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Guillaume Paoli (Berlin) - Gastkommentar

VORWÄRTS INS PALÄOLITHIKUM
DAS UNBEACKERTE IN DER KULTUR

Das von mir bevorzugte Wanderziel in der Uckermark wurde nicht von Fontane besungen. Es ist das Dreieck zwischen Templin, Lychen und Zehdenick , im Volksmund "Russengelände" genannt, das fünfundvierzig Jahre lang von der roten Armee als Schieß- und Exerzierplatz genützt wurde und weiterhin wegen Minengefahr offiziell gesperrt bleibt. Doch in diesem breiten Landstrich verweisen nur wenige Flecken auf vergangene militärische Tätigkeit. Statt dessen ist dort durch Jahrzehnten konsequenter Nichtpflege eine Art Urwald wieder entstanden, in dem sich der Chaostheorie gemäß ein seltenes und fröhliches Durcheinander von Flora und Fauna entfaltet hat. Es ist Paradox, daß gerade ein Ort, der der Militärtechnologie und Machtpolitik gewidmet war, letztendlich von der Natur zurückerobert werden konnte. Ich meine die wirkliche, anarchische Natur und nicht die grüne, saubere Gestaltung, die für die Freizeit der Städter als Natur vermarktet wird.
Es kann behauptet werden, daß dort die Sowjetunion beiläufig einen dauerhaften Sieg über den preußischen Militarismus errungen hat. Denn an sich sind ja die gewöhnlichen Wälder von der deutschen Forstkunst und deren Manie der tadellosen, geradlinigen und fest geschlossenen Reihen durch und durch militarisiert. Mir kommt es oft vor, als ob diese Buchen und Nadelbäume bloß auf einen Befehl warteten, um loszumarschieren. Deutsche Förster sollten als Kriegstreiber angeklagt werden! Hingegen hat das sowjetische Heer den Wald völlig ignoriert, der Wald seinerseits das sowjetische Heer auch, und so ist trotz aller Raketenschießerei eine Art friedliche Koexistenz zustande gekommen. Im letzten Jahrzehnt konnte sich dann die Idylle ungestört weiterentwickeln, und die letzten Spuren der russischen Besatzung werden nach und nach von Wildwuchs überwältigt..
Es ist beruhigend zu sehen, wie schnell sich das natürliche Leben vom Störfaktor Mensch erholen kann. Dank der Hinterlassenschaft von zerstreutem Sprengstoff ist ein Sondergebiet entstanden, das vom sozialistischen Lager aufgegeben wurde, ohne gleich vom Kapitalismus übernommen zu werden. Die autonome freie Zone schlechthin! Zweifelsohne wird dieser Ausnahmezustand der noch nicht ganz abgeschlossenen Entminung nicht von Dauer sein; danach wird das angekündigte Naturschutzgebiet die übliche Palette von zivilisatorischen Errungenschaften bieten: Jogger- und Gesundheitsstrecken, Freizeitparks, italienische Restaurants und Villen für rheinische Kolonialbeamte. Doch noch herrscht Ruhe im uckermärkischen Dschungel.
Obwohl die Einheimischen selbst keine Angst haben, dort spazierenzugehen, raten sie Fremden ab, Wanderungen im "Minenwald" zu wagen. Offensichtlich versuchen sie auf diese Weise, das Reservat ihrer Lieblingstätigkeit geheim zu halten. Denn der Ort ist auch ein Pilzparadies. Pfifferlinge, Steinpilze und Bovisten werden dort ausgiebig gesammelt, eine Beschäftigung, die dem entzivilisierten Zustand des Sperrgebiets durchaus entspricht: Vom Geschlechtsakt abgesehen (welcher übrigens auch in diesem magischen Dreieck ungestört praktiziert werden kann und wird) ist das Sammeln von Pilzen und Beeren die letzte Tätigkeit, für die nicht bezahlt werden muß. Selbst Angler und Jäger müssen einen Schein erwerben. Hingegen können Pilzsammler der Nostalgie einer geld- und besitzfreien Welt freie Bahn lassen.
In irgendeiner Rinde unseres Gehirns versteckt sich das paläolithische Gedächtnis, und die Wiederherstellung jenes Urzustandes ist der eigentliche Treibstoff jeglicher Utopie. In zahlreichen Mythen wird die Geburt der Landwirtschaft als eine traumatische Erfahrung dargestellt, die Vertreibung aus dem Paradies. Da kann die Moderne nur lachen. Sie weiß genau, daß es um nichts anderes als einen Paradigmenwechsel namens "neolithische Revolution" ging.
Bei einer Tagung über die "Zukunft der Arbeit", zu der ich als "glücklicher Arbeitsloser" eingeladen war, wurde mir ein weiteres Mal vorgehalten, die Arbeit bilde die Grundlage des Lebens. Ich nannte dann eine Reihe von verschiedenen Tätigkeiten und bat die Teilnehmer, sie unter die Rubriken "Arbeit", "Hobby", "Muße" oder "sonstiges" einzuordnen. Erwartungsgemäß wurden Sammeln, Angeln und Jagen einstimmig als Hobby eingestuft. Ich erwiderte, gemäß diesem Urteil müßten neun zehntel aller Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben, als reine Hobbykünstler charakterisiert werden. Und ich zitierte Claude Levi-Strauss: "Die wissenschaftliche bzw. industrielle Revolution des Abendlandes breitet sich gänzlich über eine Zeitspanne aus, die ungefähr einem halben Tausendstel des vergangenen Lebens der Menschheit entspricht. Man sollte also vorsichtig sein mit der Behauptung, sie sei darauf ausgerichtet, dessen Sinn völlig zu ändern."
Vor kurzem bekam ich einen Versandkatalog aus England, in dem seltsame Bücher vorgestellt waren. Es ging um die Technik, Feuer durch Reibung und Stricke aus Pflanzenfaser zu machen, um das Behauen von Kieselsteinen, die Fertigung von Tontöpfen und vieles mehr. Die Bücherreihe hieß optimistisch: "Vorwärts ins Paläolithikum - Mach Dich fit fürs 21. Jahrhundert!". Mir kam das verwilderte Sperrgebiet in der Uckermark in Erinnerung, dieses schönes Sinnbild der Vergänglichkeit, und ich träumte, es würde sich bis zum Potsdamer Patz erstrecken.

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