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Louisa Schaefer

HIT HOME

Gerade dachten wir, wir könnten uns weismachen, die Ereignisse des 11. September hätten nicht wirklich stattgefunden, da überrumpelten uns die Vergeltungsschläge der USA: zu einem Augenblick, als wir vielleicht hofften, das Schlimmste sei allmählich ausgestanden, aber wußten, daß es in Wirklichkeit noch bevorstand. Es war nur eine Frage der Zeit.

Ich kam von einem Waldlauf zurück und wollte mich gerade um mein Abendessen kümmern, als ein Freund mich anrief, um mir zu sagen, daß die USA Afghanistan angegriffen hatten. Ich schaltete CNN ein und sah auf dem Fernsehschirm unheimliche grüne Bilder - merkwürdig pixelige Formen von Afghanistan, die mühsam Gestalt annahmen wie beim Belichtungsprozeß in einer Camera Obscura. Verwaschene grüne Landschaften aus „Nachtsichtgeräten", seltsame, wie vom Mars gesendete Signale eines Fernsehkanals, der normalerweise hervorragend zu empfangen ist. Surrealismus versus Professionalismus. Ein blanker Widerspruch, diesmal nicht in Worten, sondern in Bildern.

In einem schwachen Moment würden die Amerikaner sagen: „Wir sind ein junges Land. Wir sind noch nicht erwachsen. Wir hatten nicht genug Zeit, um zu lernen, uns zu entwickeln und das zu ‚sein', was wir sind - Dinge, die erst mit der Zeit und der Erfahrung kommen." Ich frage Sie, ist dies denn das Land, in das wir unser Vertrauen setzen möchten? Ein Land, das die Muskeln spielen läßt, aber wenn es hart auf hart kommt, Unschuld mimt („wir sind so jung und wissen es eben nicht besser"). Eine Unschuld nach Art des Fußballspielers, der gerade jemanden gefoult hat und gleich darauf in einer Gebärde des „Wieso ich? Ich war's nicht!" die Arme hochreißt - bloß daß die Konsequenzen hier ungleich schwerer wiegen. Ich bin zwar keine Mutter, aber ich weiß, daß Erziehung von Kindern auch darin besteht, ihnen das Nachdenken über ihr Tun beizubringen. Sich Ursachen und Wirkungen zu überlegen. Zu lernen, daß sie Verantwortung für die Folgen ihrer Handlungen übernehmen müssen. Jeder Heranwachsende weiß das, und man braucht wahrhaftig keine eigenen Kinder zu haben, um diese Entwicklung, die nicht unbedingt auf ein Endergebnis, sondern auf den Prozeß zielt, zu begreifen.

In den wenigen Tagen nach dem 11. September hingen wir alle bange am Bildschirm und fragten uns, ob die USA Vergeltung üben würden. Nach einer Woche hatten wir unsere Ängste eingedämmt und hofften, der „Krieg gegen den Terror" würde ein leiser, subtiler sein. Ein allumfassendes „Antivirusprogramm", das wir weder sehen noch irgendwie erfassen könnten.

Fast ein Monat verging, ehe am 7. Oktober das Bombardement begann, und schon standen wir wieder am Ausgangspunkt. Die Frage des „fight oder flight" war längst beantwortet: Da die Option des Fliehens durch die Ereignisse vom 11. September hinfällig geworden war, was blieb da anderes übrig als die klassische amerikanische Reaktion, aufzustehen und zu kämpfen wie ein Mann? Mir scheint allerdings, bei den seit dem 7. Oktober von den USA ergriffenen Maßnahmen geht es weniger um Reflektion - den Prozeß, sich zu fragen „was haben wir getan, um das zu verursachen?" - als vielmehr um das Endergebnis. Das, wie manche sagen würden, im Bombardieren besteht.

Als Amerikanerin würde es mir als Verrat angerechnet, solche Gedanken überhaupt nur zu denken, ganz zu schweigen davon, die Frage zu stellen, ob Vergeltung gerechtfertigt ist. Ich würde als naiv und unpatriotisch gelten. Ziemlich wahrscheinlich als „rot".

Aber es kommt hier nicht auf Patriotismus an. Es geht um Reflektion, um das Lernen aus den eigenen Fehlern. Es geht darum, erwachsen zu werden. Darum, „sich den Sand aus den Augen zu wischen". Darum, jenseits der Schablonen zu denken und uns selbst zu fragen, was wir getan haben, um diese Geschehnisse zu verursachen. Es geht um das Bewußtsein, daß man durch Kratzen an der Wunde das Problem nur verschärft.

Ich sitze in Europa, Amerikas älterem Geschwisterkontinent, und wundere mich, daß Europa die Maßnahmen seines jüngeren Gegenparts nicht in Frage stellt. Ich sitze in Deutschland vor meinem Fernseher und schaue die Nachrichten, in denen es heißt, die PDS - die letzten Bruchstücke der Kommunistischen Partei und einstmals ein Arm der ehedem großen militärischen Supermacht Sowjetunion - sei die einzige Partei im Parlament, die sich gegen Vergeltung mit militärischen Mitteln ausspreche. Ich frage Sie: Wo sind die Grünen? Wie soll man heute Amerikanern die Ursprünge der im Pazifismus gegründeten Partei der Grünen erklären angesichts der Tatsache, daß sie sich nun für den Militäreinsatz gegen die Taliban in Afghanistan stark macht? Ohne substantiellen öffentlichen Beweis, daß solche Maßnahmen gerechtfertigt sind? Man möchte glauben, die Deutschen, zuallermindest die Grünen, würden sich auskennen mit den Gefahren von Propagandakriegen. Unterdessen haben die USA auch Unterstützung von England bekommen, einem Land, das von einem Mitglied der Arbeiterpartei regiert wird, die, möchte man annehmen, zur Verteidigung der Benachteiligten gegründet wurde. Meines Wissens galten die USA noch nie als benachteiligt. Nicht einmal am 11. September.

Diese schizophrene Haltung ist der „Terror", mit dem man sich befassen muß. Geht es nur mir so, oder finden andere es auch merkwürdig, Afghanistan zu bombardieren und gleichzeitig „Carepakete" auf die im Umkreis der Bomben verhungernden Menschen abzuwerfen? Carepakete, versichert uns CNN, die sogar als „halal" gekennzeichnete Kekse enthalten. Man darf sich fragen, ob diese Hilfsgüter für Hilfe sorgen sollen oder dafür, die humanistische europäische Welt nicht zu befremden.

Bei alledem gibt es ein paar kritische Geister, die sich gegen die Maßnahmen der USA ausgesprochen und gefordert haben, uns hinzusetzen und nachzudenken. Und zwar gründlich. Leute wie Susan Sontag, Noam Chomsky und Norman Mailer. Oder sogar Ulrich Wickert, der „Walter Cronkite" des deutschen Nachrichtenwesens von heute. Während eines Interviews für die deutsche Ausgabe der Zeitschrift Max verglich Wickert Präsident Bush mit Osama bin Laden bezüglich ähnlicher „Denkstrukturen", das heißt ihrer beider Neigung zu pauschalen Verurteilungen. Viele in Deutschland, zumal die CDU-Konservativen, liefen Sturm gegen diesen Kommentar, was zum Ergebnis hatte, daß Wickert höflich aber bestimmt aufgefordert wurde, sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu entschuldigen. Doch wenn ich mir Aussagen in Erinnerung rufe, die ich in den vergangenen Wochen auf CNN hörte, die Menschen auf der ganzen Welt stünden entweder im „Lager des Glaubens oder des Unglaubens" (bin Laden) bzw. seien „für uns oder gegen uns" (Bush), so meine ich, daß Wickerts Kommentar mehr Gehör verdient. Selbst Bushs militärischer Oberbefehlshaber Colin Powell hat in der Vergangenheit mit seinen Aufrufen zu behutsamer Entscheidungsfindung und seiner mehrmaligen Ablehnung amerikanischer Militärschläge mehr Vertrauen erweckt. Wohl deshalb, weil er offenbar die Welt nicht nur in Schwarzweiß sieht.

Die Amerikaner haben es frühzeitig gelernt, ihre kritische Position zu pflegen und eine Haltung einzunehmen, die auf dem Ergebnis von Reflektionen fußt (ich möchte hier nur die Boston Tea Party als ein Beispiel erwähnen). Die Handlungen der Boston Tea Party waren zwar aggressiv, aber sie führten, wie die Mehrheit der Amerikaner meinen würde, zu positiven Ergebnissen, nämlich der schließlichen Unabhängigkeit Amerikas von Großbritannien. Wichtiger noch, es waren greifbare Resultate: klare Mittel für einen klaren Zweck.

Es bleibt abzuwarten, ob der Angriff auf Afghanistan gerechtfertigt ist. Ob er wirklich einem klaren Zweck gedient haben wird. Wir als CNN-Zuschauer - gewissermaßen Außenstehende, die von draußen hereinschauen auf die sorgfältig konstruierten Erklärungen an die Presse und den verschleierten Innenbetrieb der Regierung - können uns auf wenig „substantielles Beweismaterial" stützen, können die Carepakete nicht recht mit den Bomben in Einklang bringen. So vage und verschwommen die Bilder der Nachtsichtgeräte von der Bombardierung, so auch die möglichen positiven Resultate.

Seit dem 18. Oktober hören wir Berichte, amerikanische „Bodentruppen" durchkämmten Afghanistan. Da wir (aus „Sicherheitsgründen") keine Bilder davon sehen, können wir dessen nicht sicher sein. Indes versichert man uns, diese Missionen würden von besonders ausgebildeten „Elite-Einheiten" durchgeführt.

Aber woher wollen wir das wirklich wissen? Jeder, der sich in den vergangenen sechs Wochen über die Weltnachrichten auf dem laufenden gehalten hat, weiß, daß die Sowjetunion einen zehn Jahre währenden Krieg gegen Afghanistan führte, nur um nach einem langen Blutbad in den gefahrenträchtigen afghanischen Bergen den Rückzug antreten zu müssen. Knapp zwei Wochen nach den Angriffen auf das World Trade Center sprach ich mit mehreren Amerikanern, einer davon ein konversativer, Bush wählender Vietnam-Veteran. Doch bevor ich noch das Wort „Vietnam" in den Mund nehmen konnte, hatte er es bereits für mich ausgesprochen. Und er fuhr fort: „Die Amerikaner gehen an Orte, wo sie nicht hingehören und über die sie nichts wissen." Tatsächlich birgt das Wort „Vietnam" für die meisten Amerikaner einen sinnlosen Krieg (wie oft ist ein Krieg eigentlich sinnvoll?), der sie zwang, den Schwanz einzuziehen wie blamierte Hunde und (letzten Endes) nach Hause zu gehen. Ein Krieg, der ihnen schnell über den Kopf wuchs, weil sie ihn mit der arroganten und ignoranten Überzeugung antraten, sie könnten im Namen der Demokratie ein Land erobern, über das sie nichts wußten und obwohl sie nicht einmal mit dem dortigen Terrain vertraut waren.

Wir als Amerikaner - als vermeintlich „zivilisierte" Wesen - sollen unser Vertrauen in die USA setzen („Entweder seid ihr für uns oder gegen uns"). Gleichzeitig läßt man uns im Dunkeln. Wie kann ich - die ich mit einem Vietnam-Veteranen aufwuchs - um den Gedanken umhin, daß hier keine speziell ausgebildeten „Elitesoldaten" nach Afghanistan gesandt werden, sondern milchgesichtige Neunzehnjährige aus den Maisfeldern des amerikanischen Mittleren Westens? Soldaten, gesandt in ein Land, dessen Geostruktur sie vermutlich in derartige Verwirrung stürzen wird, daß sie zu einer Napalmversion des 21. Jahrhunderts werden greifen müssen. Und dies im Namen der „Gerechtigkeit", vollstreckt an einem ungreifbaren Feind, der nicht wirklich in Afghanistan ansässig ist. Wenn diese Soldaten überleben, werden sie sich dann nicht, wie die Vietnam-Veteranen, fragen müssen: „Was genau haben wir eigentlich in Afghanistan gewollt?". Es ist wahrlich anmaßend und unwissend, zu glauben, eine Auslöschung bin Ladens werde zugleich den Terrorismus auslöschen. Verwendeten die Amerikaner ihre Zeit ernstlich auf den Versuch, die wahren Gründe für die Ereignisse des 11. September zu entschlüsseln, dann hätten sie nicht einmal mehr Zeit für die gegenwärtigen Militäreinsätze in Afghanistan. (Von den tausenden afghanischen Menschen, die durch Gewalt und Hunger sterben, gar nicht erst zu reden).

Auf der anderen Seite der (unserer) Welt hat die indische Schriftstellerin Arundhati Roy eine beredte und detaillierte Analyse darüber vorgelegt, was den Amerikanern ins Haus stünde, wenn sie nur damit anfingen, aufrichtig die Frage nach dem Warum zu stellen. Lebhaft schildert sie in diesem Aufsatz die Dreistigkeit und Verlogenheit US-amerikanischer Außenpolitik, die, wenn wir sie denn zur Kenntnis nähmen, durchaus eine der Wurzeln des Dilemmas sein könnte, das wir jetzt zur Kenntnis nehmen müssen. Das heißt nicht, daß die Amerikaner für die faktischen Ereignisse am 11. September verantwortlich sind. Aber, wie Roy sagt, diese Ereignisse erscheinen nicht „überraschend", wenn wir uns entschließen, dem Problem ins Auge zu sehen. Doch das ist gerade das Problem. Wir wissen alle, daß die Amerikaner Happy Ends lieben. Aber im Unterschied zu den meisten anderen Menschen werden sie alles nur Erdenkliche tun, um ein Happy End herbeizuführen - oder sogar zu erzwingen -, und sie können dies, weil sie eine ziemlich einzigartige Begabung darin besitzen, Denkanstrengungen zu umschiffen, zu verschludern, ja zu sabotieren.

Im Englischen sagen wir, etwas „hits home". Das entspricht dem deutschen Aha-Erlebnis, dem Moment, wo wir etwas blitzartig in seiner ganzen Dimension begreifen. Wo uns „ein Licht aufgeht". Buchstäblich waren die Ereignisse des 11. September gewiß ein Schlag ins Haus. Ob die Gründe dafür allerdings ebenso schlagartig ins Hirn vorgedrungen sind oder nicht, diese Frage zu beantworten bedarf offenbar noch einiger Reflektion. Oder, zum Witz zugespitzt: "How many 'hits home' does it take for something to 'hit home'?" Wie oft muß es in der eigenen Stube einschlagen, ehe es im Oberstübchen eingeschlagen hat? Mit Durchschlagskraft, so scheint es, entscheidet das amerikanische Militär derzeit in Afghanistan.

Köln, 7. & 22. Oktober 2001
(Aus dem Englischen von Stefan Barmann)
(Eine leicht gekürzte Version der deutschen Fassung ist in der 2.November 2001-Ausgabe der Zeitung „Freitag"
erschienen. Siehe auch www.freitag.de, „Muskelspiele" von L. Schaefer)

 

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