Benedikt
Geulen
Jochen
Schimmang, Die Murnausche Lücke
Jochen
Schimmang lebte und schrieb lange Jahre In Köln, bis er 1998 für
etwa ein Jahr nach Paris ging , um danach in seine norddeutsche Heimat
zurückzukehren. Dort, "an der nordwestdeutschen Küste,
nicht weit vom Dollart und nahe der Stelle, wo die Leda in die Ems mündet",
spielt auch Schimmangs neuer Roman. Sein Protagonist Murnau ist Mathematiker,
und zwar ein sehr erfolgreicher. In kurzer Zeit hat er es vom Studenten
zum Professor an einer der erhabensten Geistesstätten der Welt
gebracht: Cambridge. Dort hat er geforscht, gelehrt und publiziert -
und nebenbei sehr gut daran verdient. So gut, daß er es sich leisten
kann, der Universität in noch nicht weit vorgerücktem Alter
den Rücken zu kehren, und wieder in seinen Heimatort zu ziehen,
wo er inzwischen von seinem eigens engagierten Finanzverwalter ein hübsches
Haus hat erwerben lassen.
Tief in seiner Seele ist Murnau nicht nur kühler und genauer Rechner
sondern auch Mann des Wortes, Philosoph und Schriftgelehrter. Schließlich
hatte er damals in Berlin auch seine Studien in diesem Metier begonnen,
bis er dann zur Mathematik fand. Die größte wissenschaftliche
Reputation bringt ihm interessanterweise nicht die Publikation eines
genialen Beweises, die Lösung eines der großen mathematischen
Probleme, sondern der Hinweis auf "eine winzige, fast mikroskopisch
kleine Lücke" in seinen Überlegungen zur "Fermatschen
Vermutung", von der Fachwelt fortan "Die Murnausche Lücke"
genannt.
"In unserer Disziplin kommt es manchmal auch auf die Eleganz bei
der Nichlösung von Problemen an, auf die Schönheit der Kapitulation
gewissermaßen". Ein Satz, den Murnau in seiner Erzählung
quasi nebenbei fallenläßt, der aber den Kern einer beinahe
schicksalhaften Kernlosigkeit recht genau trifft. Ein weiteres existentielles
Problem, für das Murnau keine rechte Lösung findet, ist seine
latente Schlaflosigkeit. Schon als Jugendlicher hatte er damit zu kämpfen.
Nun, da er allein in den kleinen - regelrecht verschlafenen - norddeutschen
Ort zurückgekehrt ist, sehnt er sich nach einer Zuflucht, die nächtliche
Gesellschaft bietet. Eines Tages macht ihn ein Freund auf ein neues
Lokal außerhalb der Stadt aufmerksam, das bis Sonnenaufgang geöffnet
ist. "Insomnia" heißt das Gasthaus bezeichnenderweise,
und es wird mit seinem Angebot an guten Weinen, hervorragenden Speisen
und dem Inventar an Nachtschwärmern und Schlaflosen der ganzen
Region zu Murnaus regelmäßigem Nachtdomizil. Hier trifft
er auf interessante Zeitgenossen und läßt sich auch selber
gerne als eigenbrötlerischer Einzelgänger wahrnehmen. Gelegentlich
verläßt er noch den Ort um Einladungen zu internationalen
Kongressen zu folgen. Längst hat er sich aber von der wissenschaftlichen
Geschäftigkeit seiner Mathematiker-Kollegen distanziert und sich
einem umfangreichen historischen Thema zugewandt. Er hat den Ehrgeiz,
über keinen geringeren Protagonisten ein Buch zu verfassen als
ausgerechnet über die Unendlichkeit. Kein leichter Gegner, könnte
man sagen, um es einmal sportlich auszudrücken. Eines Nachts jedoch
wird ihm schlagartig klar, wie er den Stier bei den Hörnern zu
packen hat, und er macht sich an die Arbeit.
Jochen Schimmangs neuer Roman läßt einen unauffälligen
Helden zu Wort kommen. Und auch wenn vermutlich die wenigsten Leserinnen
und Leser sich als passionierte Mathematiker bezeichnen würden,
kommt er uns in vielen seiner Schilderungen sehr nahe, so daß
wir uns hier und da vielleicht selber ein wenig erkannt fühlen.
Die Geschichte, die uns Murnau erzählt, ist zudem auch eine Liebesgeschichte.
Eine ganz zarte. Aber hierüber mehr Worte zu verlieren, hieße
das Ende des Buches vorwegzunehmen, und das ja soll nicht Aufgabe dieses
Textes sein...
Jochen
Schimmang, Die Murnausche Lücke
Wunderhorn Verlag, 2002
geb., 176 Seiten, 18,50 €
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