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Achim Wagner (Köln):

VON DER WEISSEN FASSADE

Kerzen brannten auf jedem Tisch. Rote und weisse. Der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien.
Es war Sitte, dass jede/r ein Geschenk mitbrachte; diese wurden in einen Behälter gegeben, wieder an die Klasse verteilt. Zog eine/r das eigene Geschenk, durfte es zurückgegeben werden. Bla, bla. Kurzum: Ich hatte kein Geschenk dabei. Wieso auch. Meine drei besten Schulfreunde waren bereits im vergangenen Jahr von diesem erbärmlichen Gymnasium verwiesen worden, mir stand das selbe in diesem Schuljahr bevor, wie mir von meiner Englischlehrerin wenige Tage vor Weihnachten - im Vorübergehen - mit einem süffisanten Lächeln bedeutet worden war. (Den Namen dieser debilpädagogischen Person habe ich mittlerweile vergessen, ein gutes Zeichen...)
Exkurs: Unser "alter" und mehr als toleranter Rektor war an einem Herzinfarkt verstorben; der Neue (dessen Namen ich wohl nie vergessen werde) wollte Härte beweisen, bewies sie auch: Die aufkommende Politisierung in den Schulen während der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts (u.a. aufgrund des sog. NATO - Doppelbeschlusses, der Atomkraftdiskussion), die auch vor unserem Provinzausleger nicht halt gemacht hatte, überforderte die Fähigkeiten der meisten Lehrkörper. Die einfachste Variante wurde gewählt: Schulauschluss der vermuteten Rädelsführer aufrührerischer Gruppen.
"Wir haben von Ihnen auch nichts anderes erwartet", bekundete mein Klassenleiter, als ich lapidar gestand, Weihnachten zu hassen, an befohlenem Schenken keinerlei Gefallen finden zu können. Für einen Augenblick überlegte ich tatsächlich, mein Verhalten bzw. Nicht-Verhalten zu erläutern; hätte meine Aversion gegen diese ganzen heuchlerischen Tage der Besinnung, der fadenscheinigen Versöhnung , der Pseudo-Friedlichkeit argumentativ untermauern können. Allein: es erschien mir sinnlos, so verzichtete ich darauf.
Die Geschenkübergabe nahm zwei Schulstunden in Anspruch; ich verbrachte die Zeit damit, eine Kurzgeschichte zu entwerfen, wie so oft in diesem Jahr vor dem Rauswurf.
Weiter auf dem Programm standen: Ein gemeinsamer Gottesdienst aller Klassen in der schuleigenen Kirche, danach ein Treffen in der Aula, um dem Gekrächze des Schulchors, Reden des Rektors und der Vertreterin des Elternbeirats zu lauschen. Ich nahm nicht teil.
Stattdessen schlenderte ich durch die winterlichen Straßen meiner kleinen Heimatstadt, besah das hektische Treiben: Plastiktüten schleppende Hausfrauen, Männer mit gesenkten Köpfen, die an den Hausfronten vorbei hasteten. Bald würden sie sich in ihre eigenen vier Wände zurückziehen, ihre Kinder Weihnachtslieder vorsingen lassen. Tatsächlich mag für die Kinder (der westlichen, seit des Anschlags auf das World Trade Center auch: zivilisierten Welt) Weihnachten eine große Freude sein. Sie sei ihnen unbenommen. 18000 Kinder (der "unzivilisierten" Welt) verhungern täglich, ob Weihnachten oder nicht Weihnachten. Die drei reichsten Männer der Welt besitzen mehr an Vermögen als die 48 ärmsten Länder der Erde.
("Wer übt hier Gewalt aus?" fragten zurecht die Globalisierungsgegner im Rahmen des Weltwirtschaftsgipfels 2001 in Genua als Erwiderung auf die vorgeworfene Gewaltbereitschaft ihrerseits.)
Im ersten Weltkrieg unterbrachen England und Deutschland für die Feiertage die Feindseligkeiten an der Front, um sich im Fussball zu messen. Danach "ging's" weiter...
"Bin ich froh, wenn der Stress vorbei ist", artikulierte eine Buchhändlerin laut ihre weihnachtlichen Gedanken an eine Kollegin. Ich stand vor den Buchregalen, schaute mir aus, welche baldigen Errungschaften meiner harren könnten. (Immerhin: Auch ich konnte mit ein paar zusätzlichen Geldscheinen im Zuge dieses jährlichen Freudenfestes rechnen. Meine Eltern ahnten noch nichts von der Katastrophe, die sich in meinem schulischen Lebenslauf anbahnte; Repressalien standen erst für den Sommer bevor.) "Auftauchen um Luft zu holen" (George Orwell, Diogenes Verlag) sprang mich an, und ehe ich mich versah, griffen meine Finger danach, ließen dieses Buch in der Innentasche meiner abgewetzten Lederjacke verschwinden. (Mitunter sind die Geschenke an sich selbst die schönsten.)

Die Feiertage verbrachte meine Familie mit mir in den Bergen. Natürlich gab es in dem Hotel in den Dolomiten einen geschmückten Baum, blickten überall pathetische Engel, das stilisierte Christkind auf mich herab. Natürlich blieb man auch hier nicht von den schauderhaften Weihnachtsliedern verschont. (Die Ausführungen über den Sinn oder Unsinn religiös begründeter Feierlichkeiten mögen andere übernehmen, die Verweise auf gemischtes Heiden- Christentum etc. Erwähnt sei, dass im Falle einer wirklichen positiven Ableitung auf das alltägliche Leben, auf die Umstände überall, sich aus aufklärerischer Sicht nichts dagegen einwenden ließe, so aber ist lediglich ein mehr als fader Beigeschmack zu verspüren... Jahr für Jahr...)
Ich suchte die Ruhe in nächtlichen Spaziergängen, damals in Südtirol, finde sie heute wieder in den allein zu gehenden Schritten, wenn ich meine Familie besucht, meine zwei kleinen Nichten beschenkt habe; blicke von aussen auf die beleuchteten, geschmückten Fenster des Ortes, stosse ab und an auf einen Ausgestossenen, keiner Familie, keiner eigenen Wänden habhaft.

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