Stefan
Heuer
AUFBEGEHREN,
GEBROCHNE ZEILE
Als in
den 90er-Jahren das Zeitalter der Spaßgesellschaft ausgerufen,
der Egoismus wie eine wertvolle Pflanze gehegt und gepflegt wurde, als
viele gerade jüngere Menschen aufgrund der vermeintlich verschwundenen
Bedrohung durch einen sich zersetzenden Ostblock die Freiheit in Sicherheit
förmlich zu riechen und zu schmecken meinten - da drohte die Zeit
des politischen Interesses und Engagements bei Jugendlichen endgültig
abgelaufen zu sein. Nur ein kleiner Schritt von der Antifa in die Sushi-Bar,
und viele taten ihn. Auch heutzutage haben jüngere Zeitgenossen
oftmals ein gestörtes Verhältnis zu Politik und Gesellschaft,
resignieren aufgrund medienbeherrschend geführter Diskussionen
über Renten, Arbeitsmarkt und Korruption und ziehen sich vollends
in ein Schneckenhaus aus Desinteresse zurück. Aber sind die heutigen
Mittzwanziger wirklich beseelt vom Rausch der Kundgebung in Form einer
nicht enden wollenden Liebesparade? Hat die Globalisierung dazu geführt,
mit einem Billigflieger nach Genua und Kyoto zu fliegen, um dort gegen
Luftverschmutzung, Energieverschwendung, den Kapitalismus und die Folgen
der freien Marktwirtschaft zu demonstrieren?
Mitnichten! Auch heute gibt es noch politisch engagiertes Jungvolk,
politisch engagierte Autoren, die nicht gewillt sind, Missstände
unterschiedlichster Art stillschweigend hinzunehmen. Einer von ihnen
ist der 1980 geborene und aus der ostdeutschen Provinz nach Hannover
übergesiedelte Jan Egge Sedelies, der mit dem Aktionskreis Offenes
Mikrofon das Running Mic (die Literaturprotestparade durch die hannoversche
City) organisiert, gemeinsam mit Henning Chadde in der niedersächsischen
Landeshauptstadt den Poetry Slam "Macht Worte" moderiert und
ansonsten vor allem durch zahlreiche und gut besuchte Lesungen im gesamten
Bundesgebiet von sich reden machte. Nach Veröffentlichungen in
Zeitschriften und Anthologien liegt nun im Verlag zeter&mordio in
bereits 2. Auflage der Gedichtband "Niemals so ganz" vor,
in dem sich Sedelies der Themen annimmt, die durch ein Kopfschütteln
nur unzureichend kommentiert würden: Widerstand gegen Obrigkeiten
und gegen um sich greifende Verdummung, den/die Fehler im System, Carlos
Marighellas Handbuch der Stadtguerilla, das schon der ersten RAF-Generation
als Vorbild für Aufbau und Unterhaltung ihrer Logistik diente.
Im Stile Erich Frieds, mit dem er nicht nur durch die Hannoversche Allgemeine
Zeitung und das Intro verglichen wird (und dem er auch eines der Gedichte
widmet), seziert er in einzelnen Gedichten Zeitungsmeldungen, wandelt
die verharmlosende Journalistensprache in deutliche Worte, bspw. in
"linienflug LH 558", das den Prozess gegen drei Beamte des
Bundesgrenzschutzes kommentiert, durch deren gemeinsame Gewaltanwendung
ein ausgewiesener Sudanese den Tod fand: ... // drücken einen oberkörper
auf oberschenkel / fünf minuten vergehen / sechs rippen brechen
/ ein mensch erstickt // die BGS-beamten sagen später vor einem
richter / sie hätten nur eine woche unterricht gehabt / das sei
zu wenig gewesen / sie hätten das thema / sachgerechte rückführung
/ nur angerissen // ...
Ihre stärksten Momente haben die Texte von Jan Egge Sedelies, wenn
er die Position des Beobachters und Kommentators verlässt und seine
eigene Biografie und alltägliche Szenen und Gespräche mit
dem Weltenlauf verknüpft, wenn er die Selbstgerechtigkeit und Selbstzufriedenheit
seiner Zeitgenossen aufdeckt: ... // jeden tag die haare gerichtet,
aber nicht die gesellschaftlichen zustände / jeden tag die zeitung
gelesen und hoffnungen begraben / jeden tag kaffee, um einmal am tag
fair zu handeln // ... (aus "jeden tag"). Sympathischerweise
macht er auch vor sich selbst nicht halt und versteht es, sich trotz
linker Theorien und hoher Individualität als Teil der Masse zu
sehen und die Unmöglichkeit der vollständigen Konsumverweigerung
realistisch einzuschätzen und zu akzeptieren (trockenfutter für
meerschweinchen, das sich in bakunins bart verfängt, die verstaubten
ausgaben von marx und sartre im regal, während er sich auf den
weg zur arbeit macht - wie es dann so ist).
Jan Egge
Sedelies: "Niemals so ganz", 88 Seiten, 8,90 €, Verlag
zeter&mordio, ISBN 3-9809552-3-0