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Enno Stahl (Köln):

KLEINE NOTIZ ÜBER DAS RHEINISCHE PRINZIP

Natürlich ist der rheinische Weg des Denkens + Handelns ein anderer als der preussische. Er ist genau genommen anti-preussisch. Das Preussische, von dem es also absticht, ist jedoch kaum mehr als eine Fiktion, da es so gar nicht mehr existiert.
Dennoch taucht "preussisch" als Attribut und Schmähwort gerade heute vermehrt auf - als Erinnerung. Im Rheinland äußern sich darin die Befürchtungen vor dem Zentralismus, es ist das Gespenst einer neuen Besetzung ohne Besetzer. Das Gedächtnis bewahrt dabei (und zurecht) die Idee von maximaler Herrschaft + Bürokratie, der aufgeklärte Protestantismus, die Geistfreundlichkeit - sie werden dabei unterschlagen.
Darin offenbart sich also zweierlei: die fast italienische Obrigkeitsfeindschaft des Rheinländers, aber auch seine katholische Verbundenheit mit treuem Glauben, die in der Ablehnung einer rational begründeten Perspektive gipfelt, obwohl diese allein intellektuell-kritischen Fortschritt ermöglicht hat und in der Zukunft ermöglichen wird.
Das rheinische Prinzip ist also, das Intelektuelle nicht so wichtig zu nehmen. Und das ist der Fehler: als Lebensart mag das taugen und für wirklich angenehmes Dasein zwischen Brauhaus + Gourmettempel bürgen, gewürzt mit angefeuchteten Vernissage-Besuchen, bei denen man alle kennt - ändern an politischen oder sozialen Realitäten wird das nichts.
Vielleicht, mag man einwenden, ist der Rheinländer ja vernünftig und macht kein großes Gewese um die Dinge, die ohnehin bleiben, wie sie sind. Vielleicht...
Womöglich kann man tatsächlich nichts ändern, womöglich bleibt uns nichts als die Realität des Spektakels, dessen Teil wir sind und dessen Fortschreibung in Ewigkeit Amen.
Diese Sicht verkennt nur die ungeheure Energie des Torpedokäfers, dieser Metapher Franz Jungs für sein eigenes Leben, dieses Käfers, der immer wieder und mit ganzer Kraft gegen eine Wand prallt, davon zurück geworfen wieder Anlauf nimmt, um aufs Neue dagegen zu sausen - ein ständiges Summen + Schlagen von Flügeln in der Luft, bis sie dann endlich aufhören sich zu rühren.

 

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