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René
Steiniger (neu)
Der letzte Mohikaner der literarischen Bohème
Zum Nachlass Charles Bukowskis
Bettina
Lockemann
Robert Frank
Die Amerikaner
Bettina Lockemann
Judith Joy Ross
Living with War
Bettina Lockemann
Helen Levitt
Fotografien von 1937 – 1991
Bettina Lockemann
Elisabeth Neudörfl:
Super Pussy Bangkok
Bettina Lockemann
Dorothea Lange:
Impounded
Olaf Karnik
Wolfgang
Ullrich:
Haben wollen.
Wie funktioniert die Konsumkultur?
Olaf Karnik
Tony
Parsons:
Als wir unstreblich waren &
Erzähl mir nichts von Wundern
Bettina Lockemann
Paul
Graham:
American Night
Klaus Schikowski
2
Comic-Rezensionen:
"Shenzen" von Guy Delisle und "Blue" von Kiriko Nananan
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Olaf
Karnik
Tony Parsons:
Als wir unsterblich waren. Roman. 432 Seiten, gebundene Ausgabe. Blumenbar,
München 2006. Preis: € 19,90.
Tony Parsons: Erzähl mir nichts von Wundern. Roman. 392 Seiten, gebundene
Ausgabe. Piper Verlag, München 2006. Preis: € 19,90.
Text: Olaf
Karnik
Kürzlich
war Tony Parsons bei der Lit.Cologne zu Gast im Kölner Stadtgarten.
Als Anlass für eine weitere, mittlerweile total überstrapazierte
"die goldenen Zeiten von Punk"-Nabelschau diente natürlich
sein aktuelles Buch zum Thema "Als wir unsterblich waren". Kein
Wunder also, dass bei der Lesung und Diskussion völlig außer
Acht gelassen wurde, dass Parsons 2006 noch ein weiteres Werk auf den
deutschen Buchmarkt gebracht hat: "Erzähl mir nichts von Wundern".
Es spielt im Hier und Jetzt, ist mindestens genauso gut ist wie seine
Punk-Rückschau und dreht sich um Frauen und Männer, die keine
Hochwasserhosen mehr tragen, sondern Kinderwagen vor sich herschieben
wollen oder müssen.
Zitat:
Der Lärm, dieser unglaubliche Soundpegel - war das erste, was Terry
wahrnahm. Er dröhnte aus dem Basement des Western World, brach sich
die Bahn durch die offene Tür, an der ein Glatzkopf in Schwarz Wache
schob, schien die Nachtluft zum Beben zu bringen und ließ in der
Menschenschlange, die durchnässt und verdreckt auf Einlass wartete,
die Amalgamfüllungen vibrieren. Irgendwer war live auf der Bühne.
Und mit einem Mal spürte Terry, wie sein Herz schlug. Er nahm Misty
an der Hand und war wie eingelullt von einem Hauch von Geschichte. Früher
war das Western World eine illegale Kneipe. Dann ein Striplokal, danach
eine Schwulenbar. Und jetzt gehört es ihnen. Jetzt waren sie dran.
Jeder, der hier anstand, hatte das standesgemäße Styling. Terry
fand in all diesen Insignien der Rebellion etwas Behagliches - die Fuck-you-to-Hell-and-back-Absätze
und zerrissenen schwarzen Strumpfhosen der Mädchen, die hodenmalmenden,
hautengen Hosen und klobigen Stiefel der Jungs; die Lederjacken und kurzen
Stachelfrisuren, die sie alle trugen, das Haar mit Talkpuder ausgetrocknet
und mit Vaseline in der Vertikalen gehalten, als ob durch die Adern jedes
Einzelnen gerade eben ein Stromstoß gejagt worden sei. Seine Leute.
London, 1977
- das Jahr, in dem Punk durchbricht und die britische Hauptstadt der Nabel
der Welt ist. Mit ihren akustischen Stromstößen erklimmen The
Sex Pistols, The Clash oder The Jam sogar die Charts, und jede Nacht spielt
irgendwo eine tolle Band. Punk ist zugleich Rebellion und Mode, gelebter
Nihilismus und ein Fluchtweg aus der mainstreamisierten Hippykultur der
späten 70er Jahre. Wer um die 20 Jahre alt ist und von der kulturrevolutionären
Welle erfasst wird, will nichts anderes als sofort Musiker, Fotograf,
Bandmanager, Modedesigner werden. Oder eben Musikjournalist, wie Terry,
Ray und Leon, die drei jugendlichen Helden in Tony Parsons Punkroman "Als
wir unsterblich waren". Wie Skip Jones, ihr strahlendes Vorbild beim
Musikmagazin The Paper, wollen sie nichts anderes schreiben "als
die strahlendsten Sätze über Musik, die jemals zu lesen waren"
- und zwar um jeden Preis.
So lässt Parsons, der in diesem Roman ganz offensichtlich seine Anfänge
als Musikjournalist für den legendären New Musical Express verarbeitet,
seine Protagonisten in nur 24 Stunden so viele absurde, aufregende und
traurige Geschichten erleben, dass es fast für ein ganzes Leben reichen
würde. Terry liebt das Glamour Girl Misty, doch die verschwindet
mit dem abgehalferten Underground-Star Dag Wood in der Nacht; der junge
Späthippy Ray erhält seine letzte Chance bei The Paper, wenn
es ihm gelingt, John Lennon zu interviewen, der irgendwo in der Stadt
weilt; der Punk-Fanzine-Macher Leon begegnet auf der Flucht vor nationalistischen
Schlägern, die ihn durch die halbe Stadt jagen, ausgerechnet auf
der Tanzfläche einer Discothek dem schönsten Mädchen der
Welt. Vorangetrieben vom Hauch der Geschichte und aufgeputscht durch Speed-Pillen
jagen sie im Tempo einer Flipperkugel durch die Nacht der Nächte
- es ist der 16. August 1977, als das Radio den Tod von Elvis verkündet.
Aber nicht nur der King of Rock'n'Roll verabschiedet sich, auch eine neue
Ära kündigt sich an, die solchen Subkulturen wie Punk bald den
Hahn zudrehen wird - so lässt Parsons immer wieder die Stimme von
Englands eiserner Lady Maggie Thatcher aus dem Rundfunk erklingen.
Die Irrungen und Wirrungen seiner jugendlichen Helden löst Parsons
in zahlreiche parallele Handlungsstränge auf, mit Übergängen
zwischen den einzelnen Episoden, die so hart sind wie Punkrock-Akkorde.
Auch der elliptische Erzählstil dieses Patchwork-Romans passt bestens
zur Lakonik der Musik, die hier für eine kurze Zeitspanne nochmal
die wichtigste Sache der Welt ist. Keineswegs verzichtet Parsons dabei
auf genaue Milieuschilderungen, auf die präzise Darstellung fordistischer
Arbeitsverhältnisse und alter politischer Frontverläufe von
Links und Rechts oder eine Charakterisierung der autoritären Kleinfamilie
- denn all das bildete schließlich den gesellschaftlichen Hintergrund
der Punk-Ära. So gelingt Parsons, der heute in Großbritannien
neben Nick Hornby zu den populärsten Gegenwartsliteraten zählt,
hier nicht nur mitreißende Unterhaltungsliteratur, sondern auch
das Portrait einer Ära. Eine Ära genau zwischen Moderne und
Postmoderne, als der Phänotyp des Berufsjugendlichen noch nicht vorhanden
und ewige Jugend noch keine gesellschaftlichen Optionen waren - und man
deshalb noch erwachsen werden musste. Jugend 1977 in London mag zwar aufregender
gewesen sein als heute, aber an der Schwelle zum Erwachsenwerden winkten
nur etablierte Formen von Bürgerlichkeit und Familienleben. Deswegen
ist "Als wir unsterblich waren" auch eine éducation sentimentale
im doppelten Sinne des Wortes.
Zitat
Er versuchte sich zu erinnern, was Skip zu ihm gesagt hatte. Er wusste,
es war etwas darüber, dass alle Kunstformen ihre Zeit haben. So wie
Jazz seine Zeit hatte. So wie die Malerei ihre Zeit hatte. Skip hatte
gesagt, dass es wahrscheinlich nie wieder einen zweiten Miles Davis geben
würde und nie wieder einen zweiten Picasso. Skip hatte gesagt, dass
die Musik nie wieder ganz so gut sein würde, wie die Musik, die sie
geliebt hatten; und so blieben sie mit einer weiteren sterbenden Kunstform
zurück, die bald reif fürs Museum sein würde.
Aber wenn ihre Musik starb, würden sie nicht mit ihr sterben? Sie
war das Herz ihrer Welt gewesen, solange Terry denken konnte. Ihre Musik
war mehr als ein Soundtrack: Es war eine Maschine, die sie am Leben erhielt,
von der der Kindheit durch die Pubertät hinein in etwas, das vielleicht
als Reife durchgehen konnte. Vielleicht würden sie alle neue Dinge
finden müssen, für die es sich zu leben lohnte, und die Musik
würde etwas sein, zu dem sie nur noch ab und zu zurückkehrten
- wie die Erinnerung an jemanden, den man verloren hatte.
Als er darauf wartete, dass der Zug aus dem Bahnhof fuhr, fühlte
Terry sich glücklich, dass er eine Frau hatte, die er liebte, dass
ein Baby unterwegs war und dass er seine eigene kleine Familie hatte.
Nach der Hochzeit würde alles einfacher werden, oder?
Eine Frage,
die wie ein Hinweis auf das zentrale Thema von Tony Parsons anderem aktuellen
Roman wirkt. Geht es in "Als wir unsterblich waren" um die Schwierigkeiten
des Erwachsenwerdens, so berichtet nämlich "Erzähl mir
nichts von Wundern" von den Schwierigkeiten des Erwachsenseins -
der Ehe, der Kleinfamilie und der Liebe, vor allem aber des Kinderkriegens.
Struktur und Konstruktionsprinzip sind dieselben wie in seinem Punkroman,
aber "Erzähl mir nichts von Wundern" spielt im heutigen
London, und im Mittelpunkt stehen nun drei nicht mehr ganz so junge Frauen
zwischen 30 und 40 - die Schwestern Cat, Jessie und Megan. "Deine
Eltern versauen dir die erste Hälfte des Lebens, und deine Kinder
die zweite", lautet das zynische Motto ihrer Rabenmutter, an dem
sich alle drei abarbeiten müssen. Also: Kinder ja oder nein? Jessie
und ihr liebevoller Mann Paulo wollen unbedingt, nur die Natur spielt
nicht mit. Sex nach der Eieruhr, künstliche Befruchtung, nichts führt
zum Erfolg, da bleibt nur noch eine Adoption übrig. Megan dagegen,
die als angehende Ärztin nichts weniger als ein Kind braucht, wird
nach einem One Night Stand schwanger und sieht einem Schicksal als alleinerziehende
Mutter entgegen. Und Cat, die älteste, die ihre individuelle Freiheit
nie durch eine Mutterschaft gefährden wollte, überfällt
angesichts des Dauerthemas ihrer Schwestern bald eine nie geahnte Torschlusspanik.
Ihren knapp 50-jährigen Freund Rory, der bereits aus erster Ehe einen
Sohn hat, überredet sie schließlich sogar zum Rückgängigmachen
seiner Sterilisation, um ein Kind von ihm zu empfangen.
Zitat
Rory sah das Problem folgendermaßen: Früher bekamen Frauen
mit dem ersten Mann ihres Lebens ein Kind. Heutzutage bekamen sie eher
eines mit dem letzten. Mit dem ersten Mann im Leben ein Kind zu bekommen,
konnte allerlei Probleme mit sich bringen, das verstand sich, vor allem
das Problem, etwas zu verpassen. Eine Berufsausbildung. Eine Karriere.
Freizeitsex. Viel Freizeitsex, mit einem großen, bunten Sortiment
an Männern. Und all die kostbaren Momente, in denen man spürte,
wie jung und wie frei man war, und dass die Welt einem gehörte. (...)
Deshalb verstand Rory sofort, dass die modernen Frauen ein Kind vom ersten
Mann ihres Lebens so nötig brauchten wie einen Kropf. Aber hatte
sich das Rad zu weit in die andere Richtung gedreht? Was brachte es für
Probleme, wenn man mit dem letzten Mann seines Lebens ein Kind bekam?
(...) Späte Mütter wurden sie genannt, jene Frauen, die einen
Haken um ihre Sandkastenfreunde geschlagen hatten, um ungewollte Schwangerschaften,
um ihre Uni-Liebe und ein Sammelsorium an Männern aus Urlaub, Büro,
Clubs und Bars; die Frauen, die 15 Jahre unbeschwert von Mutterschaft
verbracht hatten und nun noch ein schmales Zeitfenster für Kinder
offen hatten, vergängliche 10 Jährchen Fruchtbarkeit. Doch nun
kam das Problem: Die meisten guten, vielleicht sogar die besten Männer,
waren vergeben. Wahrscheinlich wurden daher die letzten Männer aus
ähnlich zweifelhaften Gründen gewählt wie die ersten. Rory
machte sich Sorgen um die späten Mütter. Er machte sich Sorgen,
dass sie nicht annähernd so schlau waren, wie sie dachten. Im Grunde
erinnerten ihn die späten Mütter an Schnäppchenjäger
am Weihnachtstag: Die Auswahl war eben schon recht dürftig.
Mit Komik
und Tragik gewürzt, schildert Tony Parsons auf äußerst
einfühlsame Weise die Tücken der Familienplanung und das komplexe
Gefühlsleben urbaner Frauen und ihrer Ehemänner, Liebhaber,
Mütter und Väter. Im Gegensatz zu "Als wir unsterblich
waren" spielt Popmusik zwar nur noch eine Nebenrolle, sie begleitet
aber nach wie vor einschneidende Erlebnisse oder markiert wichtige Stationen
des Lebens. Ganze Familiengeschichten werden en passant aufgeblättert,
lebensphilosophische Erkenntnisse eingeflochten, kluge Beobachtungen über
den Stellenwert von Sex in Zeiten des schnellen Konsums angestellt. Dass
Tony Parsons bei den Dingen des Lebens gründlich recherchiert hat,
merkt man auch an seiner detaillierten Schilderung einer postnatalen Depression,
der Beschreibung einer Frühgeburt oder der schwierigen Umstände
einer Adoption in China. Gerade weil seine Charakterzeichnungen so differenziert
sind, besitzen seine Figuren auch ein hohes Identifikationspotential.
Und trotz psychologischem Tiefgang liest sich alles leicht bei Parsons,
an dem auch der Vorwurf abprallt, sich als Frauenversteher aufzuspielen.
Denn letzten Endes leistet "Erzähl mir nichts von Wunden"
vor allem eins: im ganz normalen Chaos der Liebe den tieferen Sinn aufsteigen
zu lassen, warum Menschen Kinder in die Welt setzen.
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