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Achim Wagner

SCHÖNE VERLIERER ODER: DER SOCIAL BEAT ENTLÄSST SEINE TRINKER

Als Boris Kerenski und Sergiu Stefanescu 1999 die Anthologie, oder besser: den Reader "Kaltland Beat" (Ithaka Verlag, Stuttgart) publizierten, gab dieses Buch zunächst lediglich ein mehr oder weniger umfassenden Überblick über das Schaffen von Autoren und Autorinnen die "damals" dem sog. Literarischen Untergrund zuzurechnen waren, die meisten wiederum dem Anfang der Neunziger Jahre gegründeten Social Beat. Dass diese Szene (als solche) binnen weniger Jahre mehr oder weniger in die Bedeutungslosigkeit verschwinden würde (und "Kaltland Beat" somit zügig zu einer wichtigen Dokumentation und Retrospektive der "ausserliterarischen Opposition" geworden ist), ließ sich so nicht absehen.
Zum einen liegt dies an der Eingliederung etlicher Protagonisten in den herrschenden Kulturbetrieb, zum anderen an der "Erschöpfung" des Potenzials an Rebellion der Social Beatler der "ersten Stunde" (was u.a. durch das Verschwinden des publizistischen Flaggschiffs = "Der Störer", hg. vom einstigen Chefdenker des Social Beat = Jörg André Dahlmeyer belegt wird). Beides verwundert nicht, nach einem Jahrzehnt des Aktivismus'. Bedauerlich ist es aber insofern, als gerade jetzt, da sich das Marktdiktat im Kulturbetrieb vollends durchgesetzt hat, die lauten (und auch versoffenen) Stimmen fehlen, um zumindest ansatzweise eine Gegenkultur zu entwerfen. Zwar gibt es noch altgediente Zines des Social Beat, wie die von Andreas Reiffer betreute "Subh" oder die "Härter" des beständig agilen Frank Bröker, auch kann man die wortgewaltigen Lautsprecher Jan Off und Phillip Schiemann noch auf Slam-Bühnen bestaunen, aber weichspülerische Tendenzen haben den sonstigen Untergrund längst erfasst, was sich an den ansonsten bei Slams vorgetragenen oder in den meisten Literaturzeitschriften anzutreffenden Texten leicht festmachen lässt. Pauschal (und somit auch fehlerhaft) ausgedrückt: Die Autoren der jüngeren Generation (in etwa Jahrgang 1970 bis...) suchen das adäquate Sprungbrett zum Markt. Dass man von seiner Kunst leben möchte, ist selbstverständlich und legitim, dass man aber als Kulturschaffender zumindest einer gewissen kritischen Reflektion fähig sein sollte, müsste ebenfalls eine Selbstvertständlichkeit sein. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass die Spoken-Word-Bewegung aus dem Entwurf der politisch motivierten counterculture resultiert, nicht aus dem Wunsch nach mediengerechter, somit systemkonformer Vorstellung von verhinderten PopmusikerInnen.
Dass es einige Ansätze neueren Datums gibt, Wege abseits des (apolitischen) Mainstreams zu finden, soll nicht verschwiegen werden, in Hamburg existiert "Macht e.V.", im Großraum Bonn-Köln-Düsseldorf die "Rheinische Brigade", in Leipzig gründete sich der "Fünf Finger Ferlag", in Köln die "parasitenpresse", in Hannover die "edition roadhouse". Bei den Initiatoren und Machern trifft man auf altbekannte Namen des Neunziger-Jahre-Untergrunds: Lou A. Probsthayn, Enno Stahl, stan lafleur, Kersten Flenter, Volly Tanner (letzterer hat kürzlich sein von der Leipziger Stadtzeitschrift unter der Überschrift "Porno, Punk & Poesie" rezensierte Buch mit dem gelungenen Titel "Die schönen Verlierer sind immer noch da" bei den oben erwähnten "Fünf Fingern" herausgebracht). Die Ausrichtungen der einzelnen Projekte verhalten sich bislang jedoch heterogen zueinander und es bleibt abzuwarten, ob sich eine gemeinsame Zielrichtung wird entwickeln können. Oftmals sind sie einfach Ausdruck noch vorhandener regionaler Szenen, denen die Kommunikation untereinander weitgehend abhanden gekommen ist.>
Wenig überraschend lässt sich aus Berlin beinahe nichts mehr von einer sich wie auch immer kritisch artikulierenden Literaturszene vernehmen. Gesoffen wird zwar immer noch, aber bitte: ohne auf den Tisch zu kotzen. Der Fairness halber sei darauf hingewiesen, dass sich zumindest rudimentär noch anarchische Tendenzen gehalten haben, siehe: die Auftritte der Surfpoeten; auch die oftmals kritische Diktion in den Texten des slammenden Dichters Boris Preckwitz soll nicht verschwiegen werden.
So wenig ein L'art pour l'art akzeptabel erscheint, sollte auch kein Widerstand um des Widerstands Willen propagiert werden. Eine kritische Distanz zum politischen als auch kulturellen Geschehen (wobei der Übergang natürlich fließend ist) bleibt an dieser Stelle als kleinster gemeinsamer Nenner aber angemahnt.
Cheers!

 

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