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Achim Wagner

EWA KOMMT BELAUSCHT

20Uhr30. Observiert wird die Wohnung des 35-jährigen Polen L. Vlatzky. (Da bereits der Nachname "Vlatzky" eine Verstrickung in die organisierte Kriminialität und eine Vielzahl bereits begangener Schwerstverbrechen impliziert, sei an dieser Stelle auf die einzelne Auflistung der behaupteten Straftatbestände verzichtet; sie würde schlicht den Rahmen sprengen.)
Vlatzky befindet sich mit seiner Frau Ewa, ebenfalls aus Polen stammend, zurzeit in der Wohnung. Abhörbeamte sind der 45-jährige Roland W. und der 27-jährige Martin O. Sie sitzen in einem unauffälligen, blauen VW-Bus, geparkt in der Straße, in der sich die verwanzte Wohnung befindet. Einen Moment lang ist es verdächtig still, dann hören die Beamten ein leises Kichern von Ewa Vlatzky, die kurz darauf rhythmisch zu stöhnen beginnt. L. Vlatzky atmet tief. Unterlegt wird das Hörspiel von lauten Knarzern des ehelichen Bettes.

Roland: "Wenn das mit der Videoüberwachung durchgeht, muß ich nicht mehr ins Pornokino!"
Martin: "Du gehst ins Pornokino? Hätte ich nicht gedacht."
Roland: "Nach 20 Jahren Ehe ist die Luft raus. Wirst du auch noch merken. Wie lange bist du jetzt mit deiner Margot verheiratet?"
Martin: "3 Jahre."
Roland: "Ist noch keine Zeit. So oft gehe ich auch gar nicht. Bloß ab und zu. Zum Appetit holen, sozusagen, ha,ha."

Ewa Vlatzky stöhnt immer lauter, beginnt zu schreien. Den Geräuschen nach zu urteilen, bricht das Bett bald auseinander. Ein letzter Schrei begleitet den Orgasmus von Frau Vlatzky.

Roland: "Das ging aber schnell. Irene braucht da viel länger, wenn sie überhaupt kommt."

In der Wohnung klickt zweimal ein Feuerzeug. Der Fernseher wird eingeschaltet.

Roland: "Redest du mit deiner Frau darüber, was du machst?"
Martin: "Wenn es sich vermeiden läßt, nicht! Sie war nicht gerade begeistert gewesen, als ich ihr sagte, daß ich mich freiwillig zum Abhören gemeldet habe. Sie hat ihren eigenen Kopf, außerdem ist eine Freundin von ihr Journalistin, eine echte Furie, die Margot manchmal richtig gegen die Polizei und die Regierung aufhetzt. Das kriege ich dann sofort zu spüren."
Roland: "Also, da habe ich keine Probleme. Irene sagt, wer nichts zu verbergen hat, muß auch nichts befürchten, wenn er abgehört wird. Wenn jemand unschuldig ist, dann würden wir damit ja auch seine Unschuld beweisen. Ich finde, sie hat recht. Wir können da über alles reden. Na ja, wie schön die Vlatzky stöhnt, werde ich ihr vielleicht nicht auf die Nase binden, ha, ha."

Die Beamten gießen sich aus einer roten Thermoskanne Kaffee ein. Roland W. holt aus der Innentasche einen Flachmann hervor, kippt sich und Martin O. je einen Schluck Korn in die Tassen. In der verdächtigen Wohnung bleibt es ruhig, nur der Fernseher erzählt vor sich hin. Ab und zu wird ein anderer Kanal angezappt, was die beiden Beamten für ein kleines Ratespiel nutzen. "Sat 1", "Nein, das ist RTL 2", "Quatsch", "Jetzt haben sie Vox", "Das müßte Pro 7 sein..."

22 Uhr 13. Der Fernseher wird ausgeschaltet. Wieder setzt das leise Stöhnen Ewa Vlatzkys und das Knarzen des Bettes ein. Roland W. und Martin O. grinsen sich an. Martin O. verschränkt die Arme hinter dem Kopf, lehnt sich auf seinem Sitz zurück. In der Wohnung klingelt das Telefon. Vlatzky gibt einen lauten Fluch von sich. Ewa Vlatzky seufzt. Roland W. kommentiert das mit einem hämischen "Ha,ha,ha." Vlatzky geht ans Telefon.

Roland: "Scheiße, jetzt unterhalten die sich auf Polackisch. So, wie der Vlatzky spricht, muß das was Ernstes sein. Klingt richtig konspirativ. Eigentlich müßten die uns den Übersetzer gleich in den Wagen setzen. Wer weiß, was der Polacke für Anweisung gibt. Vielleicht schlagen die noch heute Nacht zu, und wir erfahren es erst wieder, wenn es zu spät ist. Da hilft die ganze Technik nichts. Scheiß-Organisation!"
Martin: "Reg' dich nicht auf. Kannst ja doch nichts dran ändern."

Der Hörer wird aufgelegt. Vlatzky verbringt zwei Minuten auf der Toilette. Dann ist das Öffnen und Schließen einer Kühlschranktür zu hören. Ein Sektkorken knallt an die Decke.

Roland: "Verdammt. Der will doch irgendwas feiern. Wir sollten sofort die Zentrale informieren."
Martin: "Wenn wir jetzt Alarm schlagen, und dann ist nichts, kriegen wir bloß Ärger!"
Roland: "Hast recht."

Roland W. bietet dem Kollegen einen weiteren Schluck aus seinem Flachmann an. Martin O. nippt, wischt sich die Lippen und den Schnauzbart ab. "Klasse-Zeug."
Vlatzkys stoßen miteinander an. Ein paar den Observierern unverständliche, weil wieder polnische Sätze werden gewechselt. Vlatzkys lachen.

Roland: "Wart's nur ab, du Mistkerl, bald hast du ausgelacht. Dann kann sich's deine Frau erst mal ein paar Jährchen selbst besorgen oder du kriegst Hörner aufgesetzt!"

23 Uhr 09. Bett knarzt. Ewa Vlatzky stöhnt. Vlatzky scheint sich richtig Mühe zu geben, einzelne Schreie von ihm sind lauter als die seiner Frau. Ein furioses Finale läßt die beiden Beamten neidisch mit gesenkten Augen auf den sauber geputzten Boden des Fahrzeugs blicken. Als das Ehepaar nach dem deutlich vernehmbaren gemeinsamen Orgasmus wieder das Feuerzeug klicken läßt, brummt Roland W. ein "Na endlich, dachte schon, die wollen gar nicht mehr aufhören."
Wenig später wird das Licht in der Wohnung ausgeknipst.

Martin: "Die Schweine putzen sich nicht mal die Zähne."
Roland: "Gesocks!"

24 Uhr. In der Wohnung herrscht Schlafesstille. Vlatzkys Atmen droht mehrfach in ein Schnarchen zu kippen. Martin O. und Roland W. knobeln, wer zuerst 2 Stunden in den Schlafsack darf. Roland W. gewinnt. Dafür bekommt sein jüngerer Kollege den Flachmann.
Im Wechsel lauschen sie den Schlafgeräuschen aus der Vlatzkyschen Wohnung.

06 Uhr 32. Die Beamten räkeln sich und sehnen die Ablösung herbei.

Roland: "Hat die Schlampe bei dir auch ihm Schlaf geredet?"
Martin: "Nö, habe gar nichts gehört."
Roland: "Also bei mir hat die geblubbert wie ein Wasserfall. Hast du eigentlich mal Lust, mit deiner Margot bei uns vorbeizuschauen? Dieses oder nächstes Wochenende. Die Irene würde sich bestimmt auch freuen!"
Martin: "Muß ich erst fragen, von mir aus gerne. Sag' dir dann Bescheid."

Pünktlich um 8 Uhr kommt die Tagschicht zur Ablösung. Martin O. und Roland W. verlassen den VW-Bus. Als Roland W. die Straße überqueren will, wird er um ein Haar von einem heranpreschenden PKW erfaßt. Der PKW kommt ins Schleudern und kracht in einen parkenden Wagen.

Roland: "Das war ein Attentat!"
Martin: "Den Kerl schnappen wir uns."

Der Kerl entpuppt sich als Frau. Martin O. zerrt die leichtverletzte Fahrerin aus ihrem Fahrzeug. Roland W. legt ihr Handschellen an. Die Tagschicht hat bereits einen Streifenwagen angefordert. Das Martinshorn ist schon zu hören. Am Fenster im zweiten Stock stehen die von dem Krach geweckten, unbekleideten Vlatzkys. Sie verweilen jedoch nur einen Augenblick, gehen zurück ins Schlafzimmer.

Roland: "Das hat der Vlatzky in Auftrag gegeben. Dafür wird das Schwein bezahlen!"

Die Streifenbeamten bringen die Attentäterin in die Zentrale. Bei der Fahrerin des PKW handelt es sich um die 31-jährige, arbeitslose, Chemikerin (!) Roswitha S. Während sie verhört wird, durchsucht das Sonderkommando zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität ihre Wohnung. Man findet keinen Hinweis auf eine Beziehung zu Vlatzky oder einer ihm nahestehenden Person aus dem Milieu, aber "das beweist nur, wie professionell das organisierte Verbrechen arbeitet", wie Einsatzleiter Josef G. feststellt. Das Kommando verschwindet wieder, nicht ohne noch ein paar versteckte "Kleinigkeiten" zurückgelassen zu haben.
Obwohl Roswitha S. bei ihrer unglaubwürdigen Schilderung des Tatvorgangs bleibt, daß Roland W. einfach auf die Straße gelaufen sei, ohne sich umzuschauen, sie im letzten Moment das Lenkrad hatte herum reißen können, ihn dadurch gerettet hätte; obwohl sie jede Beziehung zu Vlatzky beharrlich leugnet, wird am späten Nachmittag das Verhör beendet. Man schickt Roswitha S. nach Hause.
In der Straße vor ihrer Wohnung parkt bereits ein beiger VW-Bus.

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