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Enno Stahl (Köln):

GLOBALISIERUNG UND IHR ANTI

Wer mag schon Killer und selbsternannte Volksmuhjaheddin? Wer findet es schon gut, wenn Tausende von Zivilisten einem mörderischen Polit-Verbrechen zum Opfer fallen, einmal mehr? Zwar erhebt sich die Frage, ob die 5000 US-Banker und -Broker tatsächlich soviel mehr Mitgefühl verdienen als die beinahe jährlichen 100.000 Flutopfer in Bangladesh (1), wie uns die exzessiv betriebene Trauerarbeit suggeriert. Aber wie dem auch sei, es ist abscheulich und gewiss ist jedes Menschenleben, das auf solche Weise und solchen Gründen ausgelöscht wird, zu betrauern, eine Ungerechtigkeit des Schicksals, eine Anklage der menschlichen Perfidie, der eigenen Spezies noch immer ein Wolf, ja noch viel Schlimeres zu sein.
Dennoch ist das Attentat von New York viel mehr ( seine Ikonographie ist beredt: zwei Flugzeuge rasen in das World Trade Center. Flugzeuge sind das Verkehrsmittel der Globalisierung, sie symbolisieren den uneingeschränkten Direktkontakt der Weltbevölkerung. Das Zielobjekt selbst liegt auf der Hand, es war nicht umsonst bereits Jahre zuvor Opfer eines Anschlags, es ist das 'World'-'"Trade'-'Center', Babelturm konzentrierter Finanzsüchte.
Diese Sinnfälligkeit, die sich eigentlich eher aus der Perspektive der Terroristen ergibt, ist auch mit ein Grund dafür, wieso die Medien mindestens drei Tage lang die Sekunden des Aufpralls mit einer regelrechten Wollust wieder und wieder zelebrieren. Bei vielen Sendern steht das Bild des Aufpralls als Themen-Logo stets im Hintergrund, als digitale Ikone, vielleicht ist es die erste des neuen Jahrtausends.
Gleichzeitig zeigt man jubelnde Palästinenser auf den Straßen (2), amn zeigt die bärtigen Rache-Scheiks, die der 'zivilisierten Welt' den Kampf angesagt haben, das ist es wieder: das Bild des grausamen Muselmanen, das doch eben erst durch die Geschichtsschreibung endlich korrigiert worden war.
Die Beschwörung dieser angeblich 'zivilisierten Welt' (ein Begriff, der jedenfalls 'westliche' oder besser: 'nord-westliche Welt' meint) dient nicht nur der militärischen Mobilmachung gegen die Attentäter und ihre Unterstützer, sondern auch dem ideologischen Zusammenrücken der Länder dieses 'Nord-West-Blocks', der 'Guten', gegen das 'Böse schlechthin' (3). Diese Strategie führt explizit dazu, die 2. und die 3. Welt noch mehr als bisher von der globalen Kommunikation fernzuhalten.
Fatal genug, denn liegt nicht darin die Wurzel solcher Anschläge? Es ist dieses Missverhältnis aus neo-kolonialistischer Missachtung der arabischen Welt und deren wirtschaftlicher Bedeutung ( auch mit Petro-Dollars kann man sich keine echte Anerkennung im Konzert der 'Kultur-Nationen' erkaufen. Ganz zu schweigen von den Rückständen des 'alten Kolonialismus', den territorialen Spuren, die Franzosen und Engländer nach ihrem Abzug hinterließen, die hier wie in anderen Weltregionen nahezu zwangsläufig Krisenherde zeitigten (4).
Um so problematischer wird die Lage, wenn das Erdöl-Geld nicht mehr so bereitwillig fließt und der Konflikt zwischen erster und zweiter Welt immmer mehr zum Präzedenzfall des anstehenden Nord-Süd-Konflikts gerät, den sich die arabische Welt momentan allein ausstattungs-/waffenmäßig eher leisten kann als ein zentralafrikanisches Land, das sehr viel mehr unter den IWF-Repressionen leidet. Aber sind das nicht nur Vorboten?
Ein Drittel der Weltbevölkerung bekennt sich zum Islam, es ist nicht der wohlhabendste Teil. Dass der Islam historisch immer eine tolerante Religion war, weit mehr als das Christentum, ist sattsam bekannt. Der islamische Fundamentalismus, dessen Ursprünge zwar ebenfalls bis ins 14. bzw. 18. Jahrhundert zurück gehen, hat seine grosse Wirkungskraft erst in jener Zeit erlangt, anfangs des 20. Jahrhunderts, als der Kampf gegen den Kolonialismus in seine entscheidende Runde ging. Nichts ist unter dem Stigma des Legitimationsdrucks so überzeugend wie eine Übersetigerung des 'Eigenen' in Abstoßung vom 'Fremden'. Ein Aspekt des Fundamentalismus ist also schlichter Rassismus.
Sein Comeback in der 70er Jahren, mit einer deutlichen Verbreiterung der Basis, war nicht zuletzt eine Antwort auf die unaufhaltsame Globalisierung (anfangs besonders auffällig in Form des amerikanischen Pop- und Güterimperialismus von Hollywood bis Coca-Cola): er mauserte sich zusehends zur globalen Konträrbewegung, die Nah- und Fernost ebenso wie Afrika in steigendem Maße zu mobilisieren versteht. Natürlich ist das zuallererst ein sozialer Verteilungskampf: nachdem kein politisches Schema mehr existiert, um ihm einen Rahmen zu verleihen, ist das fundamentalistische 'pattern' die einzige verbliebene Form geblieben, die aber um so leistungsfähiger ist, als dass das religiöse Moment hier nicht wie im Staatskommunismus durch Inszenierung und Dogma künstlich hinzugegeben werden muss, sondern seine Essenz ausmacht. Der Gotteskrieger, dem das Paradies winkt, geht offensichtlich ungleich leichter in den Tod als der linke Revolutionär, der sich für die vage Idee einen möglichen gesellschaftlichen Zukunftsideals opfert.
Die Stärke des Fundamentalismus liegt darin, dass er genau auf jenem Bereich sinnstiftend wirkt, der unter dem Druck des nord-westlichen Kulturimperialismus und der globalen Wirtschaft am meisten ins Wanken gerät, dem der eigenen Identität. Das ist um so eindrücklicher, als der nord-westliche Konsumismus wie nichts sonst zu Depression und Auslöschung von Identitäten erweislich führt ( ein Großteil der gewaltigen Erträge der auro-amerikanischen Weirschaft wird sogleich wieder in soziale Kompensationsprogramme umgeleitete: ein Heer von Psychologen, Psychiatern, Sozial- und Sonderpädagogen, Therapeuten, Esoterikern, Logopäden und Kommunikationstrainern stopft die Lücken und Schäden, welche die 'zivilisierte Gesellschaft' in Körper und Bewusstsein ihrer Individuen gerissen hat, täglich aufs Neue erzeugt und perpetuiert. Im amerikanischen Spielfilm ist der Therapeut schon seit den 60ern zum Comedy-Klischee geronnen, einfach deshalb, weil tatsächlich jede/r eine/n hat (5). Kann man der restlichen Menschheit, die von solchen Deformationen noch weitgehend verschont geblieben sind, kann man ihnen vorwerfen, dass sie lieber darauf verzichten möchten?
Auch der Gedanke von Demokratie und Teilhabe, den die nord-westliche Welt sich auf die Fahnen geschrieben hat und den Südvölkern zergefingernd zum Vorbild erhebt, ist sie nicht Illusion? Die USA als Vorreiter dieser sogenannten freien Welt folgt in der Liste der jährlichen Hinrichtungen direkt auf China, nach den Statuten der EU könnten die Vereinigten Staaten somit kein Vollmitglied werden ( was soll die 3. Welt von solchen Ambivalenzen halten? Ist es verwunderlich, dass arabische und asiatische Politiker darauf pochen, dass es verschiedene Demokratiemodelle und -verständnisse gebe, dass die ideale Form noch nicht gefunden sei. Dem ist kaum zu widersprechen, wenn man einmal die beispiellosen Prozesse an Entsolidarisierung, die sukzessive Aushöhlung der sozialen Errungenschaften der letzten fünfzig Jahre in Rechnung stellt, die augenblicklich in der gesamten EU vorangetrieben werden.
Dies soll nicht heißen, das Leben in der 3. Welt sei freier, besser, gerechter, überhaupt nicht ( nur die Perspektive soll einmal gewechselt werden. Adäquat zum Narzissmus der Einzelnen kreisen auch die nord-westlichen Gesellschaften insgesamt allein um den eigenen Bauchnabel und sehen sich in naiver Weise als Welt-Kavallerie, die mit Fug & Recht und Feuer & Schwert die primitiven Indianer aus Nah- und Fernost zu zivilisieren hat. Wenn es wirklich um Verständnis geht, muss man andere Wahrnehmungsperspektiven nachzuvollziehen suchen. Was bewegt die Flugzeugattentäter, was bewegt die Jubelchöre auf der Straße?
Die nord-westliche Welt sieht nur Wahn und irrationalen Hass, ohne die historische Zwangsläufigkeit solcher Ereignisse zu erkennen ( natürlich ist das nicht schön, zutiefst inhuman und verbrecherisch, aber ist das im Gang der Geschichte etwas Neues (6)?
Die USA sind folgerichtig das Ziel dieser Attacken, weil sie als letzte verbliebene Großmacht auf dem Erdball schalten und walten, wie sie wollen. Zudem blicken auch sie auf eine 100-jährige Koloniasationsgeschichte zurück, die, weil sie später einsetzte und bis heute währt, präsenter im Bewusstsein der Unterdrückten ist. Die amerikanische Kolonisation war von Beginn an rein ökonomischer Natur, also neo-kolonialistisch ( sie begnügte sich mit allen Bodenschätzen und Naturalgütern, die (scheinbare) politische Macht beließ sie bei einheimischen Marionetten, die sofort zu stürzen waren, falls sie irgendwelche Eigenmächtigkeiten an den Tag legten (7). Diesem Schema folgt die amerikanische Politik auf die eine oder andere Art noch heute.
Die Selbstherrlichkeit, mit der die Vereinigten Staaten (die nie bombardiert wurden) Raketen auf fremde Hauptstädte schießen, Luftangriffe gegen unschuldige Zivilbevölkerungen fliegen, ist und bleibt verblüffend ( weinende Irakerinnen in CNN sind dort lediglich Beleg für die Effektivität und gerechte Härte der notwendigen Bestrafung. Eine solche 'Politik' hinterlässt viele Wunden und Rachegedanken ( dass diese sich irgendwann Luft machen, kann niemanden wundern.
Wahrscheinlich trägt keines oder wenige der Opfer im 'World Trade Center' eine Verantwortung für diese Außenpolitik, es ist eine Katastrophe und sie ist zu beklagen. Es war kein Erdbeben, sondern ein Verbrechen, begangen von Menschen, die absolut skrupellos sind und jedenfalls vor einem internationalen Gerichtshof verurteilt werden müssen, das ist keine Frage.
Aber wenn man die süd-östlichen Gesellschaften nicht allmählich mit ins Boot holt, trotz aller kultureller oder sozialer Unterschiede, wenn man nicht den Dialog sucht mit denjenigen Asiaten und Afrikanern, für die ein solch kriminelles Vorgehen ebenso undenkbar und anti-zivilisatorisch ist wie für die selbsternannten Sachwalter dieser Bereiche, die Europäer und Amerikaner, dann war das nicht der letzte, sondern der erste Akt des größten Konflikts, den Welt bisher sah.

(1) Oder die Toten des Sudan-Kriegs, den die USA seit 20 Jahren aus geo-politischen Interessen (Erdöl!) künstlich am Leben erhalten.
(2) Bezeichnender Weise sind es immer dieselben Bilder, immer dasselbe Grüppchen von 15, 16 Kindern und Erwachsenen auf allen Kanälen (irgendwer munkelte gar, diese stammten bereits von 1995 und seien aus reinen Propagandazwecken verwandt worden).
(3) So stellt sich George W. Bush die Sache in der Tradition des amerikanischen Comics vor.
(4) Man denke nur an die eigentümlichen Operationen der Briten bei der Ansiedlung des Staates Israel, die u.a. als "Vermittler" beiden Seiten verschiedene Vertragswerke vorlegten und die späteren/heutigen Konflikte bereits vorprogrammierten.
(5) Eine Serie wie "Ally McBeal" gestaltet sich gerade daher für viele so vergnüglich, weil sie die realen seelischen Diffusionsprozesse des modernen, urbanen Individuums veranschaulicht, verbildlicht ( das Publikum lacht über die eigenen psychisch-sexuellen Störungen, über die Unfähigkeit zu authentischem Leben und Erfahren. Die Serienprotagonistin erlaubt so den voyeuristischen Blick in die Seelenmasse aller.
(6) Es ist doch immer nur eine Frage der Sichtweise: "War nicht Napoleon ein grosser Verbrecher, Alexander ein Vieh?" (H.H. Jahnn) Die europäische Geschichtsschreibung hat dafür gesorgt, dass diese Eroberer als großartige Gestalter des politischen Geschehens dastehen, ja gar den zivilisatorischen Prozess vorangetrieben haben. Vermutlich hat niemand die über 500.000 Toten der 'Grande Armée' nach ihrer Meinung gefragt.
(7) Dass den Wirtschaftsinteressen immer wieder demokratisch gewählte Regierungen zum Opfer fielen, ist eine weitere Aporie der amerikanischen Außenpolitik und setzt sie noch weniger in die Position, über Demokratie und Menschenrechte auf dieser Welt ein Urteil zu fällen.

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