| |
Stan
Lafleur
Belgiernachschlag
HEL
Olaf Karnik
About Multitude
Interview mit Michael Hardt
Benedikt Geulen
Das Phänomen Houellebecq
Alexander Kunz
Katja Kunz
Der Supposé-Verlag:
Das Projekt Anti-Hörbuch
Kevin Healy
Eine durchaus kompakte
Einführung in die irische Literatur
|
|
Kevin Healy:
EINE DURCHAUS KOMPAKTE EINFüHRUNG
IN DIE IRISCHE LITERATUR
Irische Autoren
mußten immer ins Ausland gehen, um anerkannt zu werden. Ausland
in diesem Fall heißt: Großbritannien. Da der irische Markt
so klein ist (bei 5. Mio. Einwohnern), muß ein Schriftsteller, der
vom Schreiben leben will, einen britischen Verlag finden. Es gibt kleinere
Verlage in Irland, aber sie produzieren hauptsächlich für den
irischen Markt. Ein Autor wie Roddy Doyle mußte "The Commitments"
selbst veröffentlichen, bevor er in England anerkannt wurde. Das
Ergebnis: obwohl die Themen irisch bleiben, müssen die Autoren ein
größeres Publikum ansprechen. Natürlich ist es nicht mehr
so extrem wie im 19.Jahrhundert, als Leute wie G.B.Shaw oder Oscar Wilde
nach England auswandern mußten. Trotzdem hängt die Geschichte
Irlands eng mit der des größten Handelspartners Großbritannien
auch heute noch zusammen. Irische Schriftsteller wie Roddy Doyle, Colm
Toibin, Patrick McCabe oder Sebastian Barry sind alle von britischen Verlagen
herausgegeben. Vor zehn Jahren waren moderne irische Autoren in Deutschland
relativ unbekannt. Seit 1996, als Irland Themenschwerpunkt der Frankfurter
Buchmesse war, ist das nicht mehr der Fall. Irische Literatur wird auch
ins Deutsche übersetzt, Autoren halten Lesungen,usw.
Ein irisches Volkslied lautet "wir haben vierzig grüne Farben", und
so ist es auch mit der Politik und der Lebenssituation. Ob man nun über
einen Polizisten Ihrer Majestät, wie Sebastian Barry in "Die Zeitläufte
des Eneas McNulty" oder über einen Freiheitskämpfer, wie Roddy
Doyle in "Henry, der Held" schreibt, die Perspektive ist zwar jeweils
anders, das Thema bleibt jedoch jeweils dasselbe. James Joyce, der 1904
Irland Aufnimmerwiedersehen verlassen hat, schrieb nur über Irland.
Samuel Beckett, der in Frankreich gelebt hat, beschreibt irische Landschaften
und irische Figuren in seinen Büchern.
Irischer Humor ist weltbekannt und wird auf die Spitze getrieben in Büchern
von Flann OŽBrien, z.B. in dem Roman "In-Schwimmen-Zwei-Vögel" oder
in "Der dritte Polizist". Flann OŽBrien wurde sehr überzeugend von
Harry Rowohlt ins Deutsche übersetzt. Man kann nicht über irischen
Humor schreiben, ohne Samuel Beckett zu erwähnen. Seine Romane "Murphy"
oder "Watt", die er geschrieben hat, bevor er berühmt wurde, sind
mit trockenem irischen Humor gespickt. Der in Deutschland so beliebte
Roman "Eureka Street" von Robert McLiam Wilson, beschreibt Nordirland
so, wie es heute ist, politisch und gesellschaftlich und das auf eine
geistreiche und witzige Art. Dieser Roman, mit seinen Anspielungen auf
die nordirischen Konfliktparteien, wäre noch 1980 nicht denkbar gewesen.
Einige Kritiker lobten auch Frank McCourts "Die Asche meiner Mutter" unter
anderem für seinen Humor, ich fand es eher ermüdend. Daß
FMcC in seiner Kindheit viel gelitten hat, möchte ich nicht bezweifeln,
aber ich muß mir diese klischeehafte "stage-irish" nicht antun.
Es gibt auch nüchterne Autoren wie John Banville. Seine vor ungefähr
20 Jahren erschienene Trilogie "The Newton Letter" oder seine in den Neunzigern
erschienene Trilogie "Geister" sind lesenswert. Sein letztes Buch "Der
Unberührbare" war eine Enttäuschung und ich hoffe, es gibt bald
wieder etwas besseres von ihm. Colm Tobin behandelt aktuelle Themen wie
AIDS in seinen zwei Romanen "The Story of the Night" und "The Blackwater
Lightship": Sein Buch "The South" spielt in Spanien während der Franco-Zeit,
auch eine empfehlenswerte Lektüre. Einen ungewöhnlichen Stil
hat Patrick McCabe. Seine Figuren sind meistens psychotisch, wie in "Der
Schlächterbursche" oder "The Dead School". Sein 1998 erschienenes
Buch "Breakfast on Pluto" fand ich nicht sehr gut, ein bißchen zu
trashy.
Die auf deutsch erschienen irischen Bücher sind nur die Spitze eines
Eisbergs. Bücher, die in Irland veröffentlicht werden, müssen
erst den Durchbruch auf dem britischen Markt schaffen, bevor sie international
eine Chance haben.
Kevin Healy
|