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Bert Brune

SEVERINSTRAßE

Hin und wieder besuche ich Jesus. Eins seiner Häuser steht in der Severinstraße. Ich gehe oft diese Straße lang, und machmal trete ich eben ein. Fühle mich hier gleich heimisch. Kann sein, weil ich früher als Kind, wie so viele meines Alters, in solchen Häusern war. Später legen sich diese obligatorischen, als zwanghaft empfundenen Kirchenbesuche. Aber trotzdem - gelegentlich zieht es mich wieder hin. Man weiß ja nie, vielleicht hilft es doch. Stand letztens da und überlegte, ob ich nicht was reinschreiben sollte. Ins Fürbittenbuch nämlich, was am Eingang ausliegt. Daneben hängt ein Stift an der Schnur, und man kann Kontakt zu Jesus aufnehmen. "Hilf mir, daß mein Mann wieder gesund wird und eine Arbeitsstelle bekommt." "Mein sechzehnjähriger Sohn ist schon seit einiger Zeit von Zuhause weggelaufen, laß ihn den Weg zurück zu den Eltern finden."
Es gibt auch ganz konkrete Anliegen. "Lieber Gott", las ich in diesem Buch, "mach, daß ich nächste Woche endlich mal im Lotto gewinne." Oder: "Herrgott, schenke meinen Kindern Reichtum, Erfolg, Liebe und Gesundheit." Zu meiner aktiven Zeit damals wäre die Reihenfolge dieses letzten Wunsches ein wenig anders ausgefallen. Trotzdem gefiel es mir - ohne Umschweife und künstliche Bescheidenheit sofort auf den Tisch legen, wo einem der Schuh drückt - jetzt oder nie. Eine Million im Lotto, das wäre eines Gottes würdig.
"Lieber Gott, mach, daß Clara endlich mal wieder einen lieben Brief schreibt. Lieber Gott, schenke mir ihre Liebe und mach, daß sie morgen oder übermorgen vor meiner Tür steht und mir in die Arme fällt."
Schrieb ich nicht. Aber Jesus kann ja auch direkt die Gedanken lesen, heißt es. Obwohl - schreiben bringt, habe ich das Gefühl, in dieser Hinsicht mehr Power.
Ich stand also in der Severinskirche und blätterte vorsichtig im Buch. Vorsichtig, weil es irgendwie intim war, die Seiten zurück zu blättern, um die Herzensangelegenheiten von den Leuten zu lesen.

Ich gehe gern in Kirchen. Es gibt in Köln über zweihundert, sagt man. Und sie sind gewöhnlich leer. Wenn es regnet oder wenn man Ruhe haben will, kann man überall so eine Kirche finden. Aber die in der Severinstraße liebe ich besonders. Vielleicht wegen der ununterbrochen brennenden Kerzen im Foyer, wo der Hl. Antonius sich gerade mit dem kleinen Jesus unterhält. Und ich gehe dann an den Wänden der Kirche lang und gucke mir die Bilder und Reliefs an. Hier gibt es überhaupt wenig Statuen, mehr Reliefs. Der normale Kirchenbesucher geht vielleicht achtlos dran vorüber - hat sich so an das Vorhandensein dieser Kunstwerke gewöhnt, daß er nicht mehr neugierig ist. Ich versuche, die Neugier wachzuhalten und achte deshalb auf Einzelheiten. Viel nacktes Fleisch gibt es übrigens zu sehen. Die Vertreter der Kirche, die ja nie mit einer nackten Frau konkret zu tun haben - offiziell wenigstens -, die zeigen in ihren Häusern gern nacktes Fleisch. Frauen mit wogenden Brüsten, wenn auch meist im martialischen Umfeld, als unschuldige Opfer auf dem Scheiterhaufen oder wenn am Jüngsten Gericht die Leute wieder hüllenlos aus den Gräbern steigen. Aber es sind hervorragende Darstellungen - Schönheit eben.

Ich gehe durch die halbdunkle Kirche und sehe an den riesigen Wänden hoch, den dicken aufschießenden Säulen, und fühle mich klein. Ist manchmal gut, sich klein zu fühlen, klein und auch unbedeutend. Um mich die Welt als Ganzes, das Universum, der Himmel, das Paradies, die Hölle - und ich stehe unten sehr klein zwischen den Bänken und habe im Grunde wenig zu sagen. Und das beruhigt, das besänftigt, das macht zufrieden. Weil die Wünsche kleiner werden. Der Ehrgeiz wird weniger - der Trieb nach Geld, nach einer Frau vielleicht oder einem langen Leben. Man kann doch nichts machen. Legen wir also unser Schicksal in Gottes Hand. Oder in die Hände des Hl. Paulus oder der Mutter Maria oder eben des Hl. Antonius.

Andererseits hat man auch den Eindruck, die Kirche ist in diesem Augenblick, in dem ich allein hier stehe und zu den Figuren der Bibel hochgucke, nur meinetwegen da. Ich stehe hier und halte Zwiesprache mit diesen Gestalten. Und sie antworten mir, mir allein. Auch die dicken Wände sind nur für mich da. Und auch das Gewölbe erstreckt sich schützend über mich. Und dann das Schweigen. Als wenn man es anpacken könnte, als wenn man es über den Bänken, auf dem Steinboden, zwischen den Säulen sehen könnte. Fühlen auf jeden Fall. Schweigen kann man fühlen. Und es legt sich auf die Seele. Man merkt in diesem Moment, daß man eine hat. Das Zentrum des Menschen wird erst durch Schweigen fühlbar und erkennbar.
Und man geht dann nach einer Zeit wieder ans Licht und hat enorm gewonnen. Vielleicht nimmt diese Seele Energien auf, und wenn es so weit ist, kommt der Drang und man geht wieder rein in eine dieser vielen Kölner Kirchen, zum Auftanken
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