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Alexander Kunz
Catherine Millet
Alexander Kunz
Kirchhoff / Meinecke
Alexander Kunz
Roland Koch in der KHG
Corinne Schneider
Und das Subjekt existiert doch -
Ein Claude-Simon-Abend
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Alexander
Kunz
CATHERINE
MILLET BEI GONSKI / 05.02.2002
Ein wahrer
Hit diese Veranstaltung und ein Überraschungshit noch dazu. Lustigerweise
war die Konkurrenz direkt um die Ecke: Houllebecq liest im Gloria (ein
ehemaliges Pornokino, sic!). Natürlich ausverkauft. Also hin zu Millet,
der neben Houllebecq und Beigbeder dritten französischen Skandalautorin.
Und eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Millet und Houellebecq gibt's
ja auch noch: Es geht nur um Sex, ausschließlich. Der Houellebecq
hat allerdings bislang den Vorsprung in dieser massiven Ausschließlichkeit.
Soll heißen er breitet die These "es geht nur um Sex"
mittlerweile zum vierten Mal erzählerisch aus (3 Romane, 1 Erzählung,
die Gedichte vergessen wir mal ganz schnell).
Ich war dann ziemlich froh, dass ich Millet anstatt Houellebecq gesehen
habe, zumal ich Houellebecq zur Genüge kenne (Bücher, Artikel
in Zeitungen, Gelaber). Bei Catherine Millet war ich leicht vorurteilsbelastet.
Ich hab mir das Buch nicht gekauft als es rauskam, weil ich (als es in
Frankreich erschien) in meiner favorisierten Zeitung FAZ immer so hämische
Verrisse las, von wegen "das ist noch lange nicht die Wiederkehr
des erotischen Romans, vergesst es." Da mag die alte Dame FAZ ja
recht haben, wenn sie Millet nicht neben Miller und Nin stellen will.
Aber was soll denn eigentlich das Etikett "Erotik". Heißt
es "literarisches Niveau" oder heißt es "Verlogenheit",
"schönfärberische Poesie". Ich entscheid mich für
letzteres. Im übrigen startete die FAZ ja auch zum französischen
Kinostart von "Baise moi" einen Verrisskreuzzug in Serie und
das war ja auch ein toller Film, weil Trash.
Eines machte die hervorragend moderierte Veranstaltung mit Catherine Millet
klar. Sowohl die ultratrocken vorgelesenen Passagen, als auch die Diskussion
mit Millet (auch souverän extra-dry gestaltet von der Moderatorin)
rückten die Autorin deutlich in die Nähe von Houellebecq und
damit jenseits von "Erotik" und "Pornographie". Nicht
was die im Zusammenhang mit Houllebecq so viel beschworene Thesenhaftigkeit
angeht, sondern hinsichtlich der Nüchternheit und Kälte der
Betrachtung und Erzählweise, die Aufgeilen verweigert. Und das ist
es was beide Autoren so ausgezeichnet beherrschen, dieser "Schreiben-wie-eine-
Bedienungsanleitung"-Stil. Also bewusst anti-literarisch, sich dem
Olymp der hohen Literatur entziehen, wo eben auch jemand wie Henry Miller
thront. Diese Nüchternheit (oder nennen wir es "neuen französischen
Realismus") ist dann aber zugleich die pure Mimesis. Und deswegen
geht einem ein Autor wie Houllebecq auch so nahe, erst recht, wenn man
seinen Weltschmerz selber so nie erfahren hat.
So wies Millet den Vergleich mit Bataille auch direkt ab. Es gehe nicht
um eine Literatur der Transgression (leider wurde auf dem Thema "Grenzen
überschreiten" auch nach der klaren Beantwortung der Frage noch
zu lang rumgeritten). Millet sieht sich vielmehr in einer Linie mit Marcel
Proust, der sagte "das wahre Leben ist das, was man aufschreibt".
Und wenn man das dann getreu Derrida mit dem Eigennamen doppelt (unter)schreibt,
dann haben wir das wahre Da-Sein, das sich jeder psychologisierenden Interpretation
entzieht. Und das ist doch toll, oder, dass sich das jetzt in der Literatur
wiederfindet.
Zweiter Referenzpunkt von Millet neben Proust war an diesem Abend noch
Casanova, dem das Ausloten von Grenzen ja auch weniger wichtig war als
das Bumsen an sich. Dann gleich darauf die Frage: ist denn Hingabe an
Männer wichtig, Permissivität, soll das zum Ausdruck kommen?
Darauf Millet: Nee, geht nur um Ficken, alles andere egal (vielleicht
sollte mal Houellebecq seine Kollegin fragen, ob sie denn nicht in seinem
geplanten Porno mitspielen will).
Das nächste Stichwort war dann "plaisir oceanique" (wie
ich vermute einer der ganz wenigen metaphorischen, bzw. poetischen Ausdrücke
in diesem Buch). Und dieser Begriff war es dann der sich über den
Dualismus Transgression/Permissivität stellte, der ihn aufhob und
somit auch jenseits von ihm stand. Nachvollziehbarer Vergleich dazu: Ficken
= Atmen. Und das wurde dann auch gar nicht esoterisch ausgebreitet, sondern
sollte nur den Aspekt der Vielfickerei in Catherine Millets Roman verdeutlichen.
An dieser Stelle wurde dann der gute alte Bataille doch noch rehabilitiert,
auch seitens der Autorin, "Verschmelzen mit der eigenen Gattung"
hieß es da. Oder auch "die ganze Menschheit formt einen Körper"
Dann gabs während der Diskussion aber auch noch eine Menge Kurzstatements
die dem Vorwurf des "Fickwahns" (" aber Frau Millet warum
haben sie denn in einer Nacht mit dreißig Männern...) immer
mal wieder den Wind aus den Segeln nahmen. Dies aber nie rechtfertigend,
sondern eher beiläufig, so wie "klar gibt's eine Hierarchie
im Körper, ich denke nicht mit meinem Hintern.", "Intensität
ist nicht auf Geschlechtsorgane zu reduzieren", "Ich achte auch
als Kunstkritikerin (damit war Millet bisher in Frankreich bekannt, Anm.
d. Verf.) auf Körper."
Schade, dass es in den anschließenden Zuschauerfragen dann doch
auf die ein oder andere Weise wieder ums Thema Schamgefühl, Grenzen-überschreiten
usw. ging, obwohl dies von der Autorin doch schon ausreichend beantwortet
wurde (ein "Darum geht's nich!" sollte doch klar genug sein).
Die eine wollte wissen, wo denn der liebe Gott geblieben sei (Millet:
"Religion konnte keine Grenzen setzen, weil Sex hat meinen ursprünglichen
Gottesglauben abgelöst") der nächste meinte so exzessiv
ginge es ja wohl nicht, wo denn da die Grenzen seien (gähn, schon
wieder). Ganz schön dreist dann auch noch Millet einen Psychoanalytiker
zu empfehlen, aber auch ganz schön gestört so eine Empfehlung.
Die dritte Dooffrage: Ist Sex denn bei Ihnen so ähnlich wie Drogenerfahrung?"
Aber junger Mann, das hat Catherine Millet doch schon mit "plaisir
oceanique" beantwortet (allgemein akzeptierte Analogie seit ca. 1000
Jahren ist es darüber hinaus).
Als dann die vierte Frage kam, ob Frau Millet denn auch Kinder habe und
wenn nicht, ob sie das denn unglücklich mache, hat mich dann doch
so langsam die Uhrzeit interessiert.
Ein wirklich gelungener und schöner Abschluß des Abends war
die Vier-Stufen-Erläuterung der Moderatorin zum "Phänomen
Millet" (und damit auch zum Skandal): 1. Catherine Millet macht das
wozu sie Lust hat (Sex) 2. Sie schreibt darüber . 3. Hat noch nicht
mal ein Minimum an Schamgefühl. 4. Sie verdient auch noch Geld damit.
Ich werde mir das Buch kaufen.
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