| Archiv | x | ||
|
Olaf Karnik Stefan
Heuer Axel Dielmann Adrian
Kasnitz adrian
kasnitz Adrian Kasnitz Die
besten Bücher 2003 Olaf Karnik
|
Axel Dielmann Alles umgekehrt! Es ist ein wenig umgekehrt, als es sonst im Leben (und das schließt einstweilen noch die Buchbranche mit ein) ist: Schon der Name dieser Autorin mutet ein wenig erfunden an, wo sonst junge Autorinnen dieser Tage ganz knappe, ganz bodenständige Namen tragen, schnell einprägsam, wie ein Markenartikel das eben braucht - dafür sind dann die gängigen Erzählungen oft genug höchst elaboriert, um nicht künstlich und erlebensarm zu sagen. Aber eben auch das ist bei Birke Meyer-Suchsland umgekehrt: Jede der sieben Erzählungen in "Das violette Zimmer" begibt sich auf das Glatteis eigenwilliger Erlebnisse und Lebenszustände. Wo das Erzählen der in die (letzten fünf) Jahre gekommenen Fräulein-Erzählwunder eher vor großen Abenteuern zurückschreckt, die die Fräuleins vollmundig herbeireden, da macht Meyer-Suchsland mutig miniaturisierte Szenen auf, spielt sie mit Wortwitz und fabulierender Abenteuerlust durch. Gleich die Eröffnungs-Erzählung gibt das seit Kafka erprobte, aber selten so leichthin gelingende Setting vor: In "Kristall und Nebel" wird eine junge Frau von einem "professionellen Zuhörer" betreut; ihre profunde Weltfremdheit reicht aber nicht hin zu übersehen, dass er ihr zwar jedes Mal Komplimente macht, sich aber weigert, ihr "einfach so" und also unentgeltlich zuzuhören, so dass auch hier keine Heilung möglich ist, nur (erneute) Kränkung. Als dann noch von der Schwester zu erfahren ist, dass "der Mann, zu dem sie immer ging, seit ihr diese Sache zugestoßen war, sie jedes Mal küsste", wird kurzerhand eine orientalische Sprüchesammlung zu Rate gezogen. Mit der östlichen Erkenntnis "Ein Kompliment ist ein Kuss durch einen Schleier" wird nun dem komplimentstarken Zuhör-Profi so zuleibe gerückt, dass ihm das Hören vergeht und man sieht, wie er hilflos von "Meinefrau" und sich selbst zu stammeln beginnt. Geschickt sind die sieben Texte des 58 Seiten schmalen Bändchens über die Erzählerin und ihr - man möchte sagen: bürgerlich-gestörtes Umfeld mit einander verzahnt. Vorgeführt werden dabei alle nahen und fernen Verwandten und Bekannten und sonstigen Figuren liebevoll, nie wird die Erzählerin arrogant, wie dies andernorts derzeit üblich ist, wenn aus Satire nichts weiter an Zustandsbeschreibung herauszupressen ist als der kurze Lacher eines mittelcleveren Comedian. - Birke Meyer-Suchsland scheint sehr genau erkannt zu haben, dass noch hinter dem winzigsten Tick ganze Welten an Monstern ticken. Und sie lässt sie vor uns frei. Immer droht diesem violetten Biotop der Wahnsinn. Immer scheint zwar mehr oder weniger be- und gerufene Hilfe zugegen - psychiatrische, familiäre, erotische, elterliche, Freundeshilfe -, immer aber entpuppen sich die Hilfeleistenden als weit weniger normal und kippen noch rascher um als die offenbar leicht Verwirrten. Erfreulich wiederkehrend sind die Mächtigeren, die Normalen, die Selbstgewisseren durch kleine Verschiebungen seitens der scheint's Verrückten aus der Bahn und dem Selbstverständnis herauszuhebeln - man möchte gar nicht aufhören, solche Erzählungen eine nach der anderen zu lesen, wie man nicht aufhören kann, Seifenblasen aufzublähen, um sie im Moment ihres protzigsten Schillerns lustvoll zerplatzen zu sehen. Großartige Feinheiten bekommt man in dieser "Herben Landschaft" - so der Titel einer der Erzählungen - zu lesen, beispielsweise wenn die peinliche Verwandten-Besuchsstunde an einem Krankenbett zu überstehen ist und es von der "Kranken" heißt, sie "bügele verlegen mit der flachen Hand eine Falte aus dem Bettzeug"; oder wenn sich eine verschworene Clique nur mäßig geliebter Cousinen auf der Hollywoodschaukel breit macht und die Erzählerin wegdrängt, für das Familienfoto indes scheinheilig "alle mit einer raupenhaften Bewegung zusammenrückten"; oder wenn die allgegenwärtige Anstalt zu Begegnungen menschelndster Art führt: "Übers Wochenende ist der Pfleger nicht da. Unter der Woche begegnen wir uns mehrmals täglich an meinem aufgekrempelten linken Arm, auf dem wir gemeinsam herumdrücken, wenn kein Blut mehr kommt." - Für solch einen Bluterguss würde ein Bram Stoker ganze Dracula-Schlösser voll Lucys und Minas hingeben! Hin und wieder macht es sich Birke Meyer-Suchsland vielleicht ein wenig einfach, wenn sie die von ihr sehr präzise entwickelten Erzähltricks etwas zu oft anwendet - der schönen "Meinefrau" des ins Erzählen geratenen Profi-Zuhörers folgt in der Titel-Erzählung die Burleske eines "Professordoktor" nach und in einer großartig den Literaturbetrieb aufs Korn nehmenden Erzählung "In den falschen Bahnen" wird ein adorierter Dichter zu geckig wiederkehrend "mein Dichter" genannt; oder wenn die Komik aus über mehrere parallele Handlungen und Figuren gespannten Ellipsen etwas strapaziert wird; oder ... oder aber das sind eher belanglose Mäkeleien gegenüber einer ansonsten vergnüglich zu lesenden, dabei gewieft und in Satzeseile in skeptische Gesellschaftsbetrachtung verstrickenden Erzählerin. "Selbst wenn mein Dichter ganz normal spricht, klingt es doch ganz anders", heißt es hier von Schriftstellervorbildern in repräsentativen Literaturhäusern ironisch (ein Schelm, wer das Literaturhaus in einer "Villa mit einem Kronleuchter in der Eingangshalle und schwarzen Ledersesseln im Kaminzimmer, in die man sehr tief einsinkt" wiederzuerkennen meint), und der Satz endet: "und zum Lachen." Beides darf man der Autorin selbst ganz unironisch attestieren. - Alle ihre Geschichten und ihre Situationen sind in feiner Absurdität und ganz leichthändig anmutend aufgebaut. Man meint rasch zu wissen, was jeweils kommen, wie der Bogen sich schließen wird - und doch bleiben alle diese Kleinode wundersam überraschend. Und so darf man prima gespannt bleiben auf die weiteren Arbeiten der Autorin Birke Meyer-Suchsland. Birke Meyer-Suchsland: Das violette Zimmerund andere Erzählungen, 58 Seiten, ISBN3-8267-5342-9, 7,40 Euro |