Stefan
Heuer
biete
bluterguss & suche das weite
"Bevor
die Zeit alle Wunden heilt, sucht mädchenhafte, sportlich-schlanke
Frau, 36 Jahre, auf diesem Weg einen interessanten, sportlichen und
sinnlichen Partner, der ein Fels in der Brandung ist und die Prinzessin
ab und zu verwöhnt und ausführt" - wer vorhat, seine
Mitgliedschaft im Club der einsamen Herzen baldmöglichst zu kündigen,
dürfte an einer derartigen Kontaktanzeige Gefallen finden. Wer
sich jedoch nicht auf der Suche nach einem neuen Bett- und Tischgenossen
befindet, sondern sich nach lyrischer Begleitung sehnt, dem sei ein
Gedichtband ans Herz gelegt, dessen Titel einer Kontaktanzeige zwar
ähnelt, sich in punkto Romantik aber deutlich von einer solchen
abhebt: "biete bluterguss & suche das weite".
Entgegen des Titels, der eher auf einen wortkargen, gewalttätigen
Zeitgenossen hindeutet, entpuppt sich Herbert Hindringer als Autor mit
viel Gespür für Gefühl: ... // alle ampeln waren ausgeschaltet
/ auf dem weg zum großen wagen / räumten wir die straßen
und das feld // das gestohlene fahrrad kannte unsren weg / als hätten
wir es schon vor jahren geklaut / und singen kam aus italien in unsren
mund // ... (aus "am anfang"). Kommt das Umschlagfoto
mit auf einem Bahnhofsvorplatz montierten Gittersitzen, einem Mülleimer
sowie einem Streusandkasten noch schlicht und ungemütlich daher,
so vermittelt bereits die von der Identität des Autors durchdrungene
Vorbemerkung einen ersten Eindruck dessen, was den Leser zwischen den
Buchdeckeln erwartet: wortspielerische, bild- und assoziationsreiche,
engagierte, vor allem sehr persönliche Gedichte. Der erste Eindruck,
dass es sich bei einigen der Gedichte um schnell aufs Blatt geworfene
Sturzgeburten, um lyrische Schnellschüsse aus der Hüfte handelt,
kann sich nur kurz behaupten. Spätestens beim zweiten Lesedurchgang
wird deutlich, wie präzise Hindringer die Wörter größtenteils
(ein)gesetzt hat: bitte sag mir dass es auch in deiner wohnung /
haarige schwarze spinnen gibt / die so groß sind dass sie zerschlagen
/ riesige blutflecken an der wand hinterlassen / so dass du lauter schreckliche
bilder / von monet aufhängen musst / weil die so schrecklich friedfertig
sind // ... (aus "manöver"). Das thematische Sujet
bewegt sich zwischen Liebes- und Freundschaftsgedichten, zwischen Kritik
an der Spaßgesellschaft und körpereigenem und weltumspannendem
Pazifismus. Politik erscheint am Rande und macht mit Sätzen wie
"kommunistenhansi hat mit silke getanzt, sie geküsst und
sich dann wieder ein bier geschnappt und aufgestellt wie im schaufenster
einer apo-theke" nicht nur das Wissen des Autors um
die Außerparlamentarische Opposition deutlich, sondern dazu auch
noch Spaß!
Und Herbert Hindringer reimt, scheut nicht vor dem klassischen Endreim
zurück. Mehr als unbekümmert finden sich Wortpaare wie singen/bringen
oder erwachst/lachst, und jetzt die gute Nachricht: Auch in den gereimten
Texten klingt es nicht gewollt, nicht auf Naht konstruiert.
Ein mehr als gelungenes, kurzweiliges Lyrikdebüt, erschienen im
bayerischen yedermann Verlag, den man, wie auch den Autor, im Auge behalten
sollte!
Herbert
Hindringer: "biete bluterguss & suche das weite", yedermann
Verlag, 2003, 114 Seiten, 10,00 €, ISBN 3-935269-22-6