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Daniel Schöning

ZWEI ZÄHNE AUS FRIEDEN

Im Gasthaus von Frieden sticht mir flüchtiger Alkohol in die Augen. Die Flaschen liegen kreuz und quer zerbrochen auf den Dielen. Die Stühle wild durcheinander geschmissen, die Tische umgekippt. Das Glas knirscht unter den Sohlen. Auch das Holz der zersplitterten Stühle, die sie von der Empore herunter geworfen haben. Jetzt stehen sie draußen und schreien und grölen und werfen halbleere Flaschen an die Hauswand. "Was willst du noch hier?" schreit der Gastwirt mich an. Sie haben ihn in der Mitte des Lokals an einen Pfeiler gebunden. "Bringt es hinter Euch, ihr Feiglinge!" Sie haben ihn fest angebunden, zusammen mit dem Dynamit so fest angebunden, daß von ihm nichts übrig bleiben wird. Er spuckt mich an. "Du bist nicht nur feige, du bist auch häßlich!" sagt er und hustet.
"Entschuldigen Sie, aber ich gehöre nicht zu denen, nein, wirklich nicht."
"Was willst du? Ich kann dir kein Bier mehr verkaufen, siehst du das nicht?" Schweiß perlt von seinem kahlen Schädel. Draußen Gewehrsalven und Gelächter.
"Ich komme von der Grenze!" sage ich, trete eine Flasche beiseite und mache einen Schritt auf ihn zu. Ich könnte ihn jetzt berühren. "Ich komme von der Grenze, verstehen Sie?"
"Nein, zum Teufel, nein ich verstehe nicht. Was suchst du hier, verschwinde!" Er hustet abermals. Erst jetzt bemerke ich sein Blut, das sein graues Hemd so schwarz macht. "Verschwinde, Verräter!" "Soll ich Sie losbinden?"
"Verdammt noch mal verschwinde!" Seine Stimme vibriert seltsam.
"Verschwinde, sonst töten dich die Anderen!"
"Nein, sie werden mich nicht töten solange ich hier drin bin."
Sein Kopf fällt vornüber. Ich lege meine Hand unter sein Kinn, will seinen Kopf halten, doch sein Kiefer ist gebrochen. Er hebt den Kopf von selbst. Ozeanblaue Augen in einem vertrauten Gesicht und ein paar Haare, die aus den Nasenflügeln herausragen, über dem zerbrochenen Kiefer ein rasiertes Kinn.
"So", sagt er mit Mühe, "sag mir, warum du mich vom Sterben abhältst!" Ich schüttle den Kopf. "Nein, das kann ich nicht sagen."
"Sag es mir, die Anderen warten!" Draußen noch immer Gezeter und Gewehrfeuer. "Ich bin auf der Suche - verstehen Sie mich bitte nicht falsch - aber ich bin auf der Suche nach meiner Meinung."
Der Gefesselte lacht, er lacht mit einem Mal so heftig, daß ihm das Blut aus der Lunge emporschießt.
"Bitte..." sage ich.

Er schluckt und fragt "Wofür in Gottes Namen brauchst DU eine Meinung?" "Wissen Sie" sage ich, " ich möchte mich als Mensch verstehen, und dazu gehört eine eigene Meinung. Jenseits der Grenze erwarten die Menschen eine solche." Er spuckt auf den Boden. "Pah, Junge, ich pfeif auf die Menschen!" Ein Mann stürmt herein, schreit mich an, zerschießt eine Lampe und zerrt mich im Würgegriff nach draußen. "Du willst eine Meinung?" ruft mir der Gefesselte nach, "dann suche meine Zähne, sammle sie und zeig' sie denen, zeig' sie denen, die eine Meinung von dir wollen und vergiß nicht, sie von mir zu grüßen!" Er lacht oder vielleicht hustet er auch. Von draußen kann ich es nicht genau erkennen. Es ist ein warmer Tag.
Nach der Explosion finde ich tatsächlich zwei Zähne. Sie stecken auf einem Stück Kieferknochen und sind sehr gut erhalten. Ich hoffe nur, mich wird niemand nach meiner Meinung fragen.

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