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Jochen Groddeck (Bonn):

JANUS' GEWISSEN

Die Rauchschwaden senken sich und jetzt ist er (Gott sei Dank) genehmigt, der Auslandseinsatz der Bundeswehr, und diesmal war man nicht auf die Stimmen der Opposition angewiesen, oh Jubel.
Vor New York war das noch anders. Da erlitt die Rot/Grüne Regierung eine Schlappe und der Generalsekretär Müntefering kündigte an, das werde "Konsequenzen" haben. Ich muss ja schon sagen:
Als ich ihn da so hörte, habe ich schlichtweg nur kotzen müssen.
Gibt es das etwa nicht mehr, das Recht aus Gewissensgründen eine Gegenstimme abzugeben?
Parteiraison hin oder her, die Entscheidung zum Dienst an der Waffe und die Entscheidung, ob Deutschland, ebenfalls mit der Waffe in der Hand, im Ausland wieder mitmischen darf, beides sind ja wohl Gewissensentscheidungen par excellence. Ganz besonders in Deutschland. Schon vergessen, die Herren in der SPD, den Einmarsch in Polen? Ich dachte, dieses Vorrecht sei auf die anderen Fraktionen weiter rechts beschränkt? Es gibt ja wohl definitiv auch andere Wege, einem Freund in Not beizustehen, aber diese Wege kippen wir mal eben so über Bord.
Wo darf ich denn jetzt hin mit meiner humanistischen Erziehung, und mit mir tausende junger Menschen, wie erklären unsere Herren Parteibonzen sich das jetzt, dass aus "das darf sich nicht wiederholen" wieder ein "die Reihen fest geschlossen" geworden ist? Ich sage nur, "am Anfang war Erziehung". Und für den Hausgebrauch, ja, da lassen wir Euch Adorno, aber jetzt geht wieder spielen, Kinder, das hier ist nix für Euch. Ich würde mich für die Konsequenzen, die da Herr Müntefering angedroht hat, durchaus mal interessieren. Wie hätten die wohl ausgesehen?
Dank New York sind aber jetzt alle so belämmert, dass keiner mehr wagt, aus der Reihe zu tanzen. Dabei wäre genau DAS jetzt Eure Gott verdammte Demokratenpflicht! Anstatt in das allgemeine Kriegsgeheul einzustimmen!
Ich zitiere den SPIEGEL:
"Ein Codewort nur und Hunderte Elitesoldaten, bis an die Zähne bewaffnet, die Gesichter geschwärzt, springen in ihre Maschinen. An steuerbaren Fallschirmen, geführt von metergenauen Ortungscomputern, [...], gleiten sie wenig später geräuschlos über weite Strecken, [...]. Am Boden beginnen die Spezialisten [hier folgte eine Aufzählung der Einheiten, Anm. d. V.] ihr Werk. Es wird, wenn nötig, mörderisch sein. [...] möglichst ohne viel Lärm. Messer, Handfeuerwaffen mit Schalldämpfern und potenziell tödliche Kampfsporttechniken gehören daher zu den bevorzugten Einsatzmitteln."
Würde es sich hier um den deutschen Einsatz in Mazedonien handeln, würde jeder im Bundestag hoffentlich voll Ekel sich abwenden, aber hier ist es erlaubt, ein wenig martialisch zu werden, denn es sind unsere Verbündeten, die Amerikaner, und die dürfen das (hey, wir sind doch die Guten!). Dabei:
Mit ein wenig anderem Ton und etwas mehr Pathos in der Stimme (und hier kommt es nur auf die Art an, wie gelesen wird und nicht mehr auf den Text itself), könnten diese Zeilen (im SPIEGEL ungekürzt immerhin 38) aus dem Stürmer stammen oder aus einem Landserroman. Es sollte uns zu denken geben, wenn der SPIEGEL so schreibt. Und es sollte uns zu denken geben, wenn ein SPD-Mann solche Konsequenzen androht, für Pazifisten.
Ich glaube, wir, die Deutschen, wir verpassen gerade wahrhaftig, aus unserer Vergangenheit zu lernen (bzw. beweisen, gelernt zu haben, nicht wahr? Immer schön rein mit dem Kopf in den USArsch.).
Morgen sind wir nur noch Erfüllungsgehilfen und einer unter vielen und unser Führer heißt LEITKULTUR!

Ein wahrer Freund muss auch einmal NEIN sagen, vor allem wenn er etwas gelernt hat, was der andere nie gelernt hat. Ein Demokrat muss vor allem auch NEIN sagen, wenn ein anderer die Kontrolle über sich selbst verloren hat. Wer würde einem Trauernden schon eine Granate in die Hand geben? Auge um Auge?
Politiker wie Müntefering und andere sollten ihre Zunge besser hüten, sonst wecken sie Totgeglaubtes aus seinen Gräbern. Und sie sollten sich darüber bewusst sein, dass die 6500 Toten von New York dagegen am Ende nur ein Klacks gewesen sein werden. So bitter das klingt. Aber verzeihen Sie, ich werde bitter.


fehlt noch: Raimund Samson

Anhang: Literarische Texte

- GrIngo Lahr: Dichter & Denker? [noch nicht digitalisiert]
- Bert Brune [noch nicht weiter verbreitet]...

 

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