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Philip Grabinski
Ich steh auf Dicke ...
Alexander Kunz
Diderot vs. Hornby
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Philipp
Grabinski:
ICH STEH AUF DICKE
oder
Romane in Maßen und Gewichten
ICH STEH
AUF DICKE oder Romane in Maßen und Gewichten Novelle! Erzählung!
Kurzgeschichte! Wer liest denn sowas? Hastig heruntergeschlungene Canapees,
literarisches Fingerfood für bramabasierende Lesungsgänger.
Ich brauche die ganz dicken Dinger, die Wälzer. Schwarten ab 1000g,
die schwer in der Hand liegen und mir das Kreuz brechen, wenn ich sie
überall mit hin schleppe, und das muß ich, wenn ich sie in
einem vernünftigem Zeitraum durchlesen will. Ab 500 Seiten klingelt
bei mir das silberne Leseglöckchen, und meine Aufmerksamkeit wird
erregt, aber erst die Tausendseiter erhöhen meinen Puls.
Natürlich sprechen wir hier nicht von einem Clancy, Follett oder
Michener. Das kann der Bücherwurm Petra S. aus Bochum unter http://www.f1.parsimony.net/forum1520/
messages/2019.htm gewiß tausendmal besser...
Selbst wenn sie mit 1,316 Millionen Wörter glänzen würden,
wie dereinst Proust. Das dicke Buch soll schließlich nicht nur dick
sein, sondern auch noch unbekömmlich, schwierig, vertrackt. "Die
dekonstruierte Fabel ist jeweils autoreflexiv und autopoietisch und spielt
ständig mit der Grenze zwischen dem Realen und dem Imaginierten.
In der dargestellten Welt scheint es nichts zu geben, was nicht den Anschein
von Fälschung und Täuschung, oder doch wenigstens den des Artifiziellen
und Virtuellen erweckte." (L. Hagestedt, literaturkritik.de) Herr Hagestedt
spricht über Coover und Gaddis. Des Letzteren 1150g schwere "Fälschung
der Welt" lastet gerade in meiner Hand, und wenn Du auf Seite dreihundert
bist, hast Du immer noch einen 4cm dicken Buchblock in Deiner rechten
Hand. Die Novellisten schließen bei Seite 300 schon ihre zweite
Erzählung ab, gespickt mit dahinskizzierten Charakterentwürfen,
die sich auf dem engen Raum einer Kurzgeschichte kaum entwickelt haben
und zum Schluß einfach dastehen oder den Leser stehen lassen. Gaddis
hat nach 300 Seiten es gerade mal für nötig gehalten, den Windhauch
einer Andeutung auf eine irgendwie geartete Fälschung zu machen.
Macht ja auch nichts. Oder um den Kindler zu bemühen: "...die Montage
der Sequenzen, der Zusammenfall von Erzähl- und erzählter Zeit
sowie die grotesken Zusammenstöße von Menschen und Dingen im
Raum machen den eigentlichen" - und jetzt kommt es! - "ästhetischen
Reiz des Romans aus. Schön gesagt, wenn es sich auch auf Gaddis'
"JR" bezieht, aber für die "Fälschung" genauso gilt. Und dieser
ästhetische Reiz ist es, der nicht lang genug sein kann, dieser Reiz
muß maßlos sein.
Raum für ausufernde und verwirrende Weitschweifigkeiten "sollen dem
Leser das Gefühl vermitteln, bewußt und doch unwissend in das
System verstrickt zu sein" (wieder Kindler, diesmal über Pynchons
"Enden der Parabel") oder Nebenschauplätze und Personen, die mit
der Handlung wenig zu tun haben - an die 400 Personen allein im o.g. -
, welche epische Anekdoten zum besten geben (noch jetzt die Hände
reibend denke ich gerne an den sprechenden gelahrten Hund und den Enten-Automaten
aus "Mason & Dixon" zurück, deren Geschichten allein den Umfang einer
Novelle übertrumpfen), alles das findet sich nur in breit angelegten
Romanen, und nicht nur in postmodernen. Nein, Thomas Manns Joseph-Roman
mit knapp 1800 Seiten oder Melvilles "Mardi" können da gut mithalten.
"Papperlapappschnickschnack" ruft da der erboste Kurzgeschichtendichterling.
"Ich feile an jedem meiner Sätze und Wörter und brauche ein
ganzes Jahr für 80 Seiten!!" Pah! 20 Jahre liegen zwischen der "Fälschung
der Welt" und "JR", und trotzdem ist jeder Satz geschliffen und facettiert,
ohne Qualitätsverlust nach 1000 Seiten. Wer will da schon, daß
dieses Buch aufhört? Und die Anstrengung, die es manchmal braucht,
um sich lesend durchzukämpfen, weil ein Satz geschliffener als der
eigene Verstand ist, ist schließlich nur dankbarer Respekt gegenüber
der Anstrengung, die es wahrscheinlich brauchte, um sich schreibend durchzukämpfen,
weil der eigene Verstand zu geschliffen ist für die Sprache.
Und wenn nach über tausend Seiten die Enden der Parabel wieder zusammenführen
oder nach 1,316 Mio. Worten die in Tee getauchte Madeleine wieder ins
Gedächtnis schlüpft, dann ist das die ferne Erinnerung an eine
Zeit, als wir anfingen, dieses dicke Buch zu lesen.
Feed your
brain, read a fat tome!
Philipp Grabinski
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