Adrian
Kasnitz
DREI
STRASSEN IN TEXTEN. MAJAKOWSKIRING, SCHÖNHAUSER ALLEE UND VENLOER
STRAßE
Die Epoche
des Raumes besteht für Michel Foucault in der Juxtaposition. Es
ist eine Epoche des Simultanen, des Nahen, des Fernen, des Nebeneinander,
des Auseinander. Die Straße als Projektionsraum für Entwicklung
und Stillstand, für Krise und Kreislauf und für Akkumulation
verschiedener Vergangenheits- oder Bewusstseinsschichten beschreiben
drei neuere deutschsprachige Texte.
Der Majakowskiring im Ostberliner Stadtbezirk Pankow ist eine Ringstraße
mit Villenbebauung. Von der SED wurden die Gebäude für repräsentative
Zwecke eingerichtet. Eines wird heute wie damals von Schriftstellern
genutzt. Heute allerdings fühlen sich die Besucher der Literaturwerkstatt
weniger behelligt als damals die Gäste der Republik. Was Marlene
Streeruwitz in ihren "Majakowskiring" aufnimmt, ist nicht
so sehr das geschichtliche oder politische Umfeld dieser Straße
- es bleibt dennoch nicht inaktiv - sondern eher die Ringbewegung ,
die die Krise einer Frau im mittleren Alter widerspiegelt. Ähnlich
dem Straßenring findet sich auch die Protagonistin am Ende jeder
Liebesbeziehung am Ende und gleichzeitig am Anfang des Beziehungskreislaufes,
der jedoch immer zum Scheitern verurteilt ist. Immer sind es die Männer,
die die Frau verlassen. Sie schöpft zwar aufs Neue Mut, dass es
diesmal von Dauer sein könnte, doch die Enttäuschung bleibt
nicht aus. Die Aussicht auf grundlegende Veränderung bleibt genauso
beschränkt wie die Aussicht, die die Protagonistin aus ihrem Fenster
am Majakowskiring genießt. Aber in einem Alter um die 50 kann
sie sich nicht mehr auf ihre Attraktivität verlassen. Denk- und
gangbar ist schließlich ein Weg raus aus Pankow, eine Loslösung
aus bestehenden Bindungen.
Von Pankow gelangt man über die Schönhauser Allee nach Prenzlauer
Berg. In der Mitte der Allee thront die U-Bahn auf Stelzen. Dies ist
das Revier von Wladimir Kaminer. In seinen Erzählungen versucht
er den Raum in seiner Veränderlichkeit und die Bewohner in ihrer
Absonderlichkeit aufzuzeigen. Ihm schwant jedoch eine multinationale
Schönhauser Allee vor, die in dem relativ ausländerfreien
Prenzlauer Berg paradox erscheint. Seine Personage ist eine Karikatur.
Wieder einmal zeigt sich, dass Literatur, die auf der Bühne funktioniert,
nichts im Buch verloren hat.
Erfolgreicher betreibt Peter Rosenthal die Multinationalisierung eines
Raumes. Die Venloer Straße in Köln-Ehrenfeld bildet für
ihn eine Achse vom Kölner Dom über die Moschee an der Ecke
Innere Kanalstraße bis zu den Ruhestädten West- und Jüdischer
Friedhof und der Synagoge in Pulheim. Der trostlose Alltag, das babylonische
Sprachgewirr und die Koexistenz von Ethnien werden sowohl von jüdisch-deutscher
Geschichte überlagert als auch mit Balkanepisoden aus der rumänischen
Heimat des Autors vermengt. Dieser Kunstgriff bringt uns zwar den Balkan
näher, ist jedoch dem Naheliegenden, nämlich der Straße
selbst, weniger förderlich. Wer eine Abbildung der Venloer en détail
sucht, irrt bei diesem Buch. Die Stationen oder Zugänge zu anderen
Bewusstseinsebenen, die Rosenthal bietet, bleiben leider nur auf jüdische
beschränkt. Ein genaueres Hinsehen bei den anderen Anwohnern wäre
sehr reizvoll gewesen.
Texte:
Michel Foucault: Andere Räume, in: Zeitmitschrift 1 (1990).
Wladimir Kaminer: Schönhauser Allee, Goldmann, München 2001.
Peter Rosenthal: Entlang der Venloer Straße, Igel Verlag, Oldenburg
2001.
Marlene Streeruwitz: Majakowskiring, S. Fischer, Frankfurt/M. 2000.