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besten Bücher 2003 Olaf Karnik
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Isabella Löhr EWIGER
KRIEG FÜR DEN EWIGEN FRIEDEN. Das Böse sitzt in den eigenen Reihen und muss dort aufgespürt werden. Die USA ist ein "Imperium" und ein schlechtes dazu, in dem nichts mehr vom republikanischen Geist seiner Gründerväter übrig geblieben ist, lautet Gore Vidals Botschaft. In sechs Essays versucht er das mit Fluten von Material zu unterlegen und den alten Geist seines Großvaters, Gründer des Bundesstaates Oklahoma (das Familiengeheimnis dabei: er war Atheist) gegen das neue republikanisch-demokratisch getarnte Großimperium seines Verwandten Al Gores wieder zu beleben. Die in
allen Essays ähnlich verlaufende Argumentation konzentriert sich
gänzlich auf die politisch-weltanschaulichen Maximen und Prinzipien
der jeweiligen Regierung seit 1947. Es war, so die These, Harry Trumans
Entscheidung - an einem genau datierten Tag im Februar 1947 - die amerikanische
Wirtschaft auf eine "Militärwirtschaft" umzustellen,
die das Ende der repräsentativen Demokratie bedeutete. Denn eine
Rechtfertigung der Militarisierung des Staates bedurfte und bedarf einer
umfassenden Panikmache und Mobilisierung der Bevölkerung, indem
der Horror des immer vor der Tür lauernden Feindes beschworen wird,
mit dem der aggressive Sicherheitswahn begann und der sich bis heute
in seiner Grundanlage nicht wesentlich gewandelt hat: Verfassungs-,
Bürger- und Freiheitsrechte werden von der Exekutiven, Legislativen
und Judikativen gleichermaßen zeitweilig ausgesetzt und die Hälfte
des Steueraufkommens fließt in den Rüstungs- und Militäretat.
So ist für Vidal die Unterscheidung zwischen Demokraten und Republikanern
nicht wesentlich, lassen sich doch beide mehr von militärpolitischen
als von rechtsstaatlichen Erwägungen leiten. "11.
September 2001 (Ein Dienstag)" berichtet ein wenig über Osama
bin Laden, über die Konflikte zwischen der aufgeklärten arabischen
Politikergeneration der 70er Jahre, ihrer religiös-reaktionären
Kindergeneration und deren Empfindlichkeit gegenüber amerikanischer
Angriffs- und Besatzungspolitik in arabischen Staaten. Der Anschlag
auf das World Trade Center wird, so Vidal, auf lange Sicht fatal nachwirken,
weil er den US-amerikanischen Regierungen einen Freibrief zur dauerhaften
Aushebelung von Grundrechten zugespielt hat. "Der Krieg im eigenen
Land", ein 1998 in Vanity Fair veröffentlichter Artikel, zählt
detailreich die einzelnen Vorkommnisse und Regierungsmaßnahmen
auf diesem Weg auf. Diese durchweg empirische Aufzählung der mit
Verfassungsgrundsätzen kollidierenden polizeilichen, militärischen
und politischen Interventionen der jeweiligen US-Regierungen auf dem
Staatsgebiet der USA wird in "Die Bedeutung von Timothy McVeigh"
mit unterhaltsamen Verschwörungstheorien unterlegt. Dadurch gewinnt
das Ganze deutlich an Systematik, die jedoch ab und an ins Wanken gerät,
wenn die Verzahnung, Ergänzung und das Nebeneinander vieler Teil-Verschwörungen
ein komplexes Überkreuzungswesen erzeugt und deren lineare Darstellung
merklich kompliziert. Vidal läuft zu Hochformen auf im Hinterherspüren
und Enttarnen dieser ganzen vielen Verschwörungen gegen "uns",
das Volk, und die Welt. Zusammen laufen die Verschwörungs-Fäden
in den Reihen der Regierung. Es ist hier, wo die Industrie, das FBI,
das Pentagon, katholische Sekten und - klar - die Medien sich kreuzen,
unentwirrbar durchdringen und so ein Böses entsteht, das noch viel
bedrohlicher ist, als es ohnehin schon scheint und wirkt. Tim, der heimliche Held Gore Vidal
bemüht sich die Waage zwischen der Argumentation für die Richtigkeit
von McVeighs kritisch-ablehnender Haltung gegenüber den USA und
der gleichzeitigen Distanzierung und Verurteilung des Bombenanschlages
zu halten. Es gelingt aber nicht. Zunächst wird McVeigh viel zu
stark zu einer gerechtfertigten Figur, deren Unrecht und vor allem politische
Radikalität ausgeblendet wird. Zwar nennt Vidal an einigen Stellen
die Toten, nimmt McVeigh zugleich aber immer wieder in Schutz. So zitiert
er die Selbstaussage McVeighs, dass er von dem Kindergarten im Murrah-Gebäude
möglicherweise keine Ahnung hatte und mit diesem Wissen das Gebäude
möglicherweise auch nicht gesprengt hätte - eine Aussage,
deren Glaubwürdigkeit nicht nur Richtung Null läuft, sondern
die mehr Vidals Wunschdenken zu entspringen scheint und seine Anklägerposition
in ein zweifelhaftes Licht rückt. Denn in diesem Moment baut er
seinen Vorwurf eines politischen, militärischen, wirtschaftlichen
und sozialen Machtmissbrauchs der US-Regierung auf eine versteckte Gegengewalt,
die unlauter wird, wenn sie Gewalt und Todesopfer als Gegenreaktion
zwar nicht explizit rechtfertigt, aber um Verständnis und Einsicht
für Tatmotive wirbt und zugleich nicht eindeutig McVeighs Vorgehensweise
kritisiert, sondern statt dessen zurückgreift auf fadenscheinige
Ausreden und fachmännische Urteile wie beispielsweise das von McVeighs
Psychiater. Eigentlich hat McVeigh richtig gehandelt, weil er auf eine
illegitime und übermächtige Bedrohung reagiert und sich gewehrt
hat - diese Aussage schwingt immer mit. Die Einbettung des Prozesses
gegen McVeigh in eine Landschaft von Verschwörungen, Kompetenz-
und Machtmissbrauch bestärkt das Bild des heimlichen Helden nur
noch, der es gewagt hat, dem im Präsidenten verdichteten Bösen
die Stirn zu bieten. The Good, the Bad and the Ugly Die Bevölkerung der USA geht in dieser Gemengelage als Interessengruppe und Handlungsakteur unter. Sie ist das passive Moment, eine träge Masse, die zu heterogen und hilflos ist, als dass sie für sich sprechen und sich wehren könnte gegen die politische Stärke von straff organisierten und gesponsorten politischen Parteien und Lobbys. Vor diesem Hintergrund wirkt die Stilisierung Timothy McVeighs zum aufbegehrenden Bürger gegen den verdeckten Staatsterror noch viel prekärer, weil er Wortführer der Geknechteten und Unterdrückten wird, der beinahe wie ein in seinen Mitteln missratener und missverstandener Robin Hood doch eigentlich ganz auf ihrer Seite steht und ähnlich Zielvorstellungen verfolgt. Dass McVeigh politisch nicht einwandfrei ist gesteht Vidal zu und vielleicht ist seine Haltung gegenüber McVeigh auch kritischer und differenzierter. In seinem unbedingten Versuch jedoch, Timothy McVeigh - bedingt auch Osama bin Laden - als die politischen Symbole des ewigen Staatsfeindes inhaltlich neu zu besetzen und die Verantwortung für ihre Taten den sich selbst als Terroropfern darstellenden politischen Eliten der USA zuzuschieben, gerät Gore Vidal zu sehr in die Gefahr den Bombenanschlag zu rechtfertigen. Damit beraubt er sich der Integrität seiner eigenen Argumentation. Gore Vidal reproduziert in allen Artikeln das Schema von Gut und Böse, Schuldig und Unschuldig, Machtvoll und Wehrlos. Die Rollen sind eindeutig zugeordnet und seine Kritik an der öffentlichen Meinungsbildung in den USA, der er das Bild vom gerechtfertigten Täter McVeigh entgegenstellt, verliert an Überzeugungskraft, weil er genau die Eindeutigkeit der Rollenklischees, die er durch einen alternativen Blick aufbrechen will, reproduziert - nur eben verkehrt. Insofern bringt das Buch zwar ein paar spannende Details über die US-amerikanische Innenpolitik und den Umgang mit Grund- und Freiheitsrechten sowie Rechts- und Sozialstaatlichkeit, aber im Rededuktus unterscheidet Vidal sich nicht sehr von der Polarisierung der Welt in die gute und böse Partei. Er stellt sich damit seinen politischen Gegnern als ebenbürtiger Kontrahent vor, mit dem noch sehr viel gestritten werden kann, weil er schön polemisch ist. Die Wirkkraft und Plausibilität seiner Argumente versandet jedoch selbstverschuldet, weil er sich der gleichen Meta-Erzählung wie seine Gegner bedient und es nicht schafft, die Diskussion auf ein anderes, mehr und sinnvoller operationalisierbare Ebene zu heben. Nicht weniger
problematisch als der Inhalt ist die Buchausgabe selbst. Der amerikanischen
Orginalausgabe, erschienen im April 2002, folgte die deutsche Ausgabe
auf dem Fuß: Ein im Dezember 2002 erstandenes Exemplar ist bereits
in der dritten Auflage auf dem Markt. Zweifelsohne waren übersetzen
und verlegen hier extrem schnelle Vorgänge, die die Ausgabe leider
offensichtlich nicht verbergen kann.
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