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Benedikt Geulen

KLAUS MODICK: SEPTEMBER SONG

Mit der deutschen Gegenwartsliteratur ist das ja so ein Ding. Da gab es in den letzten Jahren einen Hype junger deutscher Frischliteratur sondergleichen, und man konnte sich ernsthaft fragen, ob ein Autor, der nicht mit spätestens Zwanzig schon seinen ersten Roman veröffentlicht hatte, überhaupt noch auf dem Markt eine Chance hat. Daß deutsche Gegenwartsliteratur sehr wohl auch in den Siebzigern und Achtzigern geschrieben wurde und es eigentlich immer nur ein dummes Gerücht war, daß deutschsprachige Autoren vor Stuckrad-Barre nur ohne jeden Unterhaltungswert schreiben konnten, widerlegen bei genauerem Hinsehen einige Dutzend Namen und wahrscheinlich einige hundert Bücher. Man sollte vielleicht einmal testen, inwiefern just die Vertreter der Kritiker- und Berufsignorantenkaste, die sich fast zwei Jahrzehnte so vehement über die fehlende Kraft deutscher Gegenwartsprosa beschwert haben, eben dadurch und durch mutwilliges Übersehen den beschriebenen Zustand erzeugt haben. Aber was soll´s, wir sind hier ja nicht im Deutschunterricht...

Klaus Modick veröffentlicht seine deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit Anfang der achtziger Jahre. Außerdem hat er uns etliche bemerkenswerte Übersetzungen aus dem englischen geliefert, so z.B. von William Gaddis und Richard Olmstead (auch so ein leider wenig gelesener). Spätestens seit seinem Roman "Moos", 1984 im Haffmans Verlag erschienen, hat Modick Jahr für Jahr bewiesen, daß deutsche Literatur neben der Reflexion zweifach deutscher oder nur einfach deutscher Probleme auch bestens unterhalten kann. Dem ein oder anderen trage ich vielleicht jetzt eine Eule nach Athen, aber worauf ich hinaus will ist ja schließlich Klaus Modicks gerade erschienener Roman "September Song". Na, wer hat´s gewußt? Richtig: Das ist der Titel eines Kurt Weill-Songs. Und davon zitiert der Autor später im Buch dann noch den Refrain. Das ist durchaus keine Nebensache, aber auch nicht der Anfang der Geschichte. Kurt ist auch der Name des Helden des Romans, und wir begleiten ihn eingangs auf seinem Weg zum Hauptbahnhof, wo er seine siebzehnjährige Tochter von der Ferienfahrt abholt. Die sonnengebräunte Marie strahlt ihrem Vater entgegen. Abgesehen von ihrem bemerkenswert gesunden Äußeren fällt Kurt bald noch etwas auf, was ihn an seiner Tochter verunsichert: Sie hat sich offensichtlich verliebt. Bald sind der Name und ein Foto des Glücklichen gefunden, und in Kurt steigt neben der väterlichen Eifersucht ein weiteres ungutes Gefühl auf. Wie der Bohrer bei seinem anstehenden Termin in der Zahnarztpraxis Decker & Schwarz, zartfühlend Black & Decker genannt, fräst sich der unangenehme Verdacht in Kurts Kopf, Maries Verehrer könnte sein eigener Sohn aus einem kurzen aber heftigen vorehelichen Verhältnis sein. Und das wäre ja... Die Ungewißheit bringt Kurt einigermaßen aus dem Gleichgewicht, das er zunächst versucht am Tresen der alten Stammkneipe mit dem ebenso alten Freund Steinmann, genannt Feuerstein, wiederzugewinnen. Gegen Feuersteins nicht mehr ganz nüchtern vorgebrachten Rat, das alles einfach mal aufzuschreiben, wehrt sich Kurt zunächst. Doch schließlich siegt der Mann des Wortes in ihm. Außerdem kennt er sich als langjähriger Lektor eines angesehenen Schulbuchverlags auch in Recherchedingen aus. Also begibt er sich auf die Spur der eigenen Vergangenheit und gräbt einige längst verschüttete Erinnerungen aus. Damals, vor 18 Jahren machte er mit dem kleinen Team einer Werbefilmproduktion eine Reise nach Sardinien. Kurt war Praktikant, Mädchen für alles. Und um ihn herum dieses ganze "KreaTiV-Team". Naja, so nannte sich eben Anfang der Achtziger eine junge dynamische Filmfirma. Jens-Uwe hieß ihr Chef, der mindestens zweihundertmal am Tag "Okidoki" sagte. Und da war Vera. Kurts Blicke verfingen sich schon am ersten Tag auf der Insel in den ihren. Vera - nach der Sardinienreise hatte er sie aus den Augen verloren und nicht mehr wiedergesehen. Aber einige Monate später kam dieser ominöse Brief, den er heute noch aufbewahrt...

Klaus Modick gelingt mit "September Song" eine wunderbar kurzweilige, sehr leicht und immer pointiert erzählte Geschichte von der wohlbekannten Erschütterung des gut geordneten Lebens. Sein Held Kurt wird an keiner Stelle einfach nur vorgeführt, sondern bleibt das ganze Buch hindurch der Mensch, den wir alle kennen, dessen Gedanken wir durchaus nachvollziehen können, und dem wir eigentlich diese ganze Bredouille gar nicht wünschen. Die eingebaute Erinnerung an Kurts "Werbefilmpioniertage" in den frühen Achtzigern ist erzählerisch allein schon ein kleines Juwel verglichen mit handelsüblicher Vergangenheitsbewältigungsprosa. Vielleicht macht das ja gerade die Qualität und Überzeugungskraft von Klaus Modicks Erzählkunst aus. Weder macht er seine Protagonisten zu abziehbildhaften Vertretern einer Generation und eines Lebensstils, noch verlieren sich seine Figuren in wehleidigem "Mein Leben geht vor die Hunde, früher war alles besser". Auch wenn es um sogenannte Vergangenheitsbewältigung geht, Klaus Modick macht daraus im besten Sinne des Wortes deutsche Gegenwartsliteratur.

Klaus Modick, September Song, Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2002, 260 Seiten, 18,90 €