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Isabella Löhr

EWIGER KRIEG FÜR DEN EWIGEN FRIEDEN.
WIE AMERIKA DEN HASS ERNTET, DEN ES GESÄT HAT

Das Böse sitzt in den eigenen Reihen und muss dort aufgespürt werden. Die USA ist ein "Imperium" und ein schlechtes dazu, in dem nichts mehr vom republikanischen Geist seiner Gründerväter übrig geblieben ist, lautet Gore Vidals Botschaft. In sechs Essays versucht er das mit Fluten von Material zu unterlegen und den alten Geist seines Großvaters, Gründer des Bundesstaates Oklahoma (das Familiengeheimnis dabei: er war Atheist) gegen das neue republikanisch-demokratisch getarnte Großimperium seines Verwandten Al Gores wieder zu beleben.

Die in allen Essays ähnlich verlaufende Argumentation konzentriert sich gänzlich auf die politisch-weltanschaulichen Maximen und Prinzipien der jeweiligen Regierung seit 1947. Es war, so die These, Harry Trumans Entscheidung - an einem genau datierten Tag im Februar 1947 - die amerikanische Wirtschaft auf eine "Militärwirtschaft" umzustellen, die das Ende der repräsentativen Demokratie bedeutete. Denn eine Rechtfertigung der Militarisierung des Staates bedurfte und bedarf einer umfassenden Panikmache und Mobilisierung der Bevölkerung, indem der Horror des immer vor der Tür lauernden Feindes beschworen wird, mit dem der aggressive Sicherheitswahn begann und der sich bis heute in seiner Grundanlage nicht wesentlich gewandelt hat: Verfassungs-, Bürger- und Freiheitsrechte werden von der Exekutiven, Legislativen und Judikativen gleichermaßen zeitweilig ausgesetzt und die Hälfte des Steueraufkommens fließt in den Rüstungs- und Militäretat. So ist für Vidal die Unterscheidung zwischen Demokraten und Republikanern nicht wesentlich, lassen sich doch beide mehr von militärpolitischen als von rechtsstaatlichen Erwägungen leiten.
Vidal versucht ein Wirkungsbild der amerikanischen Führungsriegen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu zeichnen, das den Blick richtet auf deren Verstrickungen mit US-amerikanischen Großkonzernen, Lobby- und Interessenpolitik, auf das Pentagon als bedeutsamer politischer Entscheidungsträger und -beschleuniger und auf die zersetzende Interpretation verfassungsrechtlicher Grundsätze gegenüber einer traditionsreichen politischen Rhetorik eines freiheitlichen, demokratisch-republikanisch Rechtsstaates. Diese augenscheinliche Differenz zwischen Reden und Handeln wird ins Zentrum gerückt: Innenpolitisch macht Vidal sie fest an der stark einseitigen Bevorzugung der Wirtschafts- vor der Sozialpolitik und dem immer mehr unterwanderten juristischen und politischen Schutz der amerikanischen Grund- und Freiheitsrechte, deren Aushebelung gerade mit dem Argument ihrer besonderen Schutzbedürftigkeit und Fragilität geschieht. Außenpolitisch zitiert er das Auseinanderklaffen zwischen dem Duktus des Friedensengels in Polizeiuniform und einer kriegerisch-militanten Aggressionspolitik, die jeden vernünftigen Katalog rechtsstaatlicher Grundprinzipien vermißt. War das Böse 1947 russisch, ist es heute personal und heißt Osama bin Laden und Timothy McVeigh, die die Angelpunkte sind, an denen Vidal seine Diskussion aufhängt: Timothy McVeigh, der Oklahoma-Attentäter, als Inbegriff des wahnsinnigen, jeden Vernunft-Gedankens unfähigen innenpolitischen Feindes (Denn wenn er nur eine wenig vernünftig wäre, hätte er das Murrah-Gebäude in Oklahoma, so die öffentliche Anklagelogik, natürlich nicht in die Luft sprengen können) und Osama bin Laden als derzeitige Verkörperung des stets drohenden Unheils.

"11. September 2001 (Ein Dienstag)" berichtet ein wenig über Osama bin Laden, über die Konflikte zwischen der aufgeklärten arabischen Politikergeneration der 70er Jahre, ihrer religiös-reaktionären Kindergeneration und deren Empfindlichkeit gegenüber amerikanischer Angriffs- und Besatzungspolitik in arabischen Staaten. Der Anschlag auf das World Trade Center wird, so Vidal, auf lange Sicht fatal nachwirken, weil er den US-amerikanischen Regierungen einen Freibrief zur dauerhaften Aushebelung von Grundrechten zugespielt hat. "Der Krieg im eigenen Land", ein 1998 in Vanity Fair veröffentlichter Artikel, zählt detailreich die einzelnen Vorkommnisse und Regierungsmaßnahmen auf diesem Weg auf. Diese durchweg empirische Aufzählung der mit Verfassungsgrundsätzen kollidierenden polizeilichen, militärischen und politischen Interventionen der jeweiligen US-Regierungen auf dem Staatsgebiet der USA wird in "Die Bedeutung von Timothy McVeigh" mit unterhaltsamen Verschwörungstheorien unterlegt. Dadurch gewinnt das Ganze deutlich an Systematik, die jedoch ab und an ins Wanken gerät, wenn die Verzahnung, Ergänzung und das Nebeneinander vieler Teil-Verschwörungen ein komplexes Überkreuzungswesen erzeugt und deren lineare Darstellung merklich kompliziert. Vidal läuft zu Hochformen auf im Hinterherspüren und Enttarnen dieser ganzen vielen Verschwörungen gegen "uns", das Volk, und die Welt. Zusammen laufen die Verschwörungs-Fäden in den Reihen der Regierung. Es ist hier, wo die Industrie, das FBI, das Pentagon, katholische Sekten und - klar - die Medien sich kreuzen, unentwirrbar durchdringen und so ein Böses entsteht, das noch viel bedrohlicher ist, als es ohnehin schon scheint und wirkt.
Timothy McVeigh kommt in aller Ausführlichkeit zu Wort. Seine Briefe an Gore Vidal (die als Reaktion auf Vidals Artikel in Vanity Fair von 1998 geschrieben wurden) und Erklärungen - "Tims Bill of Rights" - werden abgedruckt. Vidals Unternehmung wird hier zweifelhaft. Er veröffentlicht seine Korrespondenz mit Timothy McVeigh und räumt ihm, den Motiven seines Anschlages und dem Prozessverlauf viel Platz ein, um für die Rationalität und Sinnhaftigkeit von McVeighs Tat zu argumentieren. Er will die These von der Wahnsinnstat eines geistesgestörten Einzeltäter abschmettern und an ihre Stelle den wohl kalkulierten Gegenschlag eines sich vom eigenen Staat bedroht fühlenden Bürgers postulieren.
Derart schlüpft Timiothy McVeigh in die Rolle eines rechtsradikalen Michael Kolhaas. In McVeigh sucht Vidal einen Verbündeten, der Korruptheit und moralischen Verfall der US-amerikanischen Regierungen bezeugt und entlarvt. Als Täter gegen den Staat bezeugt McVeigh die unerträgliche Militärökonomie, als Angeklagter verliert er ein weiteres Mal seine Recht und wird Opfer unfairer Rechtsprozessen und von Öffentlichkeitshetze. "Während sich McVeighs so dramatisch manipulierte Geschichte auf jenes grässliche Wort "Ende" hin zu bewegte, wurde mir klar, wie verschiedene Verschwörungen immer mehr ineinander griffen- Die Opus-Dei-Verschwörung formiert - oder formierte? - sich im Zentrum des Justizministeriums. Dann konspirierte das FBI, um bestimmte Dokumente nicht zur Verteidigung McVeighs, sondern der angeblichen Kontrollinstanz über das Ministerium vorzuenthalten: uns, dem im Kongress versammelten Volk, verkörpert durch den ehemaligen Senator Danforth. Und schließlich die andauernde und freiwillige Kampagne der Medien zur Verteufelung von McVeigh, der trotz gegenteiliger Indizien allein gehandelt habe."

Tim, der heimliche Held

Gore Vidal bemüht sich die Waage zwischen der Argumentation für die Richtigkeit von McVeighs kritisch-ablehnender Haltung gegenüber den USA und der gleichzeitigen Distanzierung und Verurteilung des Bombenanschlages zu halten. Es gelingt aber nicht. Zunächst wird McVeigh viel zu stark zu einer gerechtfertigten Figur, deren Unrecht und vor allem politische Radikalität ausgeblendet wird. Zwar nennt Vidal an einigen Stellen die Toten, nimmt McVeigh zugleich aber immer wieder in Schutz. So zitiert er die Selbstaussage McVeighs, dass er von dem Kindergarten im Murrah-Gebäude möglicherweise keine Ahnung hatte und mit diesem Wissen das Gebäude möglicherweise auch nicht gesprengt hätte - eine Aussage, deren Glaubwürdigkeit nicht nur Richtung Null läuft, sondern die mehr Vidals Wunschdenken zu entspringen scheint und seine Anklägerposition in ein zweifelhaftes Licht rückt. Denn in diesem Moment baut er seinen Vorwurf eines politischen, militärischen, wirtschaftlichen und sozialen Machtmissbrauchs der US-Regierung auf eine versteckte Gegengewalt, die unlauter wird, wenn sie Gewalt und Todesopfer als Gegenreaktion zwar nicht explizit rechtfertigt, aber um Verständnis und Einsicht für Tatmotive wirbt und zugleich nicht eindeutig McVeighs Vorgehensweise kritisiert, sondern statt dessen zurückgreift auf fadenscheinige Ausreden und fachmännische Urteile wie beispielsweise das von McVeighs Psychiater. Eigentlich hat McVeigh richtig gehandelt, weil er auf eine illegitime und übermächtige Bedrohung reagiert und sich gewehrt hat - diese Aussage schwingt immer mit. Die Einbettung des Prozesses gegen McVeigh in eine Landschaft von Verschwörungen, Kompetenz- und Machtmissbrauch bestärkt das Bild des heimlichen Helden nur noch, der es gewagt hat, dem im Präsidenten verdichteten Bösen die Stirn zu bieten.
Was ist mit der restlichen Bevölkerung der USA? Sie ist ausgeliefert. Sie wird medial manipuliert von den vier oder fünf großen Medienkonzernen, denen alle US-amerikanischen Fernseh- und Radiokanäle gehören. George W. Bush haben sie nicht gewählt und bei Bill Clinton sind sie dem Charme und der Selbstvermarktungsstrategie einer unangreifbaren Unverfänglichkeit zum Opfer gefallen. Eigentlich war er ein charmantes Schlitzohr, das seine politischen Untaten so unauffällig wie möglich in die Öffentlichkeit dringen ließ und sie nonchalant abbügelte. So scheint er harmloser und ist eigentlich viel heimtückischer, meint Vidal. Aber die Situation ist noch auswegsloser: Selbst wenn ein ‚ehrlicher' Präsidentenanwärter eines Tages auf den Plan treten würde, wäre er von vornherein bedeutungslos, weil das Wahlsystem eine reine Privatveranstaltung der Großindustrie und zu exklusiv-machtvoll ist, als dass es unterwandert werden könnte. Und dann ist da noch das Pentagon, das hinter sich die gesamte militärische Streitmacht vereint und der eigentliche Entscheidungsträger in den USA ist, gegen den selbst die Präsidenten nichts ausrichten können.

The Good, the Bad and the Ugly

Die Bevölkerung der USA geht in dieser Gemengelage als Interessengruppe und Handlungsakteur unter. Sie ist das passive Moment, eine träge Masse, die zu heterogen und hilflos ist, als dass sie für sich sprechen und sich wehren könnte gegen die politische Stärke von straff organisierten und gesponsorten politischen Parteien und Lobbys. Vor diesem Hintergrund wirkt die Stilisierung Timothy McVeighs zum aufbegehrenden Bürger gegen den verdeckten Staatsterror noch viel prekärer, weil er Wortführer der Geknechteten und Unterdrückten wird, der beinahe wie ein in seinen Mitteln missratener und missverstandener Robin Hood doch eigentlich ganz auf ihrer Seite steht und ähnlich Zielvorstellungen verfolgt. Dass McVeigh politisch nicht einwandfrei ist gesteht Vidal zu und vielleicht ist seine Haltung gegenüber McVeigh auch kritischer und differenzierter. In seinem unbedingten Versuch jedoch, Timothy McVeigh - bedingt auch Osama bin Laden - als die politischen Symbole des ewigen Staatsfeindes inhaltlich neu zu besetzen und die Verantwortung für ihre Taten den sich selbst als Terroropfern darstellenden politischen Eliten der USA zuzuschieben, gerät Gore Vidal zu sehr in die Gefahr den Bombenanschlag zu rechtfertigen. Damit beraubt er sich der Integrität seiner eigenen Argumentation. Gore Vidal reproduziert in allen Artikeln das Schema von Gut und Böse, Schuldig und Unschuldig, Machtvoll und Wehrlos. Die Rollen sind eindeutig zugeordnet und seine Kritik an der öffentlichen Meinungsbildung in den USA, der er das Bild vom gerechtfertigten Täter McVeigh entgegenstellt, verliert an Überzeugungskraft, weil er genau die Eindeutigkeit der Rollenklischees, die er durch einen alternativen Blick aufbrechen will, reproduziert - nur eben verkehrt. Insofern bringt das Buch zwar ein paar spannende Details über die US-amerikanische Innenpolitik und den Umgang mit Grund- und Freiheitsrechten sowie Rechts- und Sozialstaatlichkeit, aber im Rededuktus unterscheidet Vidal sich nicht sehr von der Polarisierung der Welt in die gute und böse Partei. Er stellt sich damit seinen politischen Gegnern als ebenbürtiger Kontrahent vor, mit dem noch sehr viel gestritten werden kann, weil er schön polemisch ist. Die Wirkkraft und Plausibilität seiner Argumente versandet jedoch selbstverschuldet, weil er sich der gleichen Meta-Erzählung wie seine Gegner bedient und es nicht schafft, die Diskussion auf ein anderes, mehr und sinnvoller operationalisierbare Ebene zu heben.

Nicht weniger problematisch als der Inhalt ist die Buchausgabe selbst. Der amerikanischen Orginalausgabe, erschienen im April 2002, folgte die deutsche Ausgabe auf dem Fuß: Ein im Dezember 2002 erstandenes Exemplar ist bereits in der dritten Auflage auf dem Markt. Zweifelsohne waren übersetzen und verlegen hier extrem schnelle Vorgänge, die die Ausgabe leider offensichtlich nicht verbergen kann.
Die Übersetzung holpert und ist an einigen Stellen grammatikalisch unstimmig, was das Lesen des Textes kompliziert. Viel gravierender ist jedoch der Umgang mit Informationen. Gore Vidal ist US-Amerikaner und seit Jahrzehnten ein aufmerksamer Beobachter und Kritiker der öffentlichen Meinungsbildung in den USA und ihrer Außen- und Innenpolitik. So sind die meisten Ereignisse, politischen Affären und Diskussionen ihm selbstverständlich. Dem Leser aber nicht, vor allem nicht dem nicht-amerikanischen Leser und insbesondere dem nicht-amerikanischen Leser nicht, der die USA in den letzten dreißig Jahre nicht mit permanenter Aufmerksamkeit beobachtet hat. Das Buch ist andeutungsvoll und zeichenhaft im besten Sinne: Dinge, Ereignisse, Personen werden mit wenigen Worten genannt und der ganze daran geknüpfte Informationskomplex als bekannt vorausgesetzt ohne ihn genauer auszuführen. Gravierend wird dies bei der Datierung von Ereignissen. Es gibt sie nicht: Es fehlen Jahresangaben wie beispielsweise das genaue Hinrichtungsdatum von Timothy McVeigh (der Leser darf, durch indirekte Tagesangaben geleitet, selbst das Datum errechnen, ohne dabei über das Jahr gesicherte Angaben zu erhalten). Genauso wenig wird der Sturm des Davidianer-Hauptsitzes in Waco, Texas durch das FBI exakt datiert, Informationen über das Ereignis selbst und seine Hintergründe fehlen und auch andere Geschehnisse, die mit Waco in Verbindung gebracht werden, bleiben im Dunkeln. Dieser Umgang mit Informationen ist höchstens Kennern zuzumuten - und selbst hier ist ein solches Verfahren unseriös -, interessierten Laien und einem weltweiten Lesepublikum, das über US-amerikanische Untaten aufgeklärt werden soll, keineswegs. Es ist Aufgabe der Übersetzung, das Lesepublikum des eigenen Landes in Fußnoten, Indexen oder einem kurzen Appendix mit denen im Text offensichtlich fehlenden Daten und Informationen zu versorgen. Das geschieht nicht. Der Leser ist der Darstellung Vidals ausgeliefert ohne Anhaltspunkte und Gelegenheit sich im Detail kritisch zu distanzieren. Dadurch wird der Text sehr suggestiv-affirmativ und einer kritischen Haltung bleibt stellenweise nicht viel mehr übrig, als die gesamte Argumentation Vidals dem Generalverdacht (gemäßigt)linker Welt-Verschwörungstheorien zu unterstellen. Besonders prekär wird dies vor der bereits bemängelten Integrität des Textes: Gerät Gore Vidal inhaltlich aus den Fugen, wenn er Timothy McVeigh heimlich zu einem gerechten Staatsvergelter erhebt, so führen diese gravierenden formalen Mängel der Buchausgabe endgültig zu einem Verlust an Glaubwürdigkeit, der selbst bei wohlmeinender Gesinnung dem Buch gegenüber nicht verdeckt und wieder ausgeglichen werden kann.