klassengesellschaft unsereinem noch klare Feindbilder schenkte - über den Wunsch der Kollegen, die Welt zu verändern mit - den bloß belletristischen Rahmen überschreitenden - politischen Einflußnahmen, will ich mich nicht erheben. Vorausgesetzt natürlich, er zielt nicht eigentlich nur darauf ab, das berlinfixierte Autoren-Ranking durch Aufmerksamkeitserregung zu eigenen Gunsten umzumodeln (ein Verdacht, der angesichts einer längeren Einladungsliste interessierter Personen in Presse und Institutionen schon zum allerersten Sondierungstreffen nicht ganz fern liegt). Die Frage ist nur, ob man gleich einen offiziellen Verein gründen muß, wenn man sich als Autor mal gesellschaftlich engagieren will.
Keine Frage hingegen ist, daß diese Gründung dort hochnotpeinlich wird, wo die Brigadisten sich nicht scheuen, dem metropolitanen Berliner Lebensgefühl ein Modell rheinischer Mentalität entgegenzustellen, das ist also Toleranz, Weltoffenheit und relaxter Humanismus.
Muß man tatsächlich erst darauf hinweisen, daß die Synagogen im Rheinland nicht unbedingt von zugereisten Preußen angezündet wurden, daß heute durchaus rheinische Behörden die Abschiebeknäste füllen, rein rheinische Oberbürgermeister kurdische Familien ins Kirchenasyl zwingen, und richtig rheinische Schwarze Sheriffs die Innenstädte von kaufkraftarmen Elementen säubern?
Als würde der Berlinkult nicht schon genug nerven - nun belästigt einen also auch noch ein Rheinlandkult. Daß dieser obendrein von den Autoren selbst betrieben wird, läßt befürchten, daß sich irgendwo auch noch eine Gruppe schreibender Berliner by Nature einfindet, die eine Erweckung des verstorbenen Rheinland-Berlin-Konflikts als Profilierungsspielfeld begrüßen würde.
Der dann folgende Streit, der seinen Ursprung in einer schillernden PR-Blase hätte, wäre im Gegensatz zu dem der 20er Jahre ein Scheingefecht, denn die Fronten sind, wie gesagt, an anderer Stelle gezogen. Allein die Vorstellung von diesem ausgegrabenen, blutleeren Rheinland-Berlin-Konflikt läßt einen den Kopf einziehen - ach wie grottenhäßlich und schlecht riechend ist doch so ein angefressener Wiedergänger - und irgendwie lächerlich wohl auch. Ein Pflock! Ein Königreich für einen Pflock!

 

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