Stefan
Heuer
Verlustreiches
Ende
In der
in Berlin beheimateten (und nach all den Jahren auch schon als renommiert
anzusehenden) SuKuLTuR-Reihe erschien im vergangenen Jahr mit "Die
Maske - und zwei weitere Geschichten" der erste kurze Prosaband
des in Köln lebenden Autors und Herausgebers Adrian Kasnitz, der
in den letzten Jahren vor allem durch vorzügliche Lyrik auf sich
aufmerksam machte.
Verwirrend, wie Kasnitz in der Titelgeschichte mit Worten umgeht, ohne
Umschweife großzügig angelegte Bilder und Assoziationen in
den Kopf des Lesers installiert. Eine Geschichte über den Verlust
eines Menschen, eng verbunden mit dem Verlust des eigenen Gesichtes,
der eigenen Persönlichkeit. Ein Paar, das an die kürzlich
verstorbene Mutter erinnert, das mit dem Gipsabdruck des mütterlichen
Gesichtes ein besonderes Erinnerungsstück besitzt. Seit deren Tod
läuft das Leben offensichtlich in anderen Bahnen, hat sich ein
jeder in (s)eine eigene Welt zurückgezogen. Was simpel und (im
gewissen Sinne) nachvollziehbar klingt, erfährt durch einige wenige
Worte Brisanz. Über das Alter des Paares wird nichts gesagt. Bestimmte
Dinge deuten auf erwachsene Menschen hin: sie trinken Kaffee, haben
anscheinend regelmäßig Sex ... nur einige Sätze zuvor
kam die Frau (das Mädchen?) jedoch aus der Schule und nahm Kekse
aus ihrem "Ranzen" - ein Begriff, der eher einem jüngeren
Mädchen zuzuordnen ist. Doch kein gleichaltriges Paar, sondern
Vater und Tochter, in verzweifeltem Inzest miteinander verbunden? Man
wird hier nicht ganz schlau, aber muss/soll gute Kurzprosa alles verraten?
Die zweite Geschichte ("Mit achtzehn") handelt von zwei Freunden,
Linke und Zamek, die Interesse am gleichen Mädchen zeigen. Nach
generationstypischem Geplänkel kommt es erst zum Sex und dann zu
einem Autounfall, bei dem einer der Freunde stirbt, der andere mit verblassten
Träumen zurückbleibt. "Mit achtzehn" ist straighter
geschrieben, einfacher, trotz verschiedener Einschübe. In "Ende
einer Ausfahrt", der dritten Geschichte des Bandes, begleitet der
Leser zwei Pärchen auf ihrer abenteuerlichen Autofahrt nach Odessa.
Zwischenstopp in Tschechien, Nähe und Distanz bei den vier Protagonisten,
die das Ziel nicht gemeinsam erreichen - auch hier ein verlustreiches
Ende.
Was Adrian Kasnitz' Kurzprosa interessant macht, ist nicht unbedingt
die Wahl noch nie literarisch verarbeiteter Themen, sondern vielmehr
sein jahrelang an der Lyrik geschultes Gespür für das richtige
Wort, für den richtigen Satz. Manchmal sind es nur feinste Feinheiten
(bspw. schreibt er in der ersten Geschichte nicht "Wasser kochte
in der Kanne", sondern "Ein Wasser kochte in der Kanne"
- und schon wird aus zwei Menschen ein Paar mit einem gemeinsamen Wasser!),
manchmal sind es aber auch ganze Sätze, wie z.B. der, mit dem er
seinen Protagonisten Linke in die Geschichte einführt: "Er
hätte als etwas speckig gelten können, galt aber als sportlich."
Das ist doch mal ein schöner Satz!
Laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage rechnen immer noch
annähernd 80% der Deutschen die Euro-Preise in DM um! Früher
mal 2 DM, heute gut ein Euro, und was bekommt man dafür? Nicht
viel, höchsten drei mickrige Spiele am Adams-Family-Flipper in
meiner Stammkneipe (was sich momentan allerdings überhaupt nicht
lohnt, weil er kürzlich repariert und anschließend falsch
aufgestellt wurde, so dass nun jede zweite Kugel ins linke Seitenaus
geht!) - oder aber dieses Heft! Drei kurze Geschichten, die Lust auf
mehr machen. Gibt es außer mir jemand, der zu Weihnachten den
Kalender für die Liebste/den Liebsten selbst bastelt, anstatt einen
Schokoladen- oder Rubbellos-Kalender zu kaufen? Dieses Heft wirkt länger
als Vollmilch oder Freilos.
Adrian
Kasnitz: "Die Maske", 20 Seiten, 1,00 €, SuKuLTuR, ISBN
3-937737-28-6