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Roberto Cabot
(neu)
Texte für Niobe
"Honey From The Frozen Land"
Leif Trenkler
Thomas Kling
den
sprachn das sentimentale abknöpfn
Achim Wagner
Frankys Curry-Station
Alexander Kunz
Für Peter Handke
Olaf Karnik
verwehrt blieb
Black Earth Elend Trivium
Gewalt gegen Sachen
Roland Schappert
Neue Gedichte
und Prosa
Achim Wagner
Schwarzer Tag
Roland Schappert
Sesam auf dem Brötchen
Olaf Karnik
Gedichte
Thurston Moore
Gedichte
deutsche Übersetzung
Kai Althoff
Gedichte
Billy Childish
Die Idiotie der Ideen
Billy Childish
Meine Schuld
Codeine Girl
First International Sermon Of
The Last Survivors
Roland Schappert
Brief, Song und Reste
Achim Wagner
Die Zöllner
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Billy Childish:
MEINE SCHULD
Wenn ich
euch ganz genau erzähle, wie alles gewesen ist, dann kann mir niemand
vorwerfen, ich hätte gelogen. Das ist so ein hohler Traum von mir,
damit bescheiße ich mich selbst. Ich bleibe einfach brutal ehrlich,
damit ich selber was begreife, damit ich klar komme ... "Junge Herren",
pflegte unser Vater uns zu nennen, wir, die wir gebürstet und gestriegelt
hilflos auf dem Rücksitz seines Wagens saßen. Und irgendwie
schien der alte Idiot wirklich dran zu glauben. "Junge Herren".
Wir lebten ständig in Angst vor seinen drohenden Besuchen und mit
dem stillen Elend unserer Mutter. Wenn die Alte erstmal aufgeräumt
hatte, durften wir nicht mehr herumtollen oder auch nur einen Finger rühren.
Weder Spiel noch Spaß gab's dann für uns Kinder, nein mein
Herr! Doppelt gut geschrubbt und keinen Dreck mehr machen. Und jede Nacht
saß unsere Mutter an ihrem Platz am Fenster und wartete, daß
die Scheinwerfer des Autos auftauchen würden, erst leise schniefend
... dann schluchzend ... dann wurde es richtig dunkel und sie kippte das
Essen weg. Das gleiche Spiel Abend für Abend, Woche für Woche,
bis der alte Ganove endlich antanzte.
"Waren das seine Scheinwerfer? Hast du da nicht auch eine Autotür
gehört?"
Mein Bruder und ich gucken uns an, jetzt fängt sie an sich Sachen
einzubilden. Und dann das Weinen, unterdrückt, es klingt leer, dreht
ab und dann wieder auf. Das gleiche Lied, ein Keuchen im Dunkeln, ganz
hinten ... bei der Jalousie. Jeden Abend, hoffend, erwartungsvoll und
dann resigniert ... Jeden Abend tut sie so als würde er kommen, und
wir haben das Theater. Sie räumt auf, kämmt ihr Haar und malt
ein Lächeln in ihr Gesicht ... Dann kommt das Auf-die-Uhr-gucken,
bis sie schließlich das Essen wegkippt und eine Flasche Guinness
aufmacht. Dann klingelt das Telefon ... sie wirft die Katze von ihrem
Schoß runter und springt hin ... er ist besoffen ... Er kommt mit
dem nächsten Zug ... im Telefon tutet's ... dann nichts mehr, wir
sitzen rum und warten ... aber er läßt sich nicht blicken,
und wir gebürstet und gestriegelt, dürfen nicht im Garten spielen
... und müssen früh ins Bett.
"Euer Vater ist am Bahnhof, in 'ner Viertelstunde ist er da."
Sie fingert an ihrem Hals rum und starrt ernst in den Garten ...
"Liegt da Abfall rum unter der Kiefer? Du hast doch da kein Bonbon-Papier
hingeschmissen, Steven? Du weißt doch wie dein Vater ist! ..."
Wir drehen Däumchen und passen auf, daß wir uns nicht schmutzig
machen. Wir spielen hinten im Zimmer, vorne im Wohnzimmer dürfen
wir nicht, mit der Begründung, daß ich das Sofa an den Arsch
gebracht habe, weil ich drauf rumgesprungen bin, also dürfen wir
da nicht rein. Ich male einen Vogel in Rosarot und ein Kriegsbild, dann
boxt mich mein Bruder und wirft das Malwasser um. Schreiend krümme
ich mich auf dem Boden, bis die Alte reinkommt und explodiert.
"Ihr verfluchten scheiß Kinder!... Seht euch das an!.... und hör
um Himmels willen auf zu heulen. Oh Gott, was für'n Gejaule!"
Dann hören wir die Autotür, und ein blonder Schatten taucht
am Fenster auf, gespenstisch ... wir müssen zweimal hinsehen um sicher
zu sein...
Wir schauen zu, wie er näherkommt, erst sein affiger Hut, dann sein
Bart. Dann sieht man ihn ganz, wie er mit seinem Schirm rumfuchtelt, nach
Bonbon-Papier stochert. Er bleibt stehen, dreht sich um und beugt sich
runter, er sieht ganz genau nach, um sicher zu gehen ... dann hebt er
etwas mit spitzen Fingern zwischen Daumen und Zeigefinger auf. Er hält
es ins Licht, schnuppert dran, und trägt es weg mit einer Armlänge
Abstand vom Körper und präsentiert es meiner Mutter, die an
der Tür steht und ihn erwartet. Wir beobachten alles vom Fenster
aus. Er schwebt durch den Garten, hebt Bonbon-Papier auf und geht direkt
auf sie zu. Er stellt sich außerhalb unserer Sichtweite ... Dann
kommt er wieder ins Blickfeld, schaut mich irgendwie an und ich ihn...
"Hallo Nicholas, Steven."
Er grüßt und geht vorbei, den Kopf zurückgeworfen, die
Augen abgewandt. Er geht ins Wohnzimmer und die Tür schließt
sich.
"Hallo Vater", sage ich.
Die Alte rennt in die Küche als wär der Teufel hinter ihr her
und schmeißt das Bonbon-Papier, plumps, in den Mülleimer, es
raschelt nach unten, zwischen den Kartoffelschalen und den Teebeuteln,
sie wirft es da rein, das anstößige Einwickelpapier.
Dann schlurft sie in der Küche rum und befingert ihren Hals. ...
Er kommt aus dem Wohnzimmer und hat seinen finsteren Blick aufgesetzt.
"Was machst du denn für einen Aufstand hier, Juny?"
"Willst du was essen, Schatz?"
Er erstarrt und glotzt sie an, schaut sie von oben nach unten an, von
Kopf bis Fuß.
"Ja, Juny, Roast Beef und Yorkshire Pudding, wenn's recht ist". Sie klappt
den Deckel vom Brotkasten zu. "Roast Beef bitte, Juny!" ...
Das ist seine Antwort.
Wir haben kein Roast Beef, also müssen wir ausgehen, um zu essen
und das heißt, wir müssen doppelt gut gestriegelt und gebürstet
sein.
"Ich könnte dir einen Käsetoast machen ... Ich wußte nicht,
daß du kommst ... oder ich kann Eier und Bratkartoffeln machen."
Ungläubig schüttelt er seinen Kopf. Zum Spielen rausgehen ist
nicht, gut geschrubbt und keinen Blödsinn mehr. Meine Mutter kippt
den Käsetoast in den Abfall ... und dann muß sie sich aufdonnern.
Ich kann sie nackt im Bad sehen, wie sie ihr Puder rausholt ... der Gestank
von Lippenstift und zum Schluß der alte Pelzmantel von ihrer Mutter
... das war immer das Signal, wenn sie den alten Fetzen anzog, das hieß,
daß wir ausgehen.
"Kann ich nicht rausgehen... Ich hab kein Hunger ... es wird auch nicht
spät"
"Auf gar keinen Fall Steven, das ist ein Familienessen!"
Das ist hart. Mein Bruder unterstützt den Alten. "Auf keinen Fall,
Kleiner". So reden sie alle mit mir. Ich gucke niedergeschlagen. Trete
nach Steinen.
"Was ist los mit deinem Sohn, Juny? Der ist absolut undankbar"
Ich male mit den Zehen Muster in den Boden- ich sehe ihn an, dann wieder
nicht, so war das immer gewesen. Gelangweilt latsche ich rum, warte, daß
der blöde Sack auftaucht und dann klingelt das Telefon ...
"Scheiße ihr verdammten Arschlöcher! ... Oh, um Himmels willen,
jetzt ist Schluß oder ich schlag euch beiden die Köpfe ein!
... Oh, hallo Schatz ... ja ... ja ... der um Viertel nach acht ... ja..."
Und dann die Aufräumerei ... erstmal die Knie sauber kriegen und
nicht mehr rausgehen ... dann warten, daß der blöde Sack kommt
und sich an einem Bonbon-Papier festkrallt. Die Nase hocherhoben kommt
er rein und deponiert es im Mülleimer ... Applaus!
"Komm schon Juny, zack, zack! Ich hab seit Mittag nichts mehr gegessen.
Nicholas! ... Steven! ... Schaut mal eure Knie an! Um Gottes willen, zack-zack!
Also ehrlich Juny, es ist nichts zu essen im Haus, und dann läßt
du mich hier den ganzen Abend hängen. Ich hab extra vorher angerufen,
warum kannst du dann nicht fertig sein?... Los jetzt Jungs, ab in den
Wagen! Und paßt um Himmels willen auf die Polster auf! Jesusmaria
Juny, mein Geld nimmst du gern, kann ich dafür nicht ein kleines
bißchen Respekt erwarten?"
Wir gehen langsam raus aufs Auto zu, es ist noch warm und stinkt nach
Leder ...
"Ich hoffe, dieses Kind kotzt nicht wieder in den Wagen! Du wirst doch
heute nicht in allen Fernsehfarben gähnen, oder Steven?"
"Was?"
"Nicht ›was‹ - ›wie bitte‹!"
Ich bin fest davon überzeugt, er ist mit Absicht durch diese ganzen
Kurven gerast. Er hat den vierten Gang reingehauen und im Traum nicht
mehr dran gedacht, nochmal runterzuschalten, dabei die ganze Zeit aufs
Lenkrad eingeschlagen. Ich faß mir an den Kragen und lutsche in
meinem Mund rum. Es ist diese ganz besondere Mischung aus dem Leder und
dem Lippenstift von der Alten, das ganze Auto stinkt danach, und sie steckt
in dem stinkenden Pelzmantel ihrer Mutter. Sie dreht sich um und streicht
mir über die Haare, wie eine Katze, die einen leckt, und dann haut
mich der Gestank um, er klebt an meinem Gaumen. Ich würge. Sie fühlt
meine Stirn, und dann klappert sie mit ihrem Billig-Schmuck vor mir. Das
Gold an ihrem Ring funkelt in meinen Augenhöhlen. Ich würge,
es kommt mir hoch, und ich schlucke es wieder runter, ich beiße
die Zähne zusammen ... ich brauche Luft, ich brauche Wald, ich will
ein Tyrannosaurus Rex oder ein Eichhörnchen sein. Er tritt auf die
Bremse und fährt mit Vollgas in den Kreisverkehr. Mein Mageninhalt
hebt sich, es tropft aus meiner Nase, sauer, Bohnensauce, ich kann nichts
machen. Ich gebe nach und laß es raus, in heißen Schüben,
sechs verschiedene Tomatensorten.
"Um Gottes willen, Juny, sorg dafür, daß er aufhört! ...
Ich glaub es nicht! Er hat es wieder getan! Der kleine Stinker!" Er kämpft
mit dem Lenkrad, brüllt über die Schulter. "Warum hast du uns
nicht Bescheid gesagt! ... Das hast du doch mit Absicht gemacht! Das kann
er auch sauber machen! Das ist dein Sohn, Juny! Verfluchte Scheiße!
... Du blödes kleines Arschloch!"
Er tritt auf die Bremse, und ich knalle mit der Nase auf ... der Griff
hinten an seinem Sitz, ein kleines Klapptablett, ich schlucke noch einen
Mundvoll ...
"Das liegt dran, wie du fährst, da kann er nichts dafür ...
stimmt's Steven?"
Sie tupft mir die Nase mit einem Taschentuch ab, das schon ganz hart angetrocknete
Ecken hat. Ich taste nach dem Türöffner, fall auf die Knie und
krieche an den Rand. Mein Vater packt das Lenkrad mit beiden Händen.
Angewidert starrt er aus der Windschutzscheibe ... Ich atme das Gras ein
und die Hecke. Ich spüre den Dreck und grabe meine Fingernägel
hinein. Ich will nicht essen, ich mag Essen nicht, es ist eine Falle,
eine von diesen Qualen, die mich kaputtmachen sollen ... ich gluckse im
Staub. Laßt mich bitte hier, laßt mich bitte sterben, das
Leder ertrag ich nicht. Meine Mutter, ein riesiger Lippenstift ... Ich
laß es raus, bitter, zwei oder drei Mundvoll, süß und
klebrig ...
"Dad, Steven hat sich schon wieder übergeben..." Mein Bruder petzt
triumphierend. Ich lecke über meinen Rotz, meine Augen stechen. Meine
Beine sind dünn und weiß, ich weiß nicht, was ich hier
tue oder warum ich hier bin, aber diese Leute haben Kontrolle über
mein Leben. Ich bin ihr Eigentum, über das sie nach Belieben verfügen
können, ich stehe in ihrem Bann, sie herrschen über mich mit
Gewalt und mit Worten... ich krieche auf den Rücksitz. Das Schlimme
ist, daß ich den Rücksitz schmutzig gemacht habe. Wir fahren
durch die Stille und den Gestank. Ein Gesprächsthema aber für
später, und meine schlechten Zähne, meine Beulen.
Wir fahren schweigend weiter, warten ...
"Meine Herren ..." So hat mein Vater geredet, wenn er Brandy getrunken
hatte, sein Gesicht glänzte. Ich atme durch den Mund, um den Gestank
nicht abzukriegen, ich drücke mein Gesicht gegen die Scheibe.
"Hört ihr was?" Er dreht sich zu uns um, schaut über die Sitzlehne.
"Könnt ihr nicht? Tja, das ist es! Dafür lohnt es sich! ...
Hört mal, brr... das ist alles ..." Er zieht alle Barthaare zusammen
und schnurrt wie eine Katze. "Dafür lohnt es sich, Geld auszugeben,
Technik! Herr Rolls und Herr Royce die besten Motoren der Welt! Ich kann
euch versichern, der Motor läuft wirklich, hört mal!..." Er
kräuselt die Lippen "Brrrrrrr... Da habt ihr's, der Rolls Royce-Motor!
Qualität meine Herren!... Jawohl, meine Herren, Junge ... Ihr seid
alle beide prächtige junge Herren!"
Und da sitzen wir auf dem Parkplatz, das Auto rattert unter unseren Füßen.
"Ihr zwei seid prächtige junge Herren ... und wenn ihr groß
seid, werdet ihr gutaussehende Kerle sein! ..."
Das Gesicht meines Bruders schwillt an wie ein Fußball, drohend
vor Stolz.
"Prächtige, hübsche junge Herren! ..."
Ich sitze da, meine Zähne stehen ab in acht verschiedenen Richtungen,
ich kaue immer noch auf alten Karottenstücken rum.
"Prächtige, gutaussehende junge Herren, stimmt's Juny?..."
Dann kneift mich mein Bruder, und ich jaule auf.
"Gebt jetzt Ruhe ihr beiden oder ich schlag eure verdammten Köpfe
ein! ... Wenn ihr euch nicht wie Erwachsene benehmen könnt, werdet
ihr auch nicht wie Erwachsene behandelt ..."
Mein Bruder grinst mich von oben herab an. Mit der Hand verdecke ich meine
Zähne, verschissen ... Ich wollte glauben, aber ich kann nicht. Ich
kann ehrlich nicht ...
Billy Childish
Aus dem
Englischen von Conny Lösch
(junge Welt Sonnabend/Sonntag, 3./4. Januar 1998, Nr. 2)
Billy Childish
hat in den letzten 20 Jahren über 30 Gedichtbände veröffentlicht,
mehr als 70 LPs aufgenommen und über 1000 Gemälde und Holzschnitte
angefertigt. Er lebt und arbeitet in Chatham, Kent.
Der abgedruckte Text ist ein Auszug aus seinem Roman "My Fault", erschienen
1996 bei Codex, PO Box 148, Hove, BN3 3DQ, England.
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