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Philipp Schiemann

MONTAG, 05.12.1999

Bei folgendem Text handelt es sich um einen Tagebucheintrag. Das Tagebuch ist unveröffentlicht.
Unsere Liebe ist aus Stein, konkret, aber aus brüchigem Stein, konkret, wenig flexibel, aus Stein, man kann nicht davon essen. Ich bin getrennt, von allem getrennt, suche händeringend nach einer Verbindung, zermartere mir mein Hirn, würde mein Leben gerne eintauschen, würde gerne den Weg wechseln, doch zu zerfahren scheint mir alles, zu sehr gesetzt, zu tief, zu stagniert, zu orientierungslos. Setze mir meine Kraft aus Erinnerungen und Links in die Vergangenheit zusammen, kann nicht zurück und muß in der Gegenwart bestehen, die scheinbar gleichförmig dahinfließt und mir lediglich eine kleine Irritation bescheren müßte, um mir vollends den Rest zu geben. Mit welch trügerischem Gefühl der Sicherheit in den Tag getaumelt, hart am Riemen gerissen wird um ihm überhaupt ins Auge zu sehen, alternativeloses Dahingesieche mit Hilfe von üblichen Sichtweisen und recht ist jedes erdenkliche Mittel, um es erträglich zu machen, das Dasein, um es ohne permanente Negation und düstere Vision tragen zu können.
Ich fürchte den Tag, an dem mir nichts mehr einfällt, aber auch gar nichts mehr, ich mich ergeben muß und still, stumm, gar nichts mehr wissend, den Anweisungen anderer Folge leistend, die Existenz von unten aufrollen muß, alles neu definieren muß, und auch hier wieder: Die Definition, der rote Faden, der elementar in meinem Bedürfnis enthalten zu sein scheint, das weiße Blatt Papier, die Konstante, das Gleis, nach dem ich mich richten, auf das ich mich verlassen können muß. Ich kann mit Freiheit nicht umgehen, seit dem ich wieder rauche spüre ich meine Endlichkeit mehr denn je, ich wünsche das Bewußtsein für den Tod aus einer ohnmächtigen Not heraus, habe das Gefühl verinnerlicht, nicht wirklich aktiv, unschuldig und unbescholten am Leben teilhaben zu können. "Aber du lebst doch", denke ich, und fühle in mich hinein: Nein, das ist etwas anderes, was hier geschieht, das ist die Abwälzung, das Abstreifen des grauenhaften Leims von meinem Körper, das Herausziehen der subtilen Klebmasse aus meinem Kopf, den Nasenlöchern, den Ohren, den Augen. Ich will nicht mehr denken, nicht mehr reflektieren, mein Über-Ich vergessen, frei fallen ohne Wertung und Angst, Angst, immer nur Angst. Bevor Dinge passieren habe ich ihre möglichen Wendungen, ihren Ausgang, ihre potentiellen Inhalte, ihre bloße Existenz durchdacht, eingeordnet und gesammelt, kann nicht bilderlos und frei hineingehen in eine Erfahrung, immer ist da erst der Zensor, der Schutzmantel, die Isolationshaft. Es gab Zeiten, in denen mir zu weinen mehrere Jahre nicht möglich war. Es geschieht nicht mehr so spontan wie ein Lachen, es ist viel weiter weg und reicht nicht mehr aus, um das auszudrücken, was sich hinter der starren Kruste, dem verschalten und von Stahlträgern eingeschraubten Etwas befindet. Ab und an gibt es einen kleinen Spalt, einen Riß in der Kruste, aus dem ich heraustreten kann und es manchmal auch wage. Es kostet mich Energie, schüttelt mich durch, ist wie Bodenerosion. Eine wandernde Wüste. Es ist mir völlig schleierhaft, wo Menschen ihre Gelassenheit, ihr Hin-Nehmen, ihren oft so unerschütterlichen Glauben an das Gute hernehmen.
Ich sah einen Krankenwagen mit Feuerwehr und Polizeiaufgebot, abends vor einem Haus in einer spärlich bewohnten Gegend, einen Mann der sich zum Fahrerfenster eines PKWs vom "Bosch-Dienst" herunterbeugte, mit dem Fahrer sprach. Der Fahrer weinte, hielt mit einer Hand seine Stirn, die Ampel schaltete auf grün und unser Wagen fuhr weiter. Ich setze in jedes X, jede Unbekannte automatisch die schlimmstmögliche Variante ein - warum? Um vorbereitet zu sein? Aus Schutz? Mein Kopf ist voller Schreckensvisionen, wenn es um Krankheit und Elend geht, bin ich zuhause. Warum? Vielleicht weil ich den Umstand, unter dem Menschen auf der Welt zusammenleben, nicht ertragen kann? Weil ich vielleicht denke, das es von ausgemachtem Realismus zeugt? Oder weil ich nicht verletzt werden möchte? Durch das Unbekannte, noch nicht Geschehene? Weil ich um den Verlust von etwas fürchte, von dem ich noch nicht mal weiß, was es ist? Von dem ich noch nicht mal spüre, ob ich es noch habe? Von dem ich noch nicht mal weiß, ob man es haben kann, ob es überhaupt eine Frage des Habens, Aneignens ist als vielmehr eine Frage der Anwesenheit, des Bewußtseins? Ich spreche von Liebe. In meiner Fantasie ist der Bosch-Fahrer in seiner Eigenschaft als technischer Dienstleister zu einer Familie am Stadtrand gerufen worden, Waschmaschine oder Herd funktionieren nicht, eine Frau öffnet die Türe, die Behausung ist normal eingerichtet, etwas schmuddelig und verwohnt, schlechtes Licht, besorgt steht die Frau im Türrahmen, deutet auf den Herd oder die Waschmaschine, nebenan ist der Mann, vielleicht trinkt er ein Bier oder nimmt das Abendbrot, vielleicht arbeitet er oder ist tot oder getrennt lebend in irgendeiner Wohnung am Stadtrand, vielleicht ist er da oder auch weg oder was auch immer. Im Backofen steckt ein kleines Kind, es ist schwer verbrannt, stemmt schwach die Hände gegen die Türe, ist festgeschmort mit den Händen an der Türe, gibt schwache, unregelmäßige Laute von sich wie eine kleine Katze.
Das ist, was ich sah und sehe, ich sehe das Kind in der Waschmaschine, zerquetscht im Wandschrank, ich sehe jahrelange subtile Pein unter Eheleuten, degenerierte und verstümmelte Menschen, bloßes Dasein, zu einem Klumpen verformt, Pein und stumpfes Leuchten in den Augen, ich sehe keine Gnade, ich sehe einen Mundraub und sie haben ihm solange in den Bauch geschlagen bis er es alles wieder ausgebrochen hat ich sehe keine Gnade und die Zerstörung, die fantasievoll und mit Lust an der Sache ausgestaltete Zerstörung in allen Farben, ohne Gnade, von einer beispielslosen Kälte, ich sehe eine Gruppe von ebenfalls völlig verlorenen Geistern, die sich mit wissenschaftlicher Präzision und psychologischer Raffinesse einen Plan ausdenken, um einen Menschen ihrer Wahl aufs Grausamste zu verstümmeln, ihn zu vernichten mit allen erdenklichen Schmerzen und Varianten, die nur irgend möglich sind. Ich versuche, das Ausmaß der Verlassenheit im Kopf desjenigen auszumachen, dem es widerfährt, das Ausmaß des Schmerzes, der Isolation, der Angst. Die Tiefe, die sich auftut, die entsetzlichen Spielarten, die durch die bloße Existenz eines jeden möglich werden. Es ist monströs. Ich wechsele die Seiten, denke an die Schuld des Peinigers, denke daran, wie unwiederbringlich und irreparabel seine Tat ist, denke daran, daß er nie wieder zurück kann, es ist getan, er war tatsächlich dazu fähig, nichts kann das alles ungeschehen machen. Ich drehe das Rad zurück, kann ihn in der Rolle des Opfers sehen, sehe die weiche und formbare handvoll Wesen, das da mal als Kind war (obgleich ich mir bei vielen Menschen anhand ihres Gesichts, ihrer Taten gar nicht vorstellen kann, daß sie auch mal klein waren, tatsächlich dieser weichen Quelle entspringen) und sehe, wie unmittelbar und ohne Not dies alles zerstört, verformt, zu einem Werkzeug, einem Bediensteten gemacht wird, einer Zahl, einer Null, einem Neutrum.
Gleich gehe ich einkaufen und muß mich zusammennehmen, Haltung bewahren. Ich werde zerstreut und mit halber Kraft irgendwelches Zeug in den Wagen werfen, werde erschlagen sein von dem Angebot, völlig weltfremd auf das Angebot starren, die Informationen nur mit Mühe gewechselt kriegen, die Musik und Werbung im Hintergrund hören, die Werbung ertragen, mich ein Stück dumm und nutzlos mitschleifen lassen um all die Absurdität, all die Absicht, all das vermeintlich nettgemeinte, all das Monströse und in seiner Monstrosität offensichtlich immer noch zutiefst menschliche ein Stück weit leiser zu machen, auszuschalten, aus der Absurdität einen Witz zu machen, wir sind alle hier und keiner weiß warum, die Gesetze und Richtlinien, die Liebe, die Liebe, all das war nicht Lehrstoff in unseren Schulen. Ich wünschte mir so sehr, heil zu sein. Ich weiß nicht, woher dieses Gefühl kommt, das mir sagt, daß ich es niemals mehr sein werde. Ich möchte weinen, weinen.

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