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Enno Stahl

ETHIK UND KRITISCHER RESPEKT

"Und da ertönt auch schon die letzte, investigative Frage: 'Gehst du zum Friseur, oder machst du das selbst?'" Benjamin von Stuckrad-Barre

Was ziehe ich an (Marke)? Welches Parfüm, welche Kosmetik (Marken)?
Die entscheidenden Probleme zu Anbeginn des neuen Jahrtausends in Deutschland. Oder: wie mache ich meinen Gewinn, welches Unternehmen ist aufgrund von Übernahme-Gerüchten im Aufwind, wie komme ich meiner Selbstverwirklichung durch Aufstiegsrasanz näher? Schönheit, Scheinhaftigkeit, materieller Lohn - alles anale Fase. Ich möchte das und das besitzen, und was ich besitze, behalten, festhalten für immer: Schönheit, Geld, Eigentum. Dabei gilt heute mehr denn je: Besitz ist Ausschluss und Enteignung.

"Eigentümer sein, heißt, sich ein Gut anzueignen, von dessen Genuss man andere ausschließt. Indem der Besitzende von dem tatsächlichen Eigentumsrecht ausschließt, dehnt er sein Eigentum auf die Ausgeschlossenen aus [...], ohne die er nichts ist. [...] Als Ausgeschlossene nehmen sie durch die Vermittlung des Besitzenden teil - eine mythische Teilhabe also, denn so organisieren sich am Anfang alle Stammes- und Gesellschaftsbeziehungen, die nach und nach dem Prinzip des Zwangszusammenhangs folgen, wonach jedes Mitglied von der Gruppe abhängt." (Raoul Vaneigem, Basisbanalitäten, in: Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten, Hamburg: Edition Nautilus 1995, S. 123/24)

Nie seit Begründung der "sozialen" Marktwirtschaften ist das so wahr wie jetzt gewesen, angesichts einer zementierten offiziellen Arbeitslosigkeit von zehn Prozent, für Millionen in Europa fehlt jede Aussicht auf eine sogenannte "Wiedereingliederung" in diese 2/3-Gesellschaft. Um so vorbildlicher fungiert der Ritus der Gütertrennung als Selektionsprinzip, bei den Einen als positive Identitätsbildung - im Karriereglück äussert sich nicht zuletzt ein schadenfrohes Bewusstsein, "es geschafft", sich aus dem Sumpf der Anderen, der Unterprivilegierten, heraus gestemmt zu haben, die noch an deinen Füßen zerren, weil sie nicht loslassen, weil sie Teilhabe verlangen.
Der Karrierekick ist nicht zuletzt Ergebnis des Vergleichs mit all denen, die unten geblieben sind. Das labile Protzgebaren des Erfolgsjunkies manifestiert sich nach außen in BMW-Cabrios (Zweisitzer, weil für mehr Leute kein Platz ist in diesem Leben), Solarteint und Goldkettchen, nach innen in einer zunehmenden Verrohung, die auch die Restwelt nach Vergleich und Zugehörigkeit misst. Menschliche Werte zählen nicht, sondern nur, was sich quantifizieren lässt, der 'shareholder value' eines zwischenmenschlichen Kontakts liegt in seiner Verwertbarkeit zur finanziellen oder sexuellen Gewinnmaximierung. Partner, die in beider Hinsicht weniger attraktiv wären, bedeuteten einen Konjunkturrückgang, bedeuteten den absteigenden Ast, drohten vehement, die nach außen dokumentierte Position zu beschädigen. Die Stellung zu bewahren und weiter auszubauen, das ist das zentrale Anliegen, der Kampf auf diesem Terrain wird immer mehr zum Krieg gegen alle anderen und die eigenen Regungen, so noch vorhanden - sie müssen aber abgetötet werden, weil sie der Ausprägung des Individuums zur Charaktermaske, zur ökonomistischen Monade im Wege stehen.
Ethik heute ist also nicht mehr als das, was man sich dafür kaufen kann, welche Territorialgewinne im sozial- und sexual-ökonomischen Stellungskrieg sie ermöglicht. Tatsächlich besitzen die ethischen Bezugssysteme, seien sie politischer oder religiöser Natur, keinerlei Verbindlichkeit mehr, das ist allgemein bekannt. Muss es nicht dennoch Grundvereinbarungen geben? Die klassischen Formen des Gesellschaftsvertrags werden durch die Propheten des neo-liberalistischen Laissez faire immer mehr unterhöhlt, der Kollaps des Sozialsystems ist nur eine Frage der Zeit und wird von den politisch Verantwortlichen bewusst in Kauf genommen. Die Sicherung wird delegiert an den Einzelnen bzw. man plädiert kommunitaristisch an Nachbarschaften und kleinere Solidargemeinschaften, in die Fußstapfen des Staates zu treten. Der Haken an der Sache ist, dass die heutige Sozialstruktur, deren Herausbildung die Staaten gefördert und begünstigt haben, jeglichem Gemeinsinn die Basis entzogen hat. Der moralische Appell an die Einzelnen ist bloß ein frommes Gebet, veraltet und apokryph, denn es ist nichts weiter übrig geblieben als eine indifferente Menge ich-bezogener Warensubjekte, nur am eigenen Lebensgelingen und -genuss orientiert. Wenn sie dann alt geworden sind, ist nichts mehr daran zu ändern.
Vermutlich ist ohnehin nichts daran zu ändern, vermutlich ist die westliche Welt dem Untergang geweiht, der Mensch in seiner heutigen Form eine aussterbende Spezies, die bereitwillig genetischen Korrekturen weichen wird, wie sie Michel Houellebecq in seinen "Elementarteilchen" skizziert.
Doch auch für diese Korrektur sollte es ethische Richtlinien geben, im Sinne einer Herausforderung, die gegebenen Typologien nicht länger hinzunehmen. Das heisst als erstes - ex negativo - die Herrschaft des gewalttätigen, des (immer noch) männlichen Prinzips nicht mehr zu akzeptieren. Die innere Aggressivität, die sich aus den Verdrängungsprozessen gefesselter, ausdrucksungewohnter Seelen speist, ist das Ferment, das die Konkurrenzgesellschaft am Leben erhält. Das unsoziale Miteinander ist, genau gesagt, die Konsequenz aus dieser psychischen Disposition. Es ist bezeichnend, dass die heutige Vorstellung von Emanzipation den Frauen gleich starke Offensivaffekte nachsagt, dass gesellschaftsweit Frauen zum Vorbhild erhoben werden, die sich "Ellenbogen angeschafft", das männliche Dominanzgebaren adapiert haben. Diese Art scheinhafter Gleichstellung ist nur eine Illusion und hat dazu geführt, ausnahmslos jede/n unter das Diktat des gesellschaftlichen Krieges zu stellen: Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, Mann gegen Frau. Emanzipation kann daher nicht mehr pauschal für Frauen beantragt werden, sondern für alle Ausgeschlossenen.
Um den gesellschaftlichen Verkehr auf eine ausgeglichene Basis zu stellen, böte ein Begriff wie "Respekt" wohl den kleinsten gemeinsamen Nenner. "Respekt" ist nicht ohne Grund jene Vokabel, die Ausgegrenzte oder Angehörige subkultureller Schichten für sich reklamieren. "Respekt" meint jene Form prinzipieller Achtung und Offenheit dem anderen gegenüber, die allerdings nicht uneingeschränkt gelten kann. Natürlich steht mir das Recht zu, den Kontakt mit jemandem nach genauerer Begutachtung abzulehnen - allein den Respekt vor seinem Menschsein muss ich ihm gewähren. Respekt ist also etwas Relatives, es gibt ihn in minimaler oder maximaler Ausprägung. Maximalen Respekt muss man sich verdienen durch entsprechende Taten. Leuten diesen zu versagen, denen aufgrund ihres gesellschaftlichen Handelns und Habitus nicht mehr davon gebührt, ist hingegen ein soziales und politisches Erfordernis und natürliche Folge der eigenen Integrität. In einer gesellschaftlichen Situation zunehmender Verflachung und Entsolidarisierung kann ein klares Positionieren, Eingreifen auch, nur positive Impulse setzen. Den anderen zu schonen, ihn also aus prinzipieller Achtung ihm gegenüber, grundsätzlich von jeder Kritik auszunehmen, ist schädlich und unredlich, begründet in mangelnder Souveränität. Das ist Ausweis eines um sich greifenden zwischenmenschlichen Manierismus (Sozialmanierismus, wie Thomas Kapielski das nennt), der einer der Hauptgründe für den zivilisatorischen Rückschritt ist.
Ein Beispiel: wenn etwa bestimmte ausländische Jugendliche extrem reaktionären Werten huldigen (Machismo, Frauen- und Behindertenfeindlichkeit, Vorliebe für autokratische Systeme), kann es doch wohl nicht sein, dass man aufgrund von deren Minderprivilegierung darüber hinwegsieht und die betreffenden gestrigen Positionen gleich mitintegriert. Das verkennt, "daß der Respekt vor der Persönlichkeit des Anderen mitunter zu einer Art von 'Ästhetizismus' wird, das heißt, der 'Andere' wird mitunter genau dann zum 'Objekt', je mehr man annimmt, Respekt vor seiner Subjektivität zu haben." (Antonio Gramsci, Gefängnisbriefe, Bd. 1, Hamburg/Frankfurt am Main: Argument 1995, S. 95/96)
Wie im unmittelbaren Sozialverkehr zwischen den Individuen, gilt das für größere Einheiten, auch für den Staat. "Respekt" ihm, seinen Prinzipien und Institutionen gegenüber kann nur so weit gelten, wie diese wieder dem Einzelnen Respekt widerfahren lassen. Der heutige Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger, der sich einer entwürdigenden Behandlung von Seiten der Sachbearbeiter [sic!] ausgesetzt sieht - dieser Jahr für Jahr mehr Entrechtete hat wenig Grund den Institutionen, die ihn verwalten, mit Respekt zu begegnen. Seine Pflichten vermehren sich beständig, die Kontrolle nimmt stetig zu, der Druck und das Stigma, ein überflüssiges Mitglied der Gemeinschaft zu sein, ein Aussätziger, er wird kriminalisiert und ist selber schuld - all das liest man unschwer in den Gesichtern auf den Linoleumfluren der Sozial- und Arbeitsämter. Dabei liegen die Hauptgründe für diese Entwicklung in den Automatisierungsmaßnahmen und der Monopolisierung der Großindustrie. Wenn es für 25% (bald 50%) der arbeitsfähigen Bevölkerung keine Verwendung mehr gibt, wie kann man die, die es trifft dafür verantwortlich machen? Aus welchem Grund sollte man ein System entlasten, dass diese Prozesse verschleiert, statt sie kenntlich zu machen oder gar Abhilfe zu schaffen - statt endlich Schritte zur Umgestaltung der Arbeitswelt vorzunehmen: gesetzliche Rahmenbedingungen und Anreize für Teilzeit, Überstundenabbau, Rotations- und Verteilungsprinzipien. Auch wäre denkbar, Arbeitsunwilligen, die ja den Arbeitsmarkt entlasten, ein Existenzgeld zu garantieren, ohne sie mit steten Repressionen zu gängeln. Die Über- und Eingriffe des Staates in Würde und Selbstbestimmung des Einzelnen sind zutiefst fragwürdig, selbst unter einer simplen Logik des Tauschs betrachtet: während der Staat seine Pflichten immer mehr abbaut, steigt die Belastung für den Einzelnen fortwährend; es ist nicht unwahrscheinlich, dass man in geraumer Zeit selbstverantwortlich für sein Überleben aufkommen muss: durch private Rentenvorsorge und Krankenversicherung, durch scheinbare oder tatsächliche Selbstständigkeit, einhergehend mit dem Wegfall jeglicher Leistungen staatslicherseits wie Sozial- und Arbeitslosenhilfe.
Kurz: all die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts, die wohl nicht zuletzt unter dem Druck des kommunistischen Gespensts erreicht worden sind, werden nun mit dem Veschwinden der letzten Alternative rapide wieder eliminiert. Wenn man aber ohnehin ganz auf sich gestellt ist, wozu noch den Anschein wahren? Wozu Steuern zahlen, wozu sich an die Regeln des Staates halten? In der harten Gesellschaft, die sich abzeichnet, gibt es wenig Grund für die sozial Ausgegrenzten, nicht aus dem Rahmen zu fallen - was gilt in einer solchen Gesellschaft das Recht? Es bleibt denen vorbehalten, die es sich leisten können. Warum soll man das Eigentum der anderen achten, das immer unverbrämter auf Entwendung beruht? Der gesamte Prozess, die sogenannte "Reform" des Sozialsystems, der unaufhaltsame Abbau von Arbeitsplätzen im Kontext der Globalisierung, das ist eine groß angelegte Umverteilung, also Diebstahl. Unter diesen Umständen kann Respekt nur dann aufkommen, wenn die gesellschaftlichen Täterfiguren, angefangen von den Yuppie-Samurai bis hinauf in die Führungsetagen der Konzerne und Politik, wieder den Respekt gegenüber ihren "Untertanen" verinnerlichen.
Das ist utopisch, gewiss. Weit weniger utopisch scheint mir das Szenario, dass sich die Gesellschaft der "Aussätzigen" diese Entwicklung irgendwann nicht mehr gefallen lassen wird. Sie wird sich nehmen, was man ihr vorenthält, durch terroristischeGewalt, Aufstände, Bürgerkriege.
Um den Respekt aller gegenüber allen herzustellen, bräuchte es wohl tatsächlich eine genetisch-ethische Mutation, aber es lohnte sich, daran zu arbeiten.