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Roberto Cabot
(neu)
Texte für Niobe
"Honey From The Frozen Land"
Leif Trenkler
Thomas Kling
den
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Achim Wagner
Frankys Curry-Station
Alexander Kunz
Für Peter Handke
Olaf Karnik
verwehrt blieb
Black Earth Elend Trivium
Gewalt gegen Sachen
Roland Schappert
Neue Gedichte
und Prosa
Achim Wagner
Schwarzer Tag
Roland Schappert
Sesam auf dem Brötchen
Olaf Karnik
Gedichte
Thurston Moore
Gedichte
deutsche Übersetzung
Kai Althoff
Gedichte
Billy Childish
Die Idiotie der Ideen
Billy Childish
Meine Schuld
Codeine Girl
First International Sermon Of
The Last Survivors
Roland Schappert
Brief, Song und Reste
Achim Wagner
Die Zöllner
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Billy Childish:
DIE IDIOTIE DER IDEEN
Was ist
falsch daran, daß ich blöd bin. Wir auf der Walderslade Secondary
School for Boys bilden uns was auf unsere Blödheit ein! Und so oder
so, wenn wir Walderslade Kids nicht blöd wären, dann müßte
es irgendein anderer Trottel sein, und wenn man drüber nachdenkt,
würde das doch an der Sache nicht das kleinste Bißchen ändern,
oder? Nein, am besten bleibt alles im Leben genau so wie es ist, so wie
Gott selbst es beabsichtigt hat, so daß wir Walderslade Kids von
oben und unten eins drauf kriegen. Kurz gesagt - wir müssen den Kopf
hinhalten für die Unzulänglichkeiten aller unserer Eltern und
hundmiserablen Lehrer.
Unsere Lehrer grinsen durch die Stümpfe ihrer gelblichen Zähne
hindurch auf uns runter, und sie können kaum ihre Verachtung für
uns verbergen. Sie schreiten die leeren Gänge hoch und runter, knirschen
mit den Backenzähnen, sorgen dafür, daß sich keiner von
uns Jungs vor dem Läuten der Morgenglocke heimlich hier reinschleicht,
um eine verstohlene Kippe zu rauchen, oder sich den dürren Arsch
auf einem von ihren schrottreifen alten Heizkörpern zu wärmen.
Offensichtlich ist frische Luft genau das, was wir brauchen - und warum
müssen wir dann in die Schule gehen? Sie knirschen wirklich so laut
mit den Zähnen, daß es klingt, als würden sie ihre eigenen
Zähne fressen!
Mister Shawd geht runter auf Hände und Knie und guckt unter die Tische
auf der Suche nach versteckten Kindern. Wenn er aufsteht und sich gerade
macht, knallt seine stählerne Kniescheibe wie ein Pistolenschuß
wieder an die richtige Stelle. Es hallt durch den leeren Klassensaal,
und er marschiert zurück, raus in den Flur. Du denkst, er ist weg,
aber dann steckt er verstohlen den Kopf wieder durch die Tür und
schnüffelt in der Luft wie eine gräßliche Ratte, schleicht
auf Zehenspitzen wieder zum Vorratsschrank, schlägt die Tür
zurück und erwischt Wallace, der da drin eine raucht.
Wir in der Klassenstufe B betrachten uns selbst als die Sargnägel
unserer Lehrer.
Obwohl es absolut wichtig ist, daß wir für immer blöd,
mittelmäßig und unerheblich bleiben, haben wir Gerüchte
über einige Schüler in dieser Schule gehört (bemerkenswerterweise
in der Stufe A), die clever sind und denen offensichtlich erlaubt werden
wird, ihre Prüfungen und etwas aus ihrem Leben zu machen. Aber wir
treffen sie nicht oder reden nicht mit ihnen, sie sind so etwas wie ein
Mythos, von dem niemand sicher sein kann, daß er wirklich existiert.
Unter der Woche wohnt mein Vater in London, oder sonst wo, und er ist
ein edwardianisches Spukgespenst. Er hat eine andere Frau, mit der er
zusammenlebt, die Anne heißt und von der meine Mutter geheimnisvollerweise
als »seiner Mätresse« spricht.
Obwohl mein Vater angeblich das familiäre Heim verlassen hat, kommt
er immer noch an manchen Wochenenden nach Hause, um uns herumzukommandieren.
Er sagt mir, daß ich nicht mit den Kinder drüben aus dem Sozialwohnungsblocks
spielen soll, weil das ein Haufen verdammter Hooligans ist! Umgekehrt
nennen ihn die Kinder aus den Sozialwohnungen den »kriechenden Jesus«,
weil er im Sommer immer geheimnisvoll mit Bart und Sandalen durch den
Garten schwebt. Meistens taucht er überhaupt nicht auf, was, wie
ich glaube, alles in allem das Beste ist.
Selbst wenn mein Vater in London ist, hält er uns auf Trab, indem
er meine Mutter mitten in der Nacht brutal anruft und mit einem seiner
überraschungsbesuche droht. Auf diese Weise werden wir ständig
daran erinnert, niemals aus der Rolle zu fallen und daß wir schließlich
immer noch in seinem Eigentum wohnen!
Wegen seiner beißenden Bemerkungen und seiner unauslöschlichen
Gegenwart hält meine Mutter das Haus makellos sauber und versucht
mir beizubringen, Oxford-Englisch zu sprechen. Wenn mein Vater nach Hause
kommt werde ich wegen meiner grammatikalischen Unzulänglichkeiten
gedrillt, bekomme gesagt, daß ich gerade stehen, ordentlich aussehen,
nicht wie ein verdammter Wilder rumlaufen und gottverdammt anständig
reden soll!
»Du hast wieder mit diesen verdammten Halbstarken rumgehangen, oder?«
Ich sehe ihn an. »Meinst du die scheiß Hooligans?« korrigiere ich
ihn und muß mein freches Lächeln verbergen. Offenbar erkennt
er schon an meinem Akzent, mit wem ich gespielt habe.
»Wo um Himmels willen lernst du nur so eine plumpe Sprache!?«
»Das ist Chathamesisch«, erkläre ich.
»Chathamesisch? So eine verdammte Sprache gibt es gar nicht!«
Obwohl ich von Natur aus gehorsam bin, muß ich mich umdrehen und
weggehen. Mein Vater ruft mich zurück und sagt mir, daß ich
meine Schultern hängen lasse, daß meine Zähne ekelerregend
sind, daß ich einen Haarschnitt brauche, daß ich mir die Ohren
putzen soll, daß ich verflucht dumm bin, meine Füße zu
groß sind und daß ich meine Schuhe austrete und sie abnutze,
weil ich arrogant bin! Außerdem soll ich meine Füße richtig
heben!
Wirklich, jetzt zu versuchen, mir Manieren beizubringen, Respekt und wie
man anständig redet, ist ein bißchen spät. So oder so,
unsere Eltern und Lehrer haben keine Manieren, und wir, die ganzen Kinder
in der Walderslade Schule, reden bereits wie ein Haufen Hafenarbeiter.
Was ganz praktisch ist, weil genau da unsere Zukunft liegt, im Hafen oder
beim Arbeitsamt. Ich jedenfalls werde von ganzem Herzen nach dem Arbeitsamt
streben!
Ich betrachte mich als geringer als alle anderen, trotzdem irgendwie überlegen.
Die Leute sagen mir, daß es mein Gesicht ist, das schuld daran ist,
daß mir jemand mal den Schädel einschlagen wird, weil es ungeduldig
und sarkastisch ist. Es sieht so aus, als hätte ich im Leben versagt.
In meinem Nachttisch habe ich einige von den geklauten Pornoheften meines
Vaters. Morgens liege ich meistens gerne in meiner warmen Grube und spiele
an mir rum bis zur allerletzten Sekunde. Meine Mutter bringt mir sogar
eine Tasse Tee ans Bett, aber ich weigere mich immer noch aufzustehen,
sondern verstecke mich statt dessen unter den Laken und lasse ihren dämlichen
Tee kalt werden. Dann bläst Mister Shawd in seine Pfeife und ich
bin glücklich, weil ich weiß, daß ich wieder einmal zu
spät komme.
Schließlich kommt meine Mutter herein und schreit mich an, daß
ich mich anziehen soll. Schnell krabbele ich unter der Decke hervor, steige
in meine ungeputzten Schuhe und bin fertig für die Schule.
Von allen Leuten, die mich am meisten hassen, sind es die Mädchen,
die am gemeinsten sind. Das liegt daran, daß ich häßlich
und sündig bin und daß mich der Teufel berührt hat. In
Wahrheit jage ich ihnen mit meinem hohlen Grinsen Angst ein.
Wenn ich groß bin, werde ich wahrscheinlich ein Sex-Besessener werden.
Ich habe mich schon als Frau verkleidet, und ich hatte Sex mit meinen
Hund, der ein Streuner ist und den meine Mutter widerwillig aufgenommen
hat. Ab jetzt werde ich einfach eine Plage bleiben.
Als ich neun Jahre alt war, tat mir ein Freund der Familie, Norman, als
wir im Urlaub in Seasalter waren, etwas Unaussprechliches an. Meine Mutter,
die mit der Tochter des Mannes im Zimmer nebenan lag und schlief, half
mir nicht, und mein Vater war damit beschäftigt seine Geliebte zu
treffen.
Es ist wahr, daß ich bei meinen jämmerlichen Versuchen, gemocht
zu werden, beinahe jeden anlächeln würde, das liegt wahrscheinlich
daran, daß ich verdorbene Ware bin.
Wie ich schon sagte, die Mädchen sind an unserer Schule die bei weitem
gewalttätigsten Elemente, und es ist uns verboten, mit ihnen zu tun
zu haben. Was mag der Grund für diese strikte Trennung sein? Sie
haben ihre eigenen Lehrer und sogar ihre eigenen abgetrennten Schulgebäude,
und das einzige Mal, daß wir ihre blanken Beine zu sehen bekommen,
ist, wenn sie in die Schule rein und wieder raus gehen. Ich schaue auf
ihre kalten, Corned-Beef-artig aussehenden Schenkel und ihre weißen
Schulsocken, schmutzbefleckt und will, daß mich diese Mädchen-Frauen
begehren, aber stattdessen lachen sie mir wegen meiner Zahnstümpfe
und meiner abgerissenen Erscheinung ins Gesicht. Beim Nachhausegehen halte
ich den Kopf gebeugt und renne wie der Teufel für den Fall, daß
sie mich entdecken und sich über mich lustig machen. Sie haben schon
mal zwei Jungs zu Boden gedrückt und ihre nackten Schwänze der
kalten Luft und der spottenden Menge ausgesetzt.
Die Klassenzimmer der Mädchenschule sind von uns aus gesehen auf
der anderen Seite des Feldes hinter einem sehr hohen Zaun. Das Betreten
des Rasens ist streng verboten. Wenn die Mädchen zum Spielen rauskommen,
ihre feuchten, weißen Finger an den rostigen Draht legen und mich
über das nasse Gras hinweg verspotten, tue ich so, als könnte
ich sie nicht hören und starre statt dessen fest auf einen Lutscherstiel,
der im aufgesprungenen Asphalt vergraben liegt. Ich erkenne eines der
Mädchen, ihr Name ist Michele Hudson, und sie hat große, frauenartige
Brüste. Viele Jungs aus der fünften Klasse haben sie offensichtlich
angefaßt und sogar dran gelutscht.
Einmal, am Anfang, als ich in diese Schule kam, habe ich dumm vor einer
Bande von Schlägern damit angegeben, daß ich in der Grundschule
mit Michele Hudson in derselben Klasse war. Dort hatten wir gemischte
Klassen, und wir durften mit den Mädchen spielen wie wir wollten,
sogar Turnunterricht hatten wir zusammen und durften über das Gras
rennen im warmen Frühling und Küsse-Fangen spielen. Und jetzt
hat das alles aufgehört, weil wir auf das Erwachsenenleben vorbereitet
werden!
Als Michele Hudson sich zum Turnunterricht neben mir aufgestellt hat,
sah ich runter und sah die Anfänge ihrer wundervollen Mädchenbrüste.
Sie war elf Jahre alt, und ihre Nippel drückten unanständig
gegen ihr weißes Schulunterhemd. Dann bin ich rot und heiß
geworden und hab auf den Boden gestarrt.
Von da an warf ich jede Woche sehnsüchtige Seitenblicke auf sie in
ihrem frühen Entwicklungstadium, fragte mich, ob sie wirklich seit
letzter Woche gewachsen waren und ob es darin Milch für mich geben
würde. Dann sah ich hoch und merkte, daß ich umgeben war von
den schrillen, groben Stimmen meiner Spielkameraden.
Einmal habe ich Michele sogar während eines Spiels Küsse-Fangen
geküßt. Ich habe sie um die Taille herum gefangen, aber sie
zog sich gewaltsam weg, ihr Gesicht verzeichnete Ekel. Am nächsten
Tag habe ich im Wald Glockenblumen für sie gepflückt und sie
ihr morgens in der Pause gegeben, und Michele Hudson hat sie auf den Boden
fallen lassen und ist weggegangen.
Wirklich, angeben ist eine Sünde, und ich hätte diesen Kerlen
niemals erzählen sollen, daß ich auf dem Weg zur Schule Glockenblumen
gepflückt und sie Michele Hudson geschenkt habe und daß sich
Michele Hudson, mehr oder weniger zufällig, einmal von mir beim Küsse-Fangen
spielen hat küssen lassen.
Nachdem ich auf diese wagemutige und arrogante Weise angegeben habe, wurde
ich bald darauf gedemütigt und öffentlich geohrfeigt, so ist
das passiert. Nach dem Unterricht sehe ich Michele Hudson am Schultor
stehen und warten. Sie raucht eine Zigarette und kaut Kaugummi, hat die
Arme über ihren großen Brüsten verschränkt. Sie ist
nicht mehr das schöne, süße Mädchen mit dem ich in
die Grundschule ging und ihr früher verschmitztes Gesicht hat einen
verkniffenen und sauren Ausdruck bekommen. Eine Bande von lachenden Gesichtern,
ebenfalls an Zigaretten ziehend, umgeben sie. Sie grinsen sie gehässig
an, und ich will rüber marschieren, sie hauen und Michele die Zigarette
aus ihren schönen, vollen Lippen nehmen.
Ich sehe runter, ängstlich, daß sie mich wiedererkennen könnten.
Ich beschließe, die Abkürzung über das Gras zu nehmen
(was verboten ist) und über den Schulzaun zu klettern. Ich springe
hoch und beginne mich rüberzuziehen. Es scheint wirklich als wäre
ich frei und wäre entkommen, aber gerade als ich die Spitze des Zauns
erreiche und rüber springen will, kommen zwei ältere Jungs angerannt
und packen mich an den Beinen und ziehen mit wieder runter. Ich klammere
mich mit den Fingerspitzen oben an den Draht, aber sie ziehen mit ihrem
ganzen Gewicht bis ich loslassen muß. Einer von ihnen, ein Junge
namens Russel, versucht, mir meinen Schuh auszuziehen und ihn wegzuwerfen.
»Michele sagt, daß sie niemals mit dir gehen würde, weil du
zu häßlich bist!« zischt er. »Sie sagt, daß sie nie auf
dich gestanden hat, weil du ein verfluchter Hippie bist, du warst immer
ein verfluchter Hippie und du wirst immer ein verfluchter Hippie bleiben!«
Ich starre auf das abgewetzte Gras, das von Generationen ungezogener Schuljungen
niedergetrampelt wurde. Mein Gesicht errötet und Tränen drängen
sich hinter meinen Augen.
»Aber ich hab nie gesagt, daß ich mit ihr gehen wollte«, flüstere
ich, »das hab ich nie gesagt! Ich hab nur gesagt, daß ich sie gekannt
habe, das ist alles.«
Ich werde am Boden festgehalten, gegen meinen Willen, während ein
anderer Junge losgeht und Michele Hudson holt. Ich gucke hoch und sehe
wie sie am Tor miteinander reden. Michele Hudson sieht zu mir rüber
und wirft ihre Zigarette hin und geht langsam rüber, ihre großen
Nippel bewegen sich unter ihrer Schulbluse. Als sie näher kommt,
bläst sie eine große rosa Blase, die sie platzen läßt
und wieder in den Mund einsaugt.
Ich wende mich flehend an meine Gefängniswärter. Diese Arschlöcher
aus Stufe A! Sie sind einfach nur ein Haufen lügender und stinkender
Ratten! Als Michele Hudson über mir steht, richten sich die Gesichter
aller Jungen bewundernd auf sie, und ich kann plötzlich meine Arme
losreißen und rennen. Zuerst kann ich nicht glauben, daß ich
ihnen wirklich entkommen bin. Ein Schrei erklingt, und sie rennen mir
hinterher, aber ich kann sehen, daß ich ans Schultor komme, bevor
sie mir den Weg abschneiden. Russel und die anderen älteren Jungen
versuchen, über den Zaun zu klettern, aber ich kann schneller rennen
als sie alle. Ich rase zum Tor hinaus und flitze die Straße hoch,
mein Atem wird zu einem heißen Keuchen.
Und so renne und verstecke ich mich immer vor diesen Mädchen-Frauen,
für den Fall, daß sie mich auf den Boden drücken und meine
Nacktheit entblößen und meinen kleinen weißen, unterentwickelten
Pimmel entblößen wollen. Für den Fall, daß sie sehen
sollten, daß ich derjenige bin, den Michele Hudson niemals küssen
würde, und daß ich in der Tat niemals ein Mann sein werde.
Jeden Tag wird mindestens ein Dutzend von uns Jungs zur Bestrafung ausgewählt.
Kein Akt der Gemeinheit kann uns noch überraschen, wir wurden bereits
in jeder möglichen Weise gedemütigt, und wir glauben tatsächlich,
daß wir es verdient haben, geschlagen zu werden. Jeder von uns,
der zur Bestrafung ausgesucht wird, ob wegen unseres ungezogenen Wesens
oder vielleicht bloß aus einer Laune unserer glorreichen Lehrer
heraus, weigert sich, vor Schmerz zu schreien, und ist sogar ein bißchen
stolz, wenn unsere heldenhaften Namen in das Bestrafungsbuch eingetragen
werden.
Alle unsere Lehrer, mit Ausnahme von Miss Heart, der angehenden Musiklehrerin,
haben einen besonderen »kleinen Freund«, entweder einen bösartigen
Bambusstab oder vielleicht einen besonders alten und biegsamen Hausschuh,
der gut erreichbar vor ihnen auf dem Schreibtisch aufbewahrt wird oder
manchmal, wenn sie ein bißchen schüchterner sind, liegt er
oder sie (denn alle ihre Waffen haben Geschlechter) in der Schublade oder
vielleicht im Vorratsschrank, der oft auch die Funktion einer Bestrafungskammer
erfüllt.
Mister Shawd braucht solche jämmerlichen Mittel wie Ruten oder Hausschuhe
nicht, weil er ein Mann des Militärs ist und eine militärische
Kniescheibe aus britischem Stahl hat! Was seine Hauptwaffe gegen uns Kinder
ist.
Wenn Shawd neben einem steht (und in Wirklichkeit ist er nichts anderes
als ein glatzköpfiger Zwerg) mit seiner krötenartigen Zunge
und einem bedrohlich in die Schuljungenohren flüstert, dann weiß
man mit Gewißheit, daß er einem zeigen wird, wo man auf seinen
kindlichen Wegen irrt. Ja, wenn Shawd auf diese Weise mit einem Liebe
macht, dann bedeutet das, daß er sehr bald, in der nicht zu fernen
Zukunft, seine stählerne Kneischeibe in einen Schuljungenschenkel
rammen wird und einen seiner berühmten »toten Tritte« abliefern wird.
Woraufhin der glückliche Empfänger jaulend vor den Füßen
seines Herrn und Meisters hinfallen wird.
»Tue ich dir weh, Junge?« flüstert er.
»Nein, Sir!« antworte ich äußerst wahrheitsgemäß
und ehrlich.
»Aber ich müßte dir eigentlich weh tun, Junge, ich stehe nämlich
auf deinen Haaren!«
Das ist einer von Shawds kleinen Scherzen und wirklich, auf gewisse Weise,
glaube ich, daß ich lachen sollte, aber ich bin nicht sicher, was
mir den meisten Schmerz verursachen wird: mit ihm zu lächeln oder
steif in Habachtstellung, wie man es bei seinem Militär macht, und
wie er es uns allen beigebracht hat, zu stehen.
»Glaubt ihr, daß ich dem Jungen weh tue?« Shawd wendet sich an Dog-Jaw.
Dog-Jaw, der haushoch hinter Shawd steht, ist sein ständiger Schatten.
Er lächelt aus seinem gutmütigen Gesicht zu mir runter und schüttelt
seine Hängebacken.»Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube,
der Junge braucht einen Haarschnitt!« Dog-Jaw hat zwei rosafarbene Plastikhörgeräte,
die an seinem riesigen birnenförmigen Kopf befestigt sind, und er
spricht wie ein bellender Hund.
Shawd lächelt voller Vorfreude und leckt sich über die dünnen
Lippen.
Die Sache ist, daß ich lange schöne blonde Haare habe und das
feine Gesicht eines Engels und Shawd haßt meine Schönheit,
und ich sehe ihm in die harten kleinen Augen und lächele hoffnungsvoll,
suche nach Wärme und Mitgefühl, die dort liegen könnten
und erspare mir so den Schmerz seiner stählernen Kniescheibe, die
mir in den Muskel meines linken Schenkels schlägt. Aber da ist nichts.
Ich beiße mir auf die Zunge und falle hin.
»Hab ich dir gesagt, daß du auf dem Boden rumliegen darfst, Loveday!
Was glaubst du, was das hier ist, ein Ferienlager?« Er dreht sich zu Dog-Jaw
um und macht einen weiteren seiner tollen Scherze. Dog-Jaw lächelt
unmerklich, also dreht sich Shawd statt dessen zur Klasse um. Die Klasse
schielt vor Lachen, alle brechen sich einen ab, um ihre Anerkennung zu
zeigen. Und sogar ich muß lachen, während ich da am Boden liege,
meine Füße den Asphalt treten, mein Gesicht verzerrt ist vom
schrecklichen stechenden Pochen, das brennend mein gelähmtes Bein
hoch und runter läuft.
»Sag ›Danke schön‹, Loveday!«
Shawd beugt sein kleines Gesicht über meins, und ich liege im Dreck
und verziehe das Gesicht.
»Sie sind ein Arschloch, Sir!« sage ich. Ich flüstere es durch zusammengebissene
Zähne, meine Augen schmerzen wegen der Kälte. Aber er hat mich
nicht richtig verstanden, ich sage das ungezogene Wort heimlich.
»Sprich lauter Loveday, damit dich jeder hören kann.« Und er leckt
sich wieder über die dünnen Lippen. »Sag ‚›Vielen vielen Dank,
mein lieber Lehrer, Sir!‹ sag ›Danke schön‹, Loveday!«
Ich versuche aufzustehen, aber er schubst mich mit Leichtigkeit wieder
zurück auf den kalten Boden, noch bevor ich mein Gleichgewicht finden
kann.
»Du solltest dich entscheiden, ob du liegen bleiben oder aufstehen willst,
Loveday!« schreit er triumphierend, was alle zum Lachen bringt. Und sie
stehen alle rum, blasen ihre dummen Backen auf, und sind dankbar dafür,
weil sie in Wahrheit Shawd und seine Brutalität lieben. Dann wendet
er sich plötzlich gegen sie.
»Ihr haltet Loveday also für einen Komiker?« Shawd sucht den kleinen
Kreis jugendlicher Gesichter ab. »Also, tut ihr das? Ist Loveday ein endloser
Quell des Vergnügens für euch? Möchte vielleicht jemand
herkommen und mit ihm den Platz tauschen?« Ich grinse sie von meinem Ruheplatz
an Shawds Füßen aus an.
Es wird still in der kleinen Gruppe, und sie blicken zurückhaltend
auf ihre abgetretenen Schuhe. Ich klettere vom Asphalt hoch und humpele
rüber zu meinen Klassenkamerden. Ich drehe mich um und sehe ihn an,
wirklich ziemlich klein, sogar im Vergleich zu einem Schuljungen. Und
Dog-Jaw steht hinter ihm, wie ein großer dummer Schatten. Es ist
beruhigend und ermutigend für uns, von unserem Lehrer an unsere Stellung
im Leben erinnert zu werden und zu wissen, daß wir von der Zukunft
nichts zu erwarten haben außer einer ordentlichen Abreibung.
Nein, wir Schüler an der Walderslade Schule für Jungen sind
bekannt für unsere Blödheit und sie wird uns mit gesenkter und
ehrfürchtiger Stimme weitergereicht, wir lernen sie von der Tafel
auswendig und dürfen nur in diese Schule gehen unter der Bedingung,
daß wir versprechen, absolut feierlich, blöd zu bleiben und
es niemals in dieser Welt zu etwas zu bringen, so wahr uns Gott helfe!
Aus dem Englischen
von Conny Lösch.
Aus seinem dritten Roman »The Idiocy of Ideas«.
Billy
Childish hat mehr als 30 Gedichtbände veröffentlicht, über
80 Langspielplatten aufgenommen und mehr als 1500 Gemälde gemalt.
Er lebt und arbeitet in Chatham, Kent. Der vorliegende Text ist ein bislang
unveröffentlichter Auszug ex erschienen. über Zweitausend eins
ist »Junger Mann ohne Kleider«, die deutsche Version von »Notebooks of
a Naked Youth« in überarbeiteter Fassung und mit 19 unveröffentlichten
Holzschnitten zu beziehen. Mehr unter: www.billychildish.com
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