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Olaf Karnik Stefan
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Kasnitz adrian
kasnitz Adrian Kasnitz Die
besten Bücher 2003 Olaf Karnik |
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Corinne
Schneider:
"Was ist
Philosophie?" heißt der Titel der neu übersetzten Abhandlung
des Philosophen Gilles Deleuze (gest. 1995) und des Psychoanalytikers
Félix Guattari (gest. 1992). Erstmals erschien sie 1991 in Paris,
also ein Jahr bevor eine langjährige und fruchtbare Zusammenarbeit
zu Ende gehen mußte. Dieses Buch ist ein Spätwerk. Ein Philosph
und ein Psychoanalytiker, die sich auf sich selbst besinnen, eine Bilanz
ihres Tuns ziehen. Die Hauptfiguren ihres Buches sind Philosophie, Wissenschaft,
Kunst, Gehirn und Chaos. In der Philosophie kreist alles darum, Begriffe zu erschaffen. Sie kommen auf einer Immanenzebene vor, die gleichermaßen von Philosophen erschaffen wird, aber von den Begriffen verschieden ist. Um eine philosophische Form für die Probleme dieser Zeit (1991) zu finden, werden Begriffe gesucht, die neue Variationen und unbekannte Resonanzen spürbar machen. Es gibt immer noch etwas Neueres als das, was gerade begrifflich gefasst wird, da jeder neue Begriff eine neue Zukunft gebiert. "Das Denken selbst ist manchmal einem verendenden Tier näher als einem lebenden Menschen und sei er Demokrat." Bei diesen Worten Deleuzes / Guattaris fällt uns das Märchen vom Hasen und Igel ein. Während der Zeit, die Philosophen brauchen, um einen neuen Begriff für vormals Neues zu schaffen, ruft schon das neue Unbekannte: "Bin schon da!" und hetzt sie weiter. Ein unaufhörliches Wechselspiel. Die Immanenzebene hat zwei Seiten: Denken und Natur. Sie ist das Bild, das sich das Denken davon gibt, was Denken bedeutet. Denken und Sein ist dasselbe. Die Elemente, die in Begriffen vorkommen, können jedoch mit unterschiedlichen Merkmalen, auch auf der Immanenzebene vorkommen. Elemente der Begriffe umfassen intensive Ordinaten endlicher Bewegungen. Elemente auf der Immanenzebene sind diagrammatisch und zeichnen Bewegungen des Unendlichen. Auf der Immanenzebene haben wir den absoluten Horizont stets schon erreicht: Die Nadel ist zugleich der Pol. Der Entwurf der Immanenzebene greift auf irrationale Mittel zurück. Man läuft auf ihr "bis zum Horizont, man kehrt mit roten Augen zurück, selbst wenn dies die Augen des Geistes sind. Denken heißt stets einer Hexenlinie folgen." "Die Immanenzebene sei gleichzeitig das, was gedacht werden muß, und das was nicht gedacht werden kann." Philosophen führen Begriffspersonen ein, keine ästhetischen Personen, sondern eher Nach-Denker, die als Teile ihrer Begriffe und deren Immanenzebene die Bewegungen ihrer Autoren nachvollziehen. Ein Begriff besetzt ein Territorium: Er existiert als ebene Fläche und hat eine vergangene, gegenwärtige und vielleicht zukünftige Form. Die Philosophie reterritorialisiert sich dreimal; in der Vergangenheit an den Griechen, in der Gegenwart am demokratischen Staat und in der Zukunft am neuen Volk und der neuen Zukunft ("Bin schon da!"). Wissenschaftler ersetzen Transzendenz duch Referenz. Sie bilden Funktivketten mit Hilfe von Variablen, die auf einer Referenzebene unter Verzicht auf unendliche Geschwindigkeiten relative Wahrheiten erzeugen. Im Unterschied zu Philosophen führen Wissenschaftler Partialbeobachter ein, die sich auf die Funktionen in ihren Referenzsystemen beziehen. Das leidenschaftliche Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion spiegelt sich in der Suche nach einem "einzigen Gesetz, einer einzigen Kraft oder einer einzigen Wechselwirkung", jedoch verhindert die Ersetzung jeglicher Transzendenz durch die Referenz die Vereinheitlichung der Wissenschaften. Kunst ist Komposition, ist Arbeit an der Empfindung. Sie arbeitet auf einer anorganischen Kompositionsebene mit ästhetischen Figuren. "Das Ziel der Kunst besteht darin, ein reines Empfindungswesen zu extrahieren. Dazu bedarf es einer Methode, die je nach Autor anders ist und zum Werk gehört." "Die Kunst zerstört die dreifache Organisation der Perzeptionen, Affektionen und Meinungen, um sie durch ein zusammengesetztes Monument aus Perzepten, Affekten und Empfindungsblöcken zu ersetzen, die für die Sprache stehen." Dieses "zusammengesetzte Monument" besteht auf drei Stufen: Zunächst ist da der Leib, der Körper, der auf der nächsten Stufe in ein Haus oder Gerüst eingebettet ist. Die dritte Stufe ist erreicht, wenn die endlichen Verbindungen der farbigen Ebenen den "Moment des Unendlichen" erreichen, zur Welt werden. Diesen übergang vom Endlichen zum Unendlichen bezeichnen Deleuze und Guattari als übergang vom Territorium zur Deterritorialisierung in der Kunst. Nun treten Gehirn und Chaos auf den Plan: Wo das Gehirn "Subjekt" ist oder wird, denkt nicht mehr der Mensch. Das Gehirn denkt - der Mensch ist lediglich zerebrale Kristallisierung. "Das Gehirn sagt Ich, aber Ich ist ein anderer,... und dieses Ich ist nicht nur das "ich begreife" des Gehirns als Philosophie, es ist auch das "ich empfinde" des Gehirns als Kunst. Die Empfindung ist nicht weniger Gehirn als der Begriff." Das Gehirn ruht im Chaos, einem virtuellen Vakuum ohne Konsistenz und Referenz" in dem alles mit unendlicher Geschwindigkeit passiert. Deleuze und Guattari bauen ein analoges Denkmodell für die abendländische Transzendenz: Das Chaos besitzt drei Töchter je nach Ebene, die es schneidet: diese sind die Chaoiden, Kunst, Wissenschaft und Philosophie als Formen des Denkens oder der Schöpfung. Alle drei Disziplinen beziehen sich auf ein gegensätzliches Nicht: Nicht-Philosophie, Nicht-Wissenschaft und Nicht-Kunst unterscheiden sich zwar in bezug auf die Gehirnebene, jedoch nicht bezogen auf das Chaos. Im Chaos werden sie ununterscheidbar, "als teilten sie sich denselben Schatten." "Was ist Philosophie?" ist eine Frage, die jeder Philosoph fragt. Hier ist sie Titel, aber auch die Antwort auf die Frage. Deleuze und Guattari beschreiben hier die Suche selbst, die Antwort gibt; den unermüdlichen Versuch antwortende Fragen zu stellen. Gilles Deleuze
/ Félix Guattari: "Was ist Philosophie?". Suhrkamp Verlag, Frankfurt
am Main 2000. 263 S., br., 19,90 DM Corinne Schneider |