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Nika Bertram (Köln)

BORDIEUS KATZE
Weshalb sich auch Literatur und Germanistik um Bourdieus Erbe kümmern sollten

Als ich vor Jahren erstmals ein Buch von Pierre Bourdieu aufschlug, erwischte ich gleich eine Doppelseite mit Grafik, die verdeutlichte, wo "Kunstproduzenten" gemeinhin auf der gesellschaftlichen Skala stehen: ziemlich weit links, jenseits des (ökonomischen) Kapitals.
An sich nichts Neues, natürlich, aber das Erschreckende daran war, dass diese Grafik so wissenschaftlich, empirisch erforscht daher kam, und die Armut des Künstlertums quasi als strukturell sozial verankert zeigte. Die X-Achse deutete zwei Schicksalskonstanten an: entweder viel Knete, wenig Kultur, oder viel Kultur, wenig Knete. Auch das klischeehaft, aber das Buch versprach, die Hintergründe dieser Struktur aufdecken zu können.

Das Buch hieß "Die feinen Unterschiede", und Bourdieu behauptet darin frech, dass es im Bereich der Kunst und im Diskurs über Kulturleistungen eben nicht primär um Inhalte, sondern auch immer um soziale Kriterien der Abgrenzung, um Distinktion, ginge. Verständlich, dass er sich mit dieser Analyse des kulturellen Geschmacks und der damit verbundenen sozialen Distinktionsmechanismen nicht nur Freunde machte. Zumal er später auch seiner eigenen Spezies, dem Homo Academicus, zeigte, was sie werden ließ, was sie wurden, und sie dies nicht alleine ihren Leistungen zu verdanken hätten.

Damit outete sich Bourdieu als Systemkritiker und nüchterner Analytiker der Funktionseliten. Zu seinem Konzept der "engagierten Soziologie" gehörte für ihn aber nicht nur 1996 die Gründung eines eigenen Verlags, Raisons d'Agier ("Gründe zu handeln"), die Charta2000 und das Attac-Manifest, seine unzähligen angriffsfreudigen Reden gegen die ausbeuterischen Prinzipien des Neoliberalismus' und der Globalisierung, sein Engagement für die Schwächeren der Gesellschaft usw. Für ihn als Wissenschaftler gab es auch keinen Gegensatz zwischen Theorie und Praxis. Er wollte nicht nur ein kühler Beobachter, sondern auch leidenschaftlich Beteiligter sein, keine reinen Gedankenexperimente führen über Theorien wie die, ob Schrödingers Katze tot oder lebendig sei. Einfach die Kiste aufmachen und nachsehen, so hätte er vielleicht entschieden. Mit diesem praxisorientierten Ansatz verbunden war stets seine Forderung (auch an seine wissenschaftlichen KollegInnen), mehr Courage zu zeigen, sich einzumischen, gegen Denkfaulheit, Mutlosigkeit und Anpassung an herrschende Verhältnisse aus reiner Bequemlichkeit.

Bourdieu war stets unbequem, schien sich wohl zu fühlen in der Rolle des intellektuellen und jüngst sehr medienpräsenten Störenfrieds, was ihm Kritik und Widerspruch, aber auch eine Art Popstar-Status einbrachte. Bourdieu, der postmoderne Antiglobalisierungs-Superstar. Lieblingslektüre der "zur Reflexivität freigesetzten Wohlstandskinder" (wie Frank Hartmann in einem Nachruf in telepolis schrieb).

Doch der Soziologe hat sich selbst wie seine Leser nie aus den Systemen heraus genommen. Das ist das Irritierende, Unangenehme, Erhellende an der Lektüre seiner Werke. Man erhascht einen Blick auf ein System, dessen Teil man selbst ist, faßt sich an die eigene Nase, erkennt - in seiner Gesellschaftskritik - auch die eigene Teilschuld, die eigenen Vorurteile und Beschränkungen. Und wird angeregt, zukünftig wacher zu sein, sein Verhalten zu ändern. Der Blick schärft sich. Für die feinen Unterschiede. Wie in einem Jane-Austen-Roman.

Womit wir zu seiner Bedeutung für die Literatur kämen, der besonderen Leistung, die in seiner Entwicklung von Analyseinstrumenten für literatur- und kunstsoziologische Fragestellungen liegt. Schauen wir uns Bourdieus Thesen in seinem 1979 in Frankreich und 1982 in Deutschland erschienenen Hauptwerk "Die feinen Unterschiede" etwas genauer an.

Laut Bourdieu werden z.B. Eßverhalten, Freizeitgestaltung, Schönheitsideale und eben auch die kulturellen Werte einer sozialen Klasse hauptsächlich von einem klassenspezifischen Habitus bestimmt, der sich aus dem jeweiligen sozialen Umfeld heraus gebildet hat. Da dieser Habitus Teil des Unbewußten ist, läßt er sich nur in Differenz zu anderen Klassen wahrnehmen. Der Geschmack und Habitus der Arbeiterklasse paßt sich ihren eingeschränkten ökonomischen Mitteln an, bewertet Funktion über Form, Quantität über Qualität, unmittelbare über aufgeschobene Bedürfnisbefriedigungen. Im Gegensatz dazu steht der sich durch eine "legitime Ästhetik" und einen gewissen "disinterested gaze" auszeichnende Geschmack des (Groß)Bürgertums, der von keinerlei Einschränkungen durch materielle Notwendigkeiten behindert ist, und sich so eine gewisse Lässigkeit und Arroganz den unteren Klassen gegenüber "erlauben" kann. Dazischen liegt das Kleinbürgertum, das sich um Abgrenzung von der Arbeiterklasse und Zuwendung zum Bürgertum bemüht, jedoch von den Angehörigen der höheren Klasse abgelehnt und zurück gewiesen wird - quasi nach dem Hase-und-Igel-Prinzip: hat der Kleinbürger etwas Neues entdeckt, wird es für diejenigen, die Anspruch auf angeborene Legitimationsmacht erheben, uninteressant.

Die Angehörigen der Arbeiter- und Bürgerklasse "erwerben" ihren sozialen Habitus sicher und natürlich mit der frühen Einweisung in die Sitten, Gebräuche und Geschmäcker durch ihr jeweiliges "sozialen (Um)Feld". Der Kleinbürger hingegen ist "ein heimatloser Verräter", sozusagen ein "Arbeiter, der sich klein macht, um Bürger zu werden", weder Fisch noch Fleisch. Er lebt sozusagen im Zustand ständiger Neurose, und sein beflissener Ehrgeiz und Bildungshunger, die ihn gerade in der Rigorisität und Humorlosigkeit zum Scheitern verurteilen, geben seinem Leben oft tragisch-komische Züge - und machen es damit zu einem beliebten Topoi des (bürgerlichen) Literaturgeschmacks (Houellebecq u.a.).

Laut Bourdieu steht auch und gerade bei ästhetischen Urteilen im Vordergrund also immer ein Distinktionsbedürfnis, der Wunsch nach Abgrenzung. Dabei wird heftig nach unten getreten, denn auch Abstiege sind möglich. So lehnen die Kleinbürger die Vulgarität der Arbeiter ab, das Bürgertum die Anstrengungen und die Angeberei des Kleinbürgertums.

Nebenbei bemerkt, unterscheidet Bourdieu auch zwischen einem "traditionellen Kleinbürgertum" - ungefähr das, was der Begriff "Spießer" meint, und einem "neuen Kleinbürgertum", das sich für ihn aus den aufstrebenden und institutionell gebildeten Sprößlingen des alten Kleinbürgertums zusammen setzt. Hierzu zählt er z.B auch Vertreter der Vermittler- oder Medienberufe wie Journalisten, Therapeuten, oder den akademischen Mittelbau. Das Künstlertum an sich sieht er erstmal als klassenunspezifisch, jeder Gruppe zuordbar. Demnach wäre Dieter Bohlen ebenso ein Künstler wie die Vertreter der Avantgarde oder Subkultur, oder Postkartenmaler oder Webdesigner, nur jeder mit spezieller Klientel.

Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse wird durch das eigene Kapital entschieden, also dem "Vermögen von etwas". Als relevant sieht Bourdieu besonders das kulturelle und ökonomische Kapital an. Hier kommen wir wieder auf die eingangs zitierte Grafik zurück, zu der x-läufigen Struktur der gesellschaftlichen Kapitalverteilung, und erfahren, dass Unternehmer oder Freiberufler ihr Kapital seltener für kulturelle Werte ausgeben als z.B. Hochschuldozenten, während sich ärmere Schichten bestimmte Dinge gar nicht leisten können, und daher einen "Notwendigkeitsgeschmack" ausbilden, sich mit dem Erreichbaren identifizieren und ihre Karl Moik-Kassetten lieben lernen. Lustig auch Details wie z.B., dass Ingenieure eher gegrilltes, Lehrer tiefgefrorenes und Künstler chinesisches Essen bevorzugen. Oder dass Freiberufler lieber süß, Arbeiter herzhaft frühstücken.

Und was soll uns das jetzt über Literatur sagen? Bei Bourdieus Lektüre wird zunächst deutlich, wie sehr der Literaturbetrieb und seine ästhetischen Legimitätsansprüche "im bürgerlichen Feld" verwurzelt sind. Man bleibt sozusagen unter sich. Tristesse Royale. Ein Schelm, wer da an Pop denkt, oder fehlende Welthaltigkeit, gepflegte Langeweile oder die Ungefährlichkeit in den Bestsellerlisten kritisiert. Auch die sogenannte Popliteratur war nie umstürzlerisch und wollte es auch nie sein, sondern hat Bourdieus Habitus-Theorie praktisch umgesetzt, indem sie dem Arbeitsethos des Kleinbürgertums den Stinkefinger gezeigt und die Pop-Glamour Attitüde mimikry-haft vorweg nahm, bevor sie berechtigt erschien. Und es hat funktioniert. Das bürgerliche "Hardcover-Publikum", und da muß man erstmal durch, um als erfolgreich zu gelten, hat sie sofort umarmt, umso heftiger, je deutlicher die Kritik derjenigen wurde, die sich mit einem nach Leistungsdenken riechenden "Die können doch gar nicht schreiben!" dankenswerterweise selbst als neue Kleinbürger geoutet und damit für die ästhetische Legitimation disqualifiziert haben. Denn Ruhm ohne Opfer und Einsatz, Arbeit für andere, ist für den Kleinbürger ein Affront, eine Beleidigung, die ihm die Wertlosigkeit seines einzigen Kapitals, der Arbeitskraft, vor Augen führt. Darum kann er so etwas nicht durchgehen lassen, nicht beim Grandprix, in Talkshows, oder Popstar-Castings.

So lassen sich aus Bourdieus Grundmodell noch viele andere Mindstorms basteln, wenn man genau hinschaut: die Illusion der Chancengleichheit unseres Bildungssystems, das Kanzlerkuscheln der "Alt68er-Literaten" neulich in Berlin, das nicht tot zu kriegende Gerede von der Einführung von Studiengebühren (geht ja nicht an, dass sich der eigene Nachwuchs gegen Arbeiterkinder behaupten und Leistung zeigen muß!), der genial-perfide unternehmerische Schachzug, ihre Angestellten einfach zu "Unternehmern in eigener Sache" zu erklären, sie jedoch zugleich stärker wie Kinder zu überwachen etc.

Bourdieu wirft den "herrschenden Klassen" v.a. vor, dass sie ständig gesellschaftliche wie ästhetische Standards zu etablieren versuchen, die die Lebensbedingungen und ästhetischen Bedürfnisse eines Großteils der Bevölkerung, der unteren Klassen, außen vor lassen. Das System funktioniert perfekt. Kritik ist allenfalls am Rande, subkulturell, gestattet, Informationen werden gefiltert. Wer sich kein DSL-Internet leisten kann, muß halt TV gucken oder Bild lesen und wird weiter auf die falschen "Sozialschmarotzer" schimpfen.

Doch Bourdieu hat seine Kritik auch auf den Makrokosmos übertragen. Er war nicht so naiv, nur Widerstand gegen die Globalisierung zu fordern, kein Verfechter der einfachen Lösungen. Aber dass etwas getan werden muß, auch im kultur-soziologischen Bereich (wer von uns kennt schon den Namen eines einzigen arabischen Autors?), dafür hat er sich immer eingesetzt, für ein Humanismus-Verständnis, das fast schon altmodisch anmutete, für einen Liebling der Postmoderne.

Es liegt nun an uns, sein Erbe fortzuführen.

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