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About Multitude
Interview mit Michael Hardt
Benedikt Geulen
Das Phänomen Houellebecq
Alexander Kunz
Katja Kunz
Der Supposé-Verlag:
Das Projekt Anti-Hörbuch
Kevin Healy
Eine durchaus kompakte
Einführung in die irische Literatur
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Benedikt
Geulen:
DAS PHÄNOMEN
HOUELLEBECQ
Mit ihm hat
die jüngste mitteleuropäische Männlichkeitskrise einen
Namen bekommen. Und den kann sich sogar mittlerweile trotz der unmöglichen
Schreibweise fast jeder merken (wenn auch nicht immer richtig aussprechen).
Man muß ihn einfach nur oft genug buchstabieren. Irgendwie ist es
ja auch schön, daß wenigstens der Nachname des französischen
Kultautors Michel Houellebecq so einmalig in der Literaturlandschaft dasteht.
Mit seinem Vornamen verhält es sich nämlich eher umgekehrt.
Fast alle heißen sie Michel, die tragikomischen Helden seiner Romane.
Man darf durchaus annehmen, daß der eine Michel jeweils der Klon
des anderen ist. Folgerichtig bietet sich auch ihr Autor höchstselbst
wohlfeil als Identifikationsfigur an. Bisher am prägnantesten umrissen
ist der Typus im deutschen Klappentext zu "Plattform", dem letzten
Streich aus Houellebecqscher Feder: "Vierzig, farblos, frustriert"
heißt es da punktgenau. Er ist also vordergründig mit noch
weniger als unattraktiven Eigenschaften ausgestattet. Der erotische Minustyp
sozusagen. Ästhetischer Zufall kann es nicht sein, daß des
Meisters eigenes Portrait fast alle Cover seiner jüngeren deutschen
Publikationen als leicht graugeschleiertes Schwarzweißfoto mit dabei
immer noch fettglänzender Stirn ziert. Seine ewige Zigarette hat
er hier entweder betont maniriert zwischen die falschen Finger geklemmt,
oder sie verliert gerade ihre Asche, die der rauchende Denker scheints
zu entsorgen vergaß, in Richtung seiner eigenen Finger. Aua! Es
tut halt schon ein bißchen weh, die Projektionsfigur des allgemein
und ewig Ungeliebten zu sein. Aber als internationaler Bestsellerlieferant
wird es unserem Michel vermutlich gehörig versilbert, was, wie uns
manches Beispiel aus dem Pop-Business lehrt, noch immer dazu gut war,
einen traurigen Underdog mit selbstgebackener Drei-Akkord-Virtuosität
zum bestens situierten Gutsherren im britischen Landhausstil zu machen.
Und so lebt er denn heute glücklich, wie man hört, in Irland
(wo man weniger Steuern zahlt). Er hat es also geschafft. Vom glücklosen
kleinen Ministerialangestellten und Lovecraft-Lese-Amateur zum Literatur-Popstar.
Nein, nein, hier soll kein falscher Neid aufkommen, aber es ist halt ein
Phänomen, über das sich nachzudenken lohnt.
Die evangelische
Akademie in Tutzing, malerisch schön am Starnberger See gelegen,
widmete dem "Phänomen Houellebecq & Co." zu Anfang
des Jahres ein Wochenendseminar. Konzipiert wurde die Tagung von den beiden
Berliner Literaturwissenschaftlern Ines Kappert und Jörg Metelmann.
In ihren Eröffnungsvorträgen bescheinigten sie Houellebecq einerseits
mangelnde literarische Virtuosität und hemmungslos einseitige männliche
Sexualkrisenfixierung, aber andererseits auch ein außerordentliches
Talent dafür, seinen eher wortreich als wortgewaltig beschriebenen
defizitären Erfahrungen und Überlegungen als eine der neuen
großen Erzählungen der westlichen Post-Achtundsechziger-Welt
Wirksamkeit zu verleihen. Will sagen, ganz im Sinne des poststrukturalistischen
Theoretikers Lyotard treffen diese Texte einen wesentlichen Nerv der Zeit,
sind also Ausdruck eines virulenten Generalthemas. Die Diskussionsrunde
des ersten Abends leitete der Journalist Burkhard Müller-Ullrich
mit einigem Wortwitz. Und so blieb als "Wort des Abends" eine
seiner treffenden Umschreibungen hängen, in der er Houllebecq den
"Eminem der Sozialpsychologie" nannte.
Die Liste der Referenten, die zur Tagung geladen waren, konnte sich durchaus
sehen lassen. Das umfangreiche Samstagsprogramm eröffnete der Houellebecq-Kenner
Thomas Steinfeld. Als einziger konnte er neben ausgiebiger Lektüre
des Werks auch auf persönliche Bekanntschaft mit dem Autor verweisen.
Ein Umstand, der manchen Tagungsgast insofern entzückte, als die
Frage nach den Charaktereigenschaften der Person Houellebecq durchaus
von starkem Interesse zu sein schien. An den Literaturwissenschaftlern
war zuvor die Personality-Frage komplett abgeprallt. Unisono hatten Kappert
und Metelmann, nach ihrer Meinung zum Menschen Houllebecq befragt, mit
einem eisern wissenschaftlichen "Kennen wir nicht, können wir
nicht und wollen wir auch nicht bewerten" geantwortet. Steinfelds
Ausführungen wurden gerade vor diesem Hintergrund und dank seiner
unbestreitbaren Formulierungskünste zum Hörgenuß für
das Auditorium. In den Mittelpunkt stellte er das Bild des Autors als
zwar häßlichen, aber qua Talent entfaltungsfähigen "Künstlerfrosch".
Überzeugend und unterhaltsam auch die Parallelen zur ein oder anderen
Ikone der Popmusik. Houellebecq vor einer Rockband auf der Bühne
wirke, so Steinfeld, ähnlich wie z.B. Ozzy Osborne als "Dreamer"
in seinem jüngsten Video, ungefähr so charmant ungelenk und
ferngesteuert wie Lukas der Lokomotivführer in der Augsburger Puppenkiste.
Also nicht gerade der Inbegriff zwingender Bühnenpräsenz mit
innovativ progressivem Gestus, eher eine (kalkuliert?) unbeholfene Erscheinung
zum Liebhaben und mit einigem Unterhaltungspotential.
Clemens Pornschlegel, Professor in Besançon, griff die Kritik an
Houellebecqs literarischem Können auf und hatte sich wohl zum Ziel
gesetzt, denjenigen, die noch nicht alle Bücher des Autors gelesen
hatten, den Spaß an deren Lektüre soweit wie möglich zu
verderben, indem er den Texten kurzum jede Art von Ironie absprach. Nein,
diese Bücher seien im Grunde nur eines, eine haß- und abscheugeleitete
- vielleicht auch notwendige - Abrechnung mit der Flower-Power-Peace-Generation
der Achtundsechziger. Und dies nicht einfach nur vor dem Hintergrund eigener
Erfahrungen, sondern durchaus im Sinne einer historischen "Dialektik
des Poststrukturalismus". Auch wenn Pornschlegel recht unterhaltsam
und nachvollziehbar mit einem Exkurs über den Zusammenhang von Achtundsechzig
und der Einführung der bunten Männeruntehose begann, kam schließlich
ein etwas verwirrender Vortrag heraus, dessen Thesen im wesentlichen auch
nur die anwesenden befreundeten Kollegen mit Übersetzungsvorschlägen
wie "Wenn ich Dich richtig verstanden habe, wolltest Du sagen, daß..."
kommentierten. Im Endeffekt wenig über Houellebecq oder das gleichnamige
Phänomen gelernt, aber einiges darüber gehört, was Poststrukturalismus
eigentlich nicht sei, und daß man das so verkürzt schließlich
auch alles nicht sagen könne...
Mit der Nietzsche-Paraphrase "Die Geburt der 68er aus dem Geist der
80er" betitelte Christian Jäger aus Berlin seinen Vortrag. Die
Popmusik diente erneut als Erklärungsmuster für die erstaunlich
breite Rezeption der Werke Houellebecqs. Diesmal zugespitzt auf die deutsche
Leserschaft und deren musikalisch-gesellschaftliches Erweckungserlebnis
der ersten deutschen Punkwelle Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger.
Die Generation, die in diesem Zeitraum ebenso lust- wie frustbetont "ihre
Jugend verschwendete" (hier Jägers Hinweis auf das erfolgreiche
Buch von Jürgen Teipel und die entsprechende Ausstellung "Zurück
zum Beton"), bedient Houellebecq offensichtlich in der Hinsicht,
daß deren demonstrative Abkehr von den vordergründig politisch
korrekten, in Wahrheit aber nur halb aufklärerischen Postulaten der
Achtundsechziger (die dann letzten Endes der radikalen Freisetzung auch
noch der letzen Produktionskraft unter dem Deckmantel der Emanzipation
dienten), in seinen Romanen nachvollzogen wird. Ein paar schöne Musikbeispiele
von den Fehlfarben und DAF etc. gab es zu hören. Die älteren
Teilnehmer im Plenum schienen etwas irritiert, die jüngeren wippten
mit dem Fuß und konnten einigermaßen folgen.
Weiter mit dem Pop-Begriff ging´s im Beitrag des Münchner Verlagslektors
Martin Hielscher. Aber nicht musikalisch, sondern literarisch. Quintessenz:
Houellebecq ist als Autor zwar ein regelrechter Popstar, seine Bücher
kann man aber keinesfalls mit dem Terminus Popliteratur abtun, vielmehr
basiert ihr Erfolg nicht nur auf schnelllebigem Zeitgeist, sondern durchaus
auf tieferem literarischen Können und Kalkül. Der Autor Norbert
Niemann übernahm das Wort, und berichtete, wie er vom regelrechten
Houellebecq-Fan über drei Romane zum Houellebecq-Skeptiker wurde.
Er fragte sich, wie das denn nun weitergehen könne mit dem Hype.
Wahrscheinlich, so beantwortete er sich die Frage selber, müsse Houellebecq
jetzt mal so ein echt christliches Buch schreiben, um auch mit seinem
nächsten Werk noch genügend Aufmerksamkeit zu erregen.
Zum Abschluß gab es am Sonntag vormittag einen der kurzweiligsten
und pointiertesten, entsprechend auch streitbarsten Vorträge. Katja
Diefenbach (Berlin) ließ von vorne herein gar keinen Zweifel daran,
was sie vom Weltbild des selbstmitleidigen, chronisch trinkenden und politisch
eher reaktionären Houellebecq hält. Die durchgängig thematisierte
Anti-Achtundsechziger-Problematik - in Houellebecqs Roman "Elementarteilchen"
sehr pointiert zu finden - führte sie auf ein grundsätzliches
Mißverständnis zurück, nämlich die mangelnde Trennschärfe
zwischen Achtundsechzig selbst mit seinen entsprechenden politisch-sozialen
Implikationen und dem Scheitern bzw. Scheiternlassen derselben in den
beiden darauffolgenden Jahrzehnten. Dem Autor selbst gab sie einen mehr
oder weniger gut gemeinten Tipp für seine Hausapotheke. Statt Alkohol
und Antidepressiva solle er einfach öfter mal Ecstasy einwerfen.
Das bringe im großen und ganzen einfach besser drauf...
Nun ja, Houellebecq hat´s nicht gehört, und im übrigen
hätte man die ganze tiefschwarze Misere seines Schreibens vielleicht
schon von Anfang an ahnen können. Sein erstes Buch von 1991, in dem
er seine Leseerfahrung mit H.P. Lovecraft zusammenfaßt, trägt
den programmatischen Titel "Gegen die Welt, gegen das Leben".
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