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Guillaume Paoli (Berlin) - Gastkommentar

GUTER FETISCH LOBT SICH SELBST

Zunächst verwendeten vom 16. Jahrhundert an portugiesische Seefahrer und Missionare das Wort Fetisch, um diverse Kultgegenstände, denen sie bei den Völkern Westafrikas begegneten, abwertend zu bezeichnen. "FeitiÂo" war aus dem Lateinischen "facticius" hergeleitet, das sogleich "künstlich hergestellt" und "falsch" bedeutet, ein doppelter Sinn, der eine entscheidende Rolle in der weiteren Verwendung des Wortes spielen würde. Darüber hinaus wurde 1760 von dem Religionswissenschaftler und Parlamentspräsident Charles de Brosses der Begriff "Fetischismus" kreiert. In diesen Hut wurden en gros Amulette, Statuen, Knochen und sonstige von magischer Kraft geladene Gegenstände geworfen, die "primitive" Kulte kennzeichnen sollten. Ein zweifach rhetorischer Trick: Erstens, weil sich somit völlig verschiedene Phänomene willkürlich verbunden fanden, deren einzige Gemeinsamkeit war, daß sie aus vormodernen Kulturen stammten. Zweitens, weil eben so die Überlegenheit der modernen Gesellschaft behauptet werden konnte, wo Aberglaube jeder Art dank Aufklärung und Wissenschaft endlich beseitigt worden sei. Fetischisten waren nur die wilden Anderen.

Diese beruhigende Sichtweise ließ Karl Marx mit seiner berühmten Behauptung eines "Fetischcharakters der Ware" platzen. Er war von de Brosses Anmerkung beeindruckt, die indigenen Kubaner hielten Gold "für den Fetisch der Spanier", eine glückliche Umkehrung, die dem kulturellen Relativismus die Tür öffnete. Plötzlich tauchte die Magie im Herzen der Gegenwart wieder auf. Der homo economicus, so Marx, sei von Dingen umringt, die "auf den ersten Blick selbstverständlich und trivial" erscheinen, doch eigentlich "voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken" seien. Also lag die Folgerung nah, daß "unsere" Gesellschaft von der gleichen verborgenen Antriebskraft wie die der magisch-religiösen Urkulturen bestimmt wird - heute keine unwahrscheinliche Annahme, betrachtet man den Umgang der Zeitgenossen mit ihrem Handy oder deren Faszination für virtuelle Bilder. Doch bei Marx (er hatte ja Claudia Schiffer noch nicht kennengelernt) blieb Warenfetischismus eine bloße spekulative Metapher, die ihn nicht hinderte, an dem angenommenen "rationalen" Kern der Warenanalyse, also der "materiell" bestimmten, berechenbaren Größe des Gebrauchs-, Tausch- und Mehrwerts festzuhalten. Seine theoretische Aufgabe betrachtete er als eine Entlarvung der irrationalen Züge des Kapitalismus, mit dem praktischen Ziel, eine entzauberte Welt ins Leben zu rufen. Um seinen eigenen Wortschatz zu verwenden: Er wollte die Magie der Ware aufheben, ohne sie zu verwirklichen. Dieses Programm versuchten dann seine Nachfolger umzusetzen (zumal sie als Staatsfetischisten die Ware als eine bedrohliche Konkurrenz verachteten). Das glorreiche Resultat war die entzauberte, sozialistische Standardware - sowjetische Niethosen und Trabis.

Als Ethnologen ihre Beobachtungen und Methoden verfeinerten, gaben sie allmählich auf, den inadäquat gewordenen "Fetischismus" zu verwenden. Doch das Wort hatte schon eine neue Karriere begonnen. Vier Jahre nach Marx' Tod schrieb Alfred Binet eine Abhandlung zum "Fetischismus in der Liebe" in der die psychopathologische Verwendung des Begriffs eingeführt wurde. Angesichts seines anti-heidnischen Ursprungs ist es pikant zu bemerken, daß Fetischismus nun von Binet zu einer Art "Monotheismus" erklärt wurde: Wo die "normale" Liebe aus einer Myriade von Anregungen besteht, sei der Fetischist insofern pervers, da ihn nur ein einziger Gegenstand aufreizt, seien es Haare, Füße oder Dessous, alle anderen Stimulationsquellen ausgeschlossen. Scheinbar ist hier die Warenanalyse in die Ferne geraten, doch die weitere Erforschung des "sexuellen" Fetischismus würde auf subjektive Züge hinweisen, die in der Kritik der Ökonomie nicht fehl am Platz sind. So nahm Freud an, daß diese Fixierung aus Angst einer menschlichen Beziehung erfolgt, also daß das Verhältnis zu dem angebeteten Gegenstand aus verdinglichter Kommunikation bestehe - wie bei Tamagotchis sozusagen. Dann wies Magnus Hirschfeld darauf hin, daß die modernen Schaufenster mit ihrer Dauerausstellung von Dessous, Schuhen usw. eine permanente Aufforderung zum Fetischismus darstellten. Gewiß waren damit nur besondere Waren und rein sexual-pathologische Triebe gemeint, doch der Vergleich mit "normalem" Konsumverhalten lag nah. Der durchschnittliche Konsument wäre dann ein Fetischist, der anstelle eines bestimmten Artikels den ganzen Supermarkt anbetet! Schließlich wurde Kleptomanie, der Trieb zum Stehlen, mit Fetischismus verbunden, und in diese Kategorie wurde nicht nur der Perverse eingestuft, der Frauenslips von der Wäscheleine klaut, sondern ebenso Ladendiebstahl jeder Art - eine interessante Sichtweise: Pervers wäre nicht der bestimmte, "anormale" Trieb nach einem Gegenstand, sondern nur die Weise, diesen Trieb zu entladen; oder marxistisch gesagt: Perversion fange erst an, wenn nicht nur der Gebrauchswert, sondern auch der Tauschwert strapaziert wird. Granoff verband Diebstahl mit einem "Reiz sexueller Natur", doch die sexuellen oder neurotischen Motive, die sich hinter dem Kaufakt selbst verbergen mögen, blieben von der Psychologie ausgespart.

Mit dem sogenannten Wirtschaftswunder wurde es allmählich schwieriger, den Bann des Warenüberflusses mittels einer rationalistischen Interpretation der "Bedürfnisse" und des "Gebrauchswerts" zu beschreiben. Also griffen Poststrukturalisten zu einem "symbolischen" Wert der Ware, eine neutrale Übertragung des abwertenden Fetisch-Begriffs, die jedoch die Frage offen ließ: Wenn der Warenverkehr eine symbolische Funktion hat, also stellvertretend für etwas nicht Wahrnehmbares steht, dann wofür eigentlich? Auch die in den 60er Jahren wachsende Kritik der Konsumgesellschaft führte zur Neuentdeckung des Warenfetischismus, z. B. bei den Situationisten, die den Umgang mit der Modeware so zusammenfaßten: "Zuerst wird der Gegenstand gezeigt, damit man ihn besitzen will, dann besitzt man ihn, um ihn jetzt umgekehrt zu zeigen". Doch das Anprangern der "künstlich erzeugten Bedürfnisse" und des "Pseudo-Gebrauchs" blieb in der ursprünglichen Begrenztheit des Fetisch-Konzepts gefangen: Künstlich ist gleich falsch und damit Punktum! Erklärt wird die dämonische Begierde des Konsuments durch schiere, von bösen Kapitalisten angeregte Infantilität. Warenfetischisten sind nur die dummen Anderen, z.B. das ostdeutsche Volk, das im Herbst 1989 für eine Handvoll Bananen und Pornovideos die eigene Revolution verriet.

Es ist genauso müßig und scheinheilig, die - gewiß unbestreitbare - Infantilisierung der Konsumenten zu denunzieren, wie einst für Missionare, den "Aberglauben" der Heiden zu verspotten. Durch die pathologische Störung eines sonst rationalen Systems läßt sich die Warenverführung nicht erklären. Viel überzeugender ist die Annahme, Kapitalismus sei wie Urgesellschaften von einer magischen Tiefenstruktur bestimmt. Nur liegt der Unterschied darin, wie Max Weber schon meinte, daß die sogenannten Naturvölker viel mehr über die eigene Gesellschaft Bescheid wußten, als wir über unsere vermeintlich "entzauberte" Welt. Das Irrationale (im Sinne der Rationalisten) wird von einer eigenen Logik bestimmt, die um so gewaltiger herrscht, da sie unter dem Schein des Nützlichkeitsprinzips verborgen bleibt. Und doch ist diese Logik nicht stumm. Der Fetisch spricht, ja er hört nie auf, selber zu quasseln. Werbung ist sein Gerede, ein ständiges Versprechen von Souveränität, Anerkennung und Kommunikation, also von Eigenschaften, die nirgendwo sonst in der sozialen Wirklichkeit zu finden sind. Und wenn man sieht, wie effizient diese permanente Schau ist, kann man nur folgern, daß Souveränität, Anerkennung und Kommunikation die eigentlichen Bedürfnisse des Menschen sind, die stets unerfüllt bleiben.
Mit anderen Worten: Um Warenfetischismus zu überwinden, kann es nicht genügen, irgendeine "alternative Ökonomie" zu entwickeln. Es kommt vielmehr darauf an, das glänzende Versprechen der Werbung zu verwirklichen.

 

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