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Olaf Karnik
Peter Licht: Wir werden siegen -
Buch vom Ende des Kapitalismus

Stefan Heuer
Aufbegeheren, gebrochen Zeile
Jan Egge Sedelies

Adrian Kasnitz
Von Thujen und Tagen
Petr Borkovec

Stefan Heuer
Verlustreiches Ende
Adrian Kasnitz

Axel Dielmann
Alles umgekehrt!
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Stefan Heuer
biete bluterguss & suche das weite
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Axel Dielmann
Eine Perlenkette
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Liebe & Gin.
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Sonntage ohne Unterschrift.
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Adrian Kasnitz
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Schweifen und begreifen

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Speiseeisheilige
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Ich kann dir
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Streuverlust -
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Obstessen in Bosnien -
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Dole Vita in Mannheim -
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Cannabis Sünde sein? -
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Ein Paradies ohne Trost.
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Bier & Schläge

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Joachim Lottmann &
Diedrich Diederichsen

Olaf Karnik
Is this real?
Die Kultur des HipHop

Isabella Löhr
Gilbert Adair
Der Tod des Autors

Tobias Schoofs
Loop
René Hamanns
Neue Kokons

adrian kasnitz
Aus der Proninz
ins Zentrum (et retour).
Eine Anleitung

adrian kasnitz
Wie viel Autobiographie
veträgt der Mensch?

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Letzte Worte?

Adrian Kasnitz
Wer war Klaus
Störtebeker?

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Wanderungen durch
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Isabella Löhr
Klaus Theweleit -
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Das mechanische Klavier

Adrian Kasnitz
Im BMW mit
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Isabella Löhr
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Nachtstück -
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Achim Wagner
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Benns Briefe an Ziebarth


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Sport ist Mord

Achim Wagner
(Ver-)Wandern
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Verschwende deine Jugend

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Drei Strassen in Texten.
Majakowskiring, Schönhauser Allee
und Venloer Straße


Achim Wagner
Havanna, Buchmessen, Sex und Pedro Juan

Benedikt Geulen
Jochen Schimmang- Die Murnausche Lücke

Benedikt Geulen
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Adrian Kasnitz

AUS DER PROVINZ INS ZENTRUM (ET RETOUR). EINE ANLEITUNG.

Die letzten 15 Jahre können getrost als Berlin-Jahre bezeichnet werden. Keine andere Stadt im deutschen Sprachraum erfuhr in dieser Zeit mehr Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit ist ungebrochen. Die Stadt zieht immer noch Kunstwillige an, auch wenn sie schrumpft (jedoch der Speckgürtel wächst); sie zieht immer noch 20-Jährige an, auch wenn der Berliner Senat alles drangibt, die Studenten von seinen Universitäten fernzuhalten.

Einen Berlin-Roman schreiben zu wollen, ist keine selten geäußerte Idee. Themen gibt es zuhauf. Allerdings kommt es auf die Kunstfertigkeit an. Bleibt man nicht nur in Mitte stehen, fallen einem die 40-Jährigen in Kreuzberg, die 30-Jährigen in Prenzlauer Berg, die 20-Jährigen in Friedrichshain auf. Man sollte nicht auf die hippen Stadtteile fixiert bleiben, einen Spaziergang nach Köpenick wagen oder den Charme des desavouierten Ku'damms entdecken. Schon für Schimmangs Murnau, Anfang der 70er Jahre also, bestand der Reiz, mit der Buslinie 191, der heutigen 119, den Ku'damm entlang nach Halensee zu fahren. Für Partys eine mediokre Gegend vielleicht, nichtsdestoweniger eine gute, um dort dem Haushalt nachzugehen und der Arbeit zu frönen. Ein Ort der Lichtung?

Hier teilt sich Berlin in neue Orte und alte Orte. Hier werden ganze Stadtteile mit zugewanderten Provinzlern bevölkert, die die Verbindung sowohl zur eigenen Provinzgeschichte als auch zu den einzelnen Kiezgeschichten leugnen. War nicht diese Stadt immer schon ein Ort der Einwanderung: angefangen bei der deutschen bis hin ... - müßig, alle Namen aufzuzählen. Wohnten nicht 1980 in einem Mietshaus im Bezirk Prenzlauer Berg zugezogene Parteien aus Magdeburg, aus Pommern, aus der Danziger Gegend und dem Süden der DDR? Nicht von ungefähr heißt ein Kreuzberg-Roman Hitze. Hitze als Amalgam, um die einzelnen Bestandteile zu einem geschmackvollen Ganzen zusammenzubringen. Da freut sich der Biochemiker Louis Maillard, wenn die Zucker- und Eiweißmoleküle in Wallung geraten, Aromastoffe absondern, Pigmente bilden.

Jeder Berlin-Roman kennt seine Zeit, seine Umstände, seine Orte: Diederich Heßling liebt das Wilhelminische Berlin, Franz Bieberkopf verstrickt sich im Weimarer, Reimanns Elizabeth kennt die Gegensätze der beiden Berlins, Murnau verzettelt sich im Nach-68er Milieu, Fritze treibt im Drogensumpf, DeLoo schwindet in der Nachwende, wenn die Stadt wieder verschmilzt, die einzelnen Stadtteile mit neuen (Geschmacks-)Nuancen überzeiht. Am Ku'damm ist dies präsent in der Absenz des Glamours, der sich in den Tagen vor 1989 dort entfaltete.

War nicht Arthur Daane der traurigste Berlin-Held? Hitze mag nicht an diese Traurigkeit heranreichen, doch ist DeLoo ein enormer Held der Leere. Der Verfall DeLoos ist die Skizze eines potenziellen Verfalls Westberlins ohne Wiedervereinigung, ein Verfall in der Ausweglosigkeit, der sich schon Murnau ausgeliefert sah, um ihr letztendlich in die stilleren Gefilde Westfalens und Schwabens zu entfliehen. DeLoo verhält sich gegenläufig zur boomenden Stadt. Sie bringt es als Hauptstadt der BRD zu höchsten Ehren, während er auf die niedrigste soziale Stufe sinkt: letztmals wird er als ortloser Berber gesichtet.

Ist die Stadt ein Wald? Eine Schonung? Ein Dickicht, in dem man verschont bleibt oder der Verstrickung, dem Untergang geweiht ist, wenn man sich nicht zeigt, wenn man nicht fähig ist, eine Lichtung aufzusuchen, selbst zu roden, zu walzen, zu planieren, zu wü(s)ten?

Adrian Kasnitz

Texte:
Friedmar Apel: Das Buch Fritze. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003.
Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. EA: 1929.
Johannes Jansen: Dickicht Anpassung. Klagenfurt/Wien: Ritter 2002.
Irina Liebmann: Berliner Mietshaus. Halle: Mitteldeutscher Verlag 1982.
Heinrich Mann: Der Untertan. EA: 1918.
Cees Nooteboom: Allerseelen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1999.
Brigitte Reimann: Die Geschwister. Berlin/Weimar: Aufbau 1964.
Ralf Rothmann: Hitze. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003.
Rüdiger Safranski: Globales Dickicht. Zürich: Vontobel-Stiftung 2002.
Jochen Schimmang: Der schöne Vogel Phönix. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1979.
1 Auch Fritze schätzt diese Buslinie.